Von draußen nach drinnen

Wer aufmerksam durch Magdeburg läuft und aufgrund seines Alters Vergleiche zu weiter zurückliegenden Jahrzehnten anstellen kann, bemerkt die Veränderung des Straßenbildes. Was sind die Gründe, dass heute weniger Menschen zu sehen sind als noch vor 50 oder gar 100 Jahren? Von Thomas Wischnewski

Cafés, Restaurants, Kneipen, Tanzlokale, Musik- und Konzertsäle, Gasthäuser und Straßencafés – Magdeburg war einst eine Boomtown für gastronomische Konzepte und Orte zum Amüsieren für über 300.000 Menschen. Das Bild zeigt die Gastronomie im Diesdorfer Hohenzollernpark. Die meisten Plätze bot der Herrenkrug. Rund 12.000 Menschen fanden hier Platz, um sich zu treffen, zu speisen und sich zu vergnügen.

Das Leben ändert sich rasant. Jedenfalls formulieren viele Journalisten unter einem wachsenden Beschleunigungsdruck. Diese Entwicklung wird aus mehreren Quellen gespeist und ist nicht allein auf die Online-Vernetzung der Welt zurückzuführen. Allerdings war letztere ein echter Katalysator. Doch zunächst müssen wir eine andere historische Ursache betrachten. Mit Beginn der Industrialisierung setzte ein grundlegender technischer und wirtschaftlicher Wandlungsprozess vom Agrarstaat zur Industriegesellschaft ein. Diese Wandlungsprozesse begannen in England bereits im 18. Jahrhundert. Unter dieser Entwicklung kam es zu einer Wanderungsbewegung. Vormals lebte die Mehrheit der Bevölkerung relativ naturnah im ländlichen Raum. Nun expandierten die Städte und zeigten oft ein rasantes Bevölkerungswachstum. Gleichfalls änderte sich die Begegnungsebene für Menschen.

 

Gastronomie-Gründerboom

 

In Städten wohnte man nun oft übereinander. In den bisherigen Dörfern waren mehrstöckige Gebäude die Ausnahme. Und in den Städten etablierte sich ein vielseitiges Leben. Schauen wir uns das am Beispiel Magdeburgs an. Cafés, Restaurants, Kneipen, Tanzlokale, Musik- und Konzertsäle, Gasthäuser und Straßencafés – Magdeburg war bis 1939 eine Boomtown für gastronomische Konzepte und Orte zum Amüsieren für über 300.000 Menschen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts zählte man in Magdeburg keine 60.000 Einwohner (1849: 58.000). Unter der einsetzenden Industrialisierung wuchs die Bevölkerung rasant. 1882 übersprang die Stadt die Marke von 100.000. Bis 1890 verdoppelte sich die Zahl auf 200.000. Die Grenze von 300.000 wurde erstmals 1930 überschritten. Industriearbeitsplätze, Zucker, Getreide, Dünger- und Futtermittelproduktionen waren die eine Seite des Booms. Nach Berlin zählte die Stadt an der Elbe zum größten Güterumschlagsplatz Preußens.

 

Parallel zur Wirtschaft entstand ein breites Freizeitangebot mit Kneipen, Cafés und Tanzlokalen. Vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts setzte ein regelrechter Gründerboom in der Gastronomie ein. Magdeburg war eine Metropole des Vergnügens und rangierte einst an 17. Stelle im Größenranking deutscher Städte. Im Leben vor hundert Jahren gab es noch keine Fernsehapparate oder sonstige Heimelektronik für die Unterhaltung der Familie. Kinos kamen erst mit den 20er Jahren auf. Die typischen Freizeitvergnügen dieser Gründerzeit beschränkten sich aufs Ausgehen, auf gemeinsames Speisen und Trinken sowie Treffen zum Tanz. Tanzsäle brauchten Platz für aufspielende Kapellen. Und die Männer trafen sich in unterschiedlichsten Vereinslokalen.

 

Der überlieferte Volksmund weiß, dass man es in dieser Boomzeit an einem Tag nicht geschafft hätte, vom Hasselbachplatz bis zum Kaiser-Wilhelm-Platz (heute Universitätsplatz) in jedes Lokal einzukehren und ein Getränk zu sich zu nehmen. In der Altstadt zählte man damals allein 20 Hotels. 26 Säle für Kongresse, Ausstellungen und Festlichkeiten hatte die Elbestadt zu bieten. Der Admirals-Palast bot im Großen Saal 1.000 Menschen Platz, die Central-Halle 1.200 Personen. Im Konzert-Haus an der Leipziger Straße 62 konnte im Großen Saal 2.700 Besuchern Programm geboten werden. Der Luisenpark und der Festsaal des Wilhelma-Restaurants bot je 2.000 Menschen Platz zum Vergnügen oder später für Film- und Lichtbildvorträge. Die Landschaft der gastronomischen Konzepte war vielseitig wie nie. Übrigens kannte man schon Anfang des 20. Jahrhunderts vegetarische Restaurants und Lokale, die ausschließlich alkoholfreie Getränke anboten. Kaffee und Kuchen wurden nicht nur in unzähligen Cafés gereicht, sondern auch zur Selbstbedienung in Automatenlokalen.

 

Das Leben ins Freie verlagert

 

Man ist geneigt, ein wenig wehmütig auf die Geschichte zu blicken. Und das nicht nur, weil die historischen Häuser, in die die Gasthäuser ihr Publikum lockten, durch die Zerstörung der Stadt ausgelöscht sind, sondern auch, weil sich das Freizeitverhalten anscheinend so sehr in die private Sphäre hin zu TV und Heimelektronik verlagert hat. Das analoge Leben der „guten, alten Zeit“ hatte offensichtlich einen außergewöhnlich lebendigen Vergnügungscharme, obwohl beispielsweise mein Großvater damals noch an sechs Tagen und bis zu 14 Stunden lang arbeitete. Im Konzert-Garten des Herrenkrugs konnten sich bis zu 12.000 Menschen einfinden. Die drei Gesellschaftsgärten des legendären Wilhelma-Restaurants boten insgesamt 10.000 Gästen Platz. Die Aufzählung ließe sich vielfach fortführen. Magdeburg – das war einst ein Ort, an dem ein quirliges, facettenreiches Miteinander existierte. Berühmt war zu dieser Zeit auch schon das regionale Traditionsgericht mit Bötel und Sauerkohl.

 

Die Elbestadt hieß deshalb auch Sauerkohl-Stadt, obwohl hier nicht von einem sauren Freizeitleben die Rede sein kann als vielmehr von vielen süßen Amüsements. Die meisten Menschen wohnten beengt mit vielen Köpfen in kleinen Wohnungen. Elektrisches Licht und fließend – wohlgemerkt kaltes – Wasser zogen in die Wohngebäude ein. Manche Tagesstunde wurde auch wegen der engen Räume ins Freie verlagert.

 

Die Wohnwelt-Bequemlichkeit

 

Die Zerstörung der Stadt im 2. Weltkrieg war eine Zäsur. Doch mitten im Wiederaufbau zogen eben jene bereits erwähnten Fernsehgeräte in die Wohnzimmer ein. Der einstige Beobachtungsposten – das Fenster – wurde von flimmernden Bildern aus der Röhre abgelöst. Auch die Musik, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts – bis auf Grammophons und die späteren Volksempfänger – konsumiert wurde, bestand mehrheitlich aus Livedarbietungen. Heute steht in fast jeder Wohnung ein großer flacher Bildschirm und die Zuschauer starren oft stundenlang auf die bunten Bildpunkte, die aus der Wand austreten. Ebenso gehört heute die private Konzertsaaltechnik zum allgemeinen Hausrat, wie Kühlschränke, Waschmaschinen und allerlei anderes elektronisches Gerät.

 

Um sich heute unterhalten zu lassen, muss man keinen Schritt vor die Wohnungstür mehr machen. Häuser verfügen zunehmend über Aufzüge. Dadurch begegnet man sich noch seltener als das beim Plausch im Treppenhaus möglich war. Wenn man heute aufmerksam durch die Magdeburger Innenstadt läuft, radeln zahlreiche Lieferanten an einem vorbei und transportieren Pizzen & Co. Das Leben hat sich vielfach von draußen nach drinnen gekehrt. Die Wohnräume sind an ihrer Quadratmeterzahl gewachsen. Lebte der durchschnittliche Deutsche 1990 noch auf 39 Quadratmetern pro Kopf, sind es heute statistisch fast 50 Quadratmeter. Wir haben uns also ganz gut mit Technik und Wohlbehagen eingerichtet. Zum Einkaufen muss man sich nicht in Geschäfte oder Einkaufsstraßen begeben. Waren werden bis zur Haustür geliefert, ob in einer hiesigen Küche zubereitet oder in China produziert.

 

So wie sich die Mehrzahl der Menschen im Alltag verhält, so verändert sich die wirkliche Welt vor den Wohnungen. Auch die individuelle Mobilität hat Einfluss auf das Straßenbild. Zogen einst viele rausgeputzte Menschen durch die Straßen, erlebt man heute Massenaufläufe nur noch, wenn große Veranstaltungen locken. Mit weiteren technischen Errungenschaften werden sich noch mehr Dienstleistungen, die bisher durch Hände Arbeit erledigt wurden, verdrängt werden. Es geht hier nicht darum, die Entwicklung zu verteufeln, sondern nur darauf hinzuweisen, wie sich das Leben vor den Haustüren weiter verändern wird. Mit der Möglichkeit von Homeofficetätigkeiten werden Arbeitswege vermieden. Reale Begegnungen auf der Straße vermindern sich auch dadurch. Entsprechend seltener wird man spontan einen Abstecher in ein Geschäft machen oder in eine gastronomische Einrichtung einkehren. Dadurch, dass die Deutschen wie im allgemeinen Trend der Industrieländer weniger Kinder bekommen, lösen sich auch Familienbande auf. Wer die Möglichkeit hat, sucht sich eine interessante und gut bezahlte Tätigkeit weitab vom Elternhaus. Entsprechend seltener kommen Familien zusammen und später, wenn Eltern Hilfe benötigen, ist eine Alltagsunterstützung durch Angehörige kaum noch möglich. Je mehr sich das Leben in Räumen abspielt, umso leerer sind Straßen und Plätze. Viele Menschen erzeugen durch ihre pure Anwesenheit einen gemeinschaftlichen Schutz.

 

Soziale Überwachung kann man dazu sagen. Bleiben Straßen und Plätze leer, sinkt die Chance des Entdeckungsrisikos für Menschen mit krimineller Energie. Die Polizei kann nicht ersetzen, was einst zahlreiche Menschen durch ihr Alltagsleben im öffentlichen Raum an Beobachtungspotenzial erbrachten. Daran ändern auch keine Rufe nach mehr Polizei etwas. Auch die kulturelle Distanz zwischen Zugewanderten und hiesig Geborenen wird jedenfalls nicht in einer absehbaren Zeit zu einem lebendigeren Leben in der Wirklichkeit führen. Wir richten uns mehrheitlich im Drinnen ein und das wird Folgen fürs Draußen haben.

Nr. 286 vom 20. August 2025, Seite 4

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