Gidsels Brandfackel
Ende August startet die Handball-Bundesliga in ihre neue Saison: mit jeder Menge Spannung. Dänischer Welthandballer: „Wir wollen alle Titel“. Von Rudi Bartlitz
Selbst wenn der scharfe Start der Handball-Bundesliga erst für den 27. August ansteht, könnte man meinen, die Klubs befänden sich allesamt schon mittendrin im Punktekampf. Ein Vorbereitungsturnier jagt das andere. Überall schossen sie regelrecht aus dem Boden. Noch nie zuvor gab es derart viele wie in diesem Jahr. Es wird getestet, was das Zeug hält. Dies alles hat aber ganz offensichtlich seinen Grund. Es steht, wenn die Experten nicht völlig danebenliegen sollten, eine Meisterschaft bevor, die es in sich hat. In der sich die Spannung noch einmal steigern könnte, in der vom ersten Tag an eine Titelhatz ansteht, die die der Vorsaison sogar noch einmal übertreffen könnte. Zumal es 2025 eine auf den ersten Blick etwas eigenwillige Konstellation gab.
Maximal vier Titel – einschließlich internationaler Wettbewerbe – waren für deutsche Teams zu vergeben. Und vier Mannschaften aus der Bundesliga teilten diese am Ende unter sich auf. Die Füchse Berlin wurden Meister, der SC Magdeburg Champions-League-Sieger, die SG Flensburg-Handewitt European-League-Sieger und der THW Kiel deutscher Pokalsieger. „Einen eindeutigen Favoriten kann man bei der aktuellen Leistungsdichte, gerade auch an der Spitze, nicht herausfiltern“, prognostiziert der frühere Weltklasse-Kreisläufer Christian Schwarzer. „Mit all den Wechseln, die stattgefunden haben, hat man mit Flensburg, Kiel, Magdeburg und Berlin wirklich vier Top-Favoriten auf die Meisterschaft“, sagt der 55-Jährige.
Hinzu kämen drei, vier Teams im erweiterten Kreis. Schwarzer: „Letztes Jahr war der THW Kiel aufgrund der Verpflichtung von Andreas Wolff mein Favorit. Dieses Jahr sehe ich die vier Mannschaften absolut auf Augenhöhe, auch was die Transferpolitik anbelangt.“ Ähnlich wie Schwarzer sehen sie es auch beim SCM. Geschäftsführer Marc Schmedt im Kompakt-Interview: „Wir haben letztes Jahr schon gesehen, dass die Leistungsdichte an der Spitze breiter geworden ist. Es gibt wieder mit Sicherheit vier, fünf oder vielleicht sogar sechs Mannschaften, die für Positionen ganz oben in Frage kommen.“ Neben Berlin, Kiel, Flensburg und dem SCM („Wir gehören zum Favoritenkreis, das ist nicht zu leugnen.“) dürfe man Hannover, und Melsungen „nicht abschreiben“. Die erste Brandfackel, die einen Vorgeschmack auf zu Erwartendes gibt, warf ausgerechnet Füchse-Star Mathias Gidsel.
Er will alle Titel. „Es wäre nicht sehr glaubwürdig, wenn wir nicht sagen würden, wir wollen diese Ziele – Meister, Champions-League-Sieger, Pokalsieger – erreichen, denn wir hatten alles im Griff letztes Jahr“, sagte der Welthandballer aus Dänemark der „Sport Bild“. Im Vorjahr spielten die Berliner die beste Saison ihrer Vereinsgeschichte. Auf den erstmaligen Gewinn der Meisterschaft folgte der Finaleinzug in der Champions League. Einzig im Pokal enttäuschten die Hauptstädter. „Ich finde, unsere Mannschaft ist noch besser als im letzten Jahr“, befand Gidsel. Der Kern des Teams ist zusammengeblieben, mit Linksaußen Aitor Arino und Spielmacher Tobias Gröndahl sind nur zwei Spieler dazugekommen. Als Hauptkonkurrenz sieht der 26-Jährige weiterhin den Erzrivalen aus Magdeburg, gegen den sie in der Königsklasse das Endspiel verloren hatten. „Die sind uns und den anderen in der Liga noch einen kleinen Schritt voraus“, sagte der Rückraumspieler. Bei allem Trubel oben, allemal lohnend erscheint auch ein Blick nach unten, auf den Kampf gegen den Abstieg. Zumal darin diesmal zwei Ost-Klubs verwickelt sein könnten: der SC DHfK Leipzig und der ThSV Eisenach.
Überraschend dabei vor allem die Messestädter, die einst mit ganz anderen Zielen angetreten waren, nämlich Anschluss an die Spitzenteams zu finden. Davon ist herzlich wenig übriggeblieben. Nach einer höchst durchwachsenen Leistung landeten die Sachsen auf Platz 13. Nur drei Siege in der Rückrunde und fünf Niederlagen am Stück zum Ausklang der Saison bieten zumindest keine unbegründete Grundlage für ein Abstiegsszenario. Es hat sich viel getan in der Sommerpause beim SC DHfK. Die Hälfte des Teams ist neu, wichtige Stützen der Vergangenheit sind weg, ein neuer Trainer (der Spanier Raul Alonso) mit neuer Philosophie an der Seitenlinie. Fünf Neuzugänge sollen den Abgang von sieben Spielern, darunter die beiden Spielmacher Luca Witzke und Andri Mar Runarsson, kompensieren. Bereits im Dezember 2024 hat Leistungsträger Viggo Kristjansson Leipzig verlassen. Bleibt die große Frage: Wo und wofür steht der SC DHfK in der nächsten Saison? „Handball ohne Limit“ soll jetzt die Devise sein, mit der man in der Messestadt durchstarten möchte.
Die Ansprüche zumindest sind, wie es scheint, weiter hoch … Etwas anders stellt sich die Situation in Eisenach dar. Hier sieht der Sportliche Leiter Maik Nowak nur ein einziges Saisonziel: den Klassenerhalt. Man stünde vor „einer Art Neuanfang“, über andere Dinge zu sprechen, hielte er für unseriös. Zumal der große und einzige Star des Teams, Nationalspieler Marko Grgic, entgegen vorherigen Versicherungen die Wartburg-Stadt schon in dieser Sommerpause gen Flensburg verließ. Dem ThSV bleibt wohl nichts anderes übrig, als wieder einmal auf die einzigartige Stimmung der Aßmann-Halle zu vertrauen. Als achter Mann quasi.
Nr. 286 vom 20. August 2025, Seite 32
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