Versunken im Sand
Das Magdeburger Müllheizkraftwerk feiert das Jubiläum eines ungewöhnlichen Fußballturniers. Von Rudi Bartlitz
Müll und Sand – eine Kombination, die zunächst so gar nicht zusammenpassen will. Erst recht nicht, wenn noch ein dritter Begriff ins Spiel kommt: Fußball nämlich. Und doch, im Magdeburger Müllheizkraftwerk wissen sie damit schon umzugehen. Insbesondere dann, wenn es um ihr traditionelles Kicker-Turnier geht. Das demnächst sogar ein Jubiläum feiert. Zum bereits 20. Mal treffen sich dann Amateur-Teams, um den vom MHKW, wie das Werk in der Fachsprache heißt, gestifteten Pokal geht. Nun ja, könnte jetzt eingewendet werden, was ist daran so erwähnenswert? Fußballspiele auf Sand, das sogenannte Beach-Soccer, das gibt es anderswo auch. Richtig. Aber kaum mit einer derartig ungewöhnlichen Geschichte. Und genau dies ist der Grund, warum das Magdeburger Event so einmalig ist. Und genau darum hält das Unternehmen, so sagt es Geschäftsführer Rolf Oesterhoff im Kompakt-Gespräch, an dieser Historie fest.
Aber der Reihe nach. Alles begann 2003. Im Nordosten Magdeburgs waren sie dabei, ein großes Kraftwerk zu errichten, in dem einmal Müll verbrannt werden sollte. Oesterhoff war von Anfang an dabei. „Als wir mit dem Bau des ersten Blocks beschäftigt waren“, erzählt der 57-Jährige, „meinten die beteiligten Firmen, man könne doch, wenn schon einmal so viel Sand vorhanden sei, tief unten im späteren Müll-Bunker zur Einweihung ein Beach-Volleyballturnier austragen.“ Der studierte Ökonom wusste etwas Besseres. „Lasst uns doch einmal versuchen, da unten Fußball zu spielen“, schlug er vor. Erst einmal ungläubige Blicke – geht nicht! „Es geht alles.“ Der Geschäftsführer, ein geborener Sauerländer, blieb hart. Also los. Tonnenweise wurde Sand in die Tiefe geschüttet und eine wacklige, steile Treppenkonstruktion errichtet, auf der die Spieler später nach unten balancierten. Ein wenig erinnerte es an die Reling der Titanic. In acht Metern Tiefe, umgeben von Mauern aus kaltem unbehauenem Stein, war ein fast meterhoher Sandteppich aufgeschüttet. Es wurde ein Riesengaudi. Nur eines hatte man in der Euphorie nicht bedacht: Wie bekommen wir den Sand wieder aus dem tiefen Loch heraus …
Das war der Ursprung eines ungewöhnlichen Turniers. Das, wie sich später herausstellen sollte, sogar Einmaligkeitscharakter trägt. „Wir haben uns bei unseren Geschäftspartnern, die an vielen Baustellen der Welt zu Werke sind, erkundigt: So etwas wie in Magdeburg gibt es sonst nirgends“, berichtet Oesterhoff nicht ohne Stolz. Ein Blättern in einschlägigen, von sogenannten „Groundhoppern“ (Fußballfans, die möglichst viele Spielorte der Welt besucht haben, d. Red.) erstellten Übersichten und in diversen Fachmagazinen scheint das zu bestätigen: In einem tiefen Müllbunker wurde noch nie Beach-Soccer gespielt. Dabei existieren rund um den Erdball eine Reihe ebenso kurioser wie ungewöhnlicher Flecken, auf denen kräftig gegen das Leder getreten wird. Sei es im hohen Norden auf der norwegischen Inselgruppe der Lofoten, wo im Fischerdorf Henningsvær die Spieler ob der schmalen Insel aufpassen müssen, den Ball nicht versehentlich ins Wasser zu schießen. Sei es beim Schweizer Klub FC Gspon, der auf 2.000 Metern Europas höchstgelegenen Fußballplatz sein Eigen nennt. Erreichen lässt er sich nur per Skilift. Sei es die schwimmende Arena im Marina Bay in Singapur oder die inmitten eines riesigen Autobahnkreises im chinesischen Shenyang.
Ebenfalls nicht ohne – das Stadion im russischen Krasnoje, wo alles aus Stroh ist: Platz, Kabinen, Tribünen, einfach alles. Alle schwärmten damals vom Turnier. Manche wollten es partout nicht glauben, was da tief unter der Grasnarbe vor sich ging. Des großen Erfolgs wegen wurde es 2005 gleich noch einmal wiederholt. Da aber wegen des lieben Fußballs nicht jedes Jahr ein neuer Bunker (nebst dazugehörigem Turbinenblock und allem anderen Drumherum) errichtet werden konnte, ging es fortan draußen weiter, in enger Nachbarschaft der Blöcke 1 und 2. Natürlich weiter im tiefen Sand. Bis 2023. Der im Bau befindliche Block 3 war so weit gediehen, eine Neuauflage im tiefen Bunker zu erlauben. „Der Andrang war riesengroß“, so Oesterhoff, „wir hätten weit mehr als zwölf Teams einladen können.“ Und an diesem Andrang hat sich nichts geändert. Auch zum Jubiläum, das am 22. August auf zwei Sandplätzen im Elbauenpark und einer abendlichen Party in der Orangerie über die Runden gehen wird, gab es haufenweise Anfragen. „Wir können gar nicht anders, als das Turnier fortzusetzen“ lacht Oesterhoff. Und verweist darauf, dass in der Geschichte etwa 200 Mannschaften mit rund 2.000 Spielern im tiefen Sand versunken sind.
„Außerdem“, fügt er mit Stolz hinzu, „kommt bei unserem Charity-Turnier jedes Jahr eine vierstellige Summe für das Kinderhospiz der Pfeifferschen Stiftung zusammen.“ Nur einen kleinen Wermutstropfen hat der Geschäftsführer für all jene parat, die sich noch einmal nach Beach-Soccer unter der Erde sehnen: „Das wird wohl kaum noch einmal möglich sein, aber wir werden nach den aktuellen Baumaßnahmen auf jeden Fall wieder unmittelbar an die Kraftwerksblöcke zurückkehren.“ Es sei denn, fügen wir hinzu, das MHKW wächst weiter und weiter – und ein vierter Block erscheint zwingend nötig. Müll genug ist ja da. Dann werden die Fußballer die ersten sein, die ihre Anwartschaft auf ein Bunker-Turnier anmelden …
Nr. 286 vom 20. August 2025, Seite 33
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