Ein Vierkampf – oder mehr?
In gut drei Wochen startet die Handball-Bundesliga in ihre neue Saison. Über die Meisterschaft, die ersten internationalen Herausforderungen sowie den Kader des SC Magdeburg sprach Kompakt mit Geschäftsführer Marc Schmedt.
Kompakt: Als wir Sie im vergangenen Jahr, zum selben Zeitpunkt wie jetzt, fragten, ob der SCM als damaliger Meister und Pokalsieger als Favorit in den Titelkampf gehe, legten Sie Einspruch ein. Diesmal ist Ihr Verein weder das eine noch das andere, dafür aber Champions-League-Sieger. Wie fällt ihre Prognose unter dieser Konstellation aus?
Marc Schmedt: Wir gehören zum Favoritenkreis, das ist nicht zu leugnen. Aber wir haben letztes Jahr schon gesehen, dass die Leistungsdichte an der Spitze breiter geworden ist. Es gibt wieder mit Sicherheit vier, fünf oder vielleicht sogar sechs Mannschaften, die für Positionen ganz oben in Frage kommen.
Was halten Sie von der These, dass es letztlich doch auf einen Vierkampf zwischen den beiden, nennen wir sie geografisch einmal Ostklubs, nämlich Berlin und Magdeburg, und den alten Nordrivalen Kiel und Flensburg hinausläuft?
Das kann am Ende auch passieren, aber Melsungen und Hannover darf man nicht abschreiben. Auch Gummersbach macht einen guten Job.
Nun sind sich die Experten landauf, landab nahezu einig darin, dass der SCM mit einem sehr erfahrenen und eingespielten Kader ins Rennen geht. Ein Vorteil?
Natürlich ist das ein Vorteil, wenn man auf einen derartigen Kader zurückgreifen kann. Einer, der die Abläufe genau kennt. Nach der Verletzungsmisere in der letzten Saison kommt es mir vor, als hätten wir jetzt fünf, sechs Zugänge. (lacht) Wie sich die Mannschaft in der letzten Saison durchgekämpft hat, wie es immer weiter ging und welch erfolgreichen Abschluss wir trotz allem feiern konnten! Man mag sich gar nicht ausmalen, wozu das Team in voller Stärke von Beginn an fähig gewesen wäre. Aber zurück zum Heute: Ja, wir sind breit aufgestellt und hoffen, dass bis auf die Langzeitverletzten Matthias Musche und Manuel Zehnder zum Saisonstart alle an Bord sind.
Der Wechsel von Rückraumspieler Elvar Jonsson von Melsungen nach Magdeburg gilt, neben dem von Marko Grgic (von Eisenach nach Flensburg), als der wahrscheinlich spektakulärste dieses Sommers. Gehen Sie da mit?
Wir sind natürlich von seinen Qualitäten tief überzeugt. Er hat im letzten Jahr noch einmal eine tolle Entwicklung genommen und wird uns auf jeden Fall verstärken. Die Kombination bei ihm ist ganz selten: Er kann im Mittelblock spielen und im Angriff sowohl auf der Halb- und Mittelposition eingesetzt werden. So kann man im Spiel auch einmal auf einen Spezialistenwechsel verzichten.
Bleiben wir noch kurz beim Kader: 2026 laufen die Verträge von sechs Akteuren aus – Sergey Hernandez, Daniel Pettersson, Tim Hornke, Christian O`Sullivan, Manuel Zehnder, Sebastian Barthold. Sehen Sie da dringenden Handlungsbedarf?
Zunächst einmal: Die Kontrakte mit Zehnder und Barthold sind der Tatsache geschuldet, dass wir viele Verletzte hatten. Ja, wir haben einige auslaufende Verträge, aber das werden wir zeitnah angehen. Das Gerüst für die Zukunft steht auf jeden Fall. Und Sie können sicher sein, dass wir gedanklich auch schon weiter sind, wenn wir zum Beispiel nur auf die Altersstruktur schauen.
Wenn am Kader etwas auffällt, dann die Tatsache, dass der SCM die Verletzungsausfälle durch Neuverpflichtungen kurzfristig kompensieren konnte. Das wäre, vor allem unter finanziellem Aspekt, vor sechs, sieben Jahren noch nicht so möglich gewesen, oder?
In den letzten vier Jahren haben wir neun Titel geholt. Dabei haben wir natürlich auch wirtschaftlich eine Entwicklung genommen. Dies gilt für die Zuschauer, wo wir in der Bundesliga zu 100 Prozent ausgelastet sind, ebenso wie für die Wirtschaftspartner. Da liegen wir derzeit bei 670 Unternehmen. Das alles ist also auf solidem Boden geschehen. Ich sag`s mal lapidar: Da ist nichts auf Pump organisiert worden. So waren wir in der Lage, eben auch Nachverpflichtungen tätigen zu können.
Zum ersten Mal seit längerer Zeit steht für das Team in der Saisonvorbereitung wieder ein Trainingslager auf dem Plan. Welche Idee verbirgt sich dahinter?
Das ist ganz einfach: Wir sind vom 6. bis 10. August auf Anfrage unseres Ausrüsters Hummel in der Schweiz. Das passt inhaltlich in unsere Saisonvorbereitung, man kann zweimal täglich trainieren und die Teambildung weiter fördern. Zumal die Entfernung in die Schweiz nicht zu weit ist. Dort werden wir gegen Aarau und Bern auch zwei Testspiele bestreiten.
Nach dem Punktspielauftakt Ende August in Lemgo folgt einen Monat darauf bereits der erste internationale Höhepunkt, die Vereins-Weltmeisterschaft in Kairo. Diesmal knapp zwei Monate früher als sonst.
Das wird wieder ein Abenteuer. Und es wird warm dort. Die Mehrbelastung nehmen wir auf uns. Wir sind als Champions-League-Sieger gesetzt. Aus Europa kommen außerdem die Top-Teams aus Barcelona und Veszprem. Dass man in diesen Reihen antreten darf, das fünfte Mal in Folge übrigens, das nehmen wir, wie gesagt, da natürlich auf uns.
Das Dumme daran ist nur, dass die Handball-Welt von diesem Aufeinandertreffen so wenig mitbekommt. Die Spiele im vergangenen Jahr fanden ja nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Keine Frage, wir würden uns natürlich mehr Zuschauer und Aufmerksamkeit wünschen. Im Inte-resse unseres Sports. 2024 war in Kairo New Capital, das noch einmal 60 Kilometer außerhalb der alten Hauptstadt liegt, leider noch weniger los als zuvor, als die WM (die damals noch Super Globe hieß, d.Red.) in Saudi-Arabien stattfand.
Zurück in die Heimat. Da sorgte zuletzt eine Meldung für Interesse, der zufolge der einstige Publikumsliebling Piotr Chrapkowski künftig wieder für den SCM tätig sein wird.
Wir wollen uns weiter im Bereich Marketing und Sponsoren-Betreuung verstärken. Da kann uns nichts Besseres passieren, als einen ehemaligen Spieler zu gewinnen. Wer Piotr kennt, weiß, was für ein sympathischer, offener und kommunikativer Mensch er ist. Hintergrund ist: Wir sind in den letzten Jahren sportlich sehr gewachsen. Da müssen wir organisatorisch mithalten, sozusagen das Team hinter dem Team weiter stärken. In der Vergangenheit war es so, dass wir, was die Personalausstattung der Geschäftsstelle betraf, mit am unteren Ende der Liga rangierten.
Wenn wir gerade von Dingen reden, die außerhalb des unmittelbaren Geschehens auf dem Parkett passieren: Wie ist aus Ihrer Sicht die immer wieder aufflackernde Diskussion um eine neue, vor allem größere Halle in der Landeshauptstadt zu bewerten.
Natürlich verstehe ich, dass die Menschen enttäuscht sind, wenn sie keine Karte bei uns bekommen. Wir sind permanent ausverkauft und die Tickets, die online zur Verfügung gestellt werden, sind mittlerweile innerhalb von einer Minute vergriffen. Bei einer Kapazität von 6.600 Plätzen gehen 5.000 an Dauerkarteninhaber und Sponsoren. Die Warteliste bei Dauerkarten umfasst derzeit 1.500 Bewerber.
Zwischenfrage zu den Tickets. Überall schießen die Preise nach oben. Wie sieht es beim SCM aus?
Wir werden Preisveränderungen von durchschnittlich fünf bis sechs Prozent haben.
Sie haben mehrfach die überragende Stimmung in der GETEC Arena hervorgehoben, die Sie nicht gern aufgeben würden. Denn auch dies sei ein Teil des SCM. Welche Folgerungen leiten sich daraus ab?
Wenn es denn eine neue Arena geben soll, ist das sicher mit einer deutlich dreistelligen Millioneninvestition verbunden. Experten reden von 170 bis 200 Millionen Euro. Und die müssten im Anschluss refinanziert werden. Da würden wiederum anschließend die Preise explodieren. Insofern warten wir erstmal ab und sind für alle Entscheidungen der Stadt Magdeburg offen, egal ob Sanierung oder Neubau. Realistisch gesehen, würden wir für eine schrittweise Modernisierung der Halle plädieren. Entscheidend ist, dass wir durchgehend eine komplette Spielstätte haben und die Kosten für alle Beteiligten vertretbar bleiben – denn das waren, wie gesagt, wichtige Grundlagen für die jüngsten Erfolge.
Nehmen wir einmal den Extremfall an: Der SCM müsste für eine Saison – oder gar noch länger – umziehen, sagen wir nach Braunschweig. Was würde das bedeuten?
Ich sage es drastisch: Dann sind wir weg.
Trotzdem entlassen wir Sie nicht ohne einen Meistertipp.
Eines von den eingangs genannten vier Teams…
Fragen: Rudi Bartlitz
Nr. 285 vom 6. August 2025, Seite 34
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