Gedanken und Spaziergänge im Park: Lächerlich oder bösartig?

Die Einschulungen waren erfolgt und wir amüsierten uns über verschiedene Fotos, die von den Abc-Schützen im Netz kursierten. Manche Geschenktische sind furchtbar überladen und gleichen fast einem Hochzeitstisch. Die Zuckertüten sind so groß, dass manche fast so groß sind wie ihre kleinen Besitzer. Und was da alles drin ist! Ich erinnerte mich an meine zweite Einschulung in Schönebeck 1945. „Zweite Einschulung?“, fragte Gerd. „Ja, Die Amerikaner kamen erst am 11. April 1945 nach Schönebeck. Und so wurde ich noch zu Ostern 1945 – Ostern war am 1. April – umgeben von braun gekleideten Pimpfen und HJ-lern eingeschult und auf den Endsieg eingeschworen. In der Schultüte war nicht viel.

 

Unterricht fand dann auch nicht mehr statt und so kam es, dass wir dann im September zum zweiten Mal, diesmal antifaschistisch, eingeschult wurden. Es gab sogar eine zweite kleine Zuckertüte, für die meine Mutter extra Marzipankartoffeln angefertigt hatte. Die waren natürlich nicht aus Marzipan, sondern aus Gries, aber sie mundeten mir köstlich. Wie richtiges Marzipan schmeckt, erfuhr ich erst viele Jahre später. Ein anderer Junge hatte in seiner Zuckertüte rohe Kartoffeln und seine Mutter hatte ihm gesagt, dass er sie alle allein essen dürfe.“ „Dagegen sind heute die Schultüten nahezu fürstlich. Ähnliche Maximalmaße haben auch die Schulranzen. Sie haben fast die Größe eines Rucksacks, wie wir ihn bei der Armee auf dem Marsch trugen. Ich hatte den etwas schäbigen Ranzen meines Vaters auf dem Rücken, eigentlich nicht einmal halb so groß wie die heutigen. Und der reichte auch“. „Ja, es müssen immer Superlative sein, auch die familiären Einschulungsfeiern mit möglichst vielen Verwandten und Freunden. Aber das ist wohl auch eine Folge der Ein-Kind-Familien, dass jedes Lebensereignis des Kindes als etwas ganz Besonderes begangen wird, was es bei einem Kind ja auch ist. Bei höherer Kinderzahl würde sich das vermutlich relativieren.“

 

Kontaminierte Begriffe

 

Im vergangenen Heft der KOMPAKT-ZEITUNG wurde geschrieben, dass die traditionelle Odol-Flasche einem Plastikbehälter weichen würde. Das hat zur Folge, dass Gerd jetzt leere Odol-Flaschen sammelt, sofern er ihrer habhaft werden kann, da sie gewöhnlich im Müll landen. Er hofft, dass sie Sammlerobjekte werden und er sie später über Ebay verkaufen könnte. Freunde von uns fragten sich auch, warum dieser Wechsel, wo doch Plastikmüll vermieden werden soll. Einer meinte, dass es an irgendeiner EU-Verordnung liegen könnte, nach der Knickhals-Flaschen nicht normgerecht seien. Ein anderer dagegen sagte, dass es an unserer unseligen Vergangenheit liegen würde, denn auch die Nazis hätten diese Odol-Flaschen benutzt! Gerd lachte darüber und sagte, dass das wohl nur ironisch gemeint sein könne. Dann setzte er hinzu, dass es nicht selten sei, dass die Kontamination mit der Nazizeit für ein Bild, einen Text, ein Lied, einen Film oder eine Redensart für diese nahezu tödlich sein könne und wehe dem, der sogar dann noch Gebrauch davon macht: „Das jüngste Beispiel dafür ist wieder ein Ausspruch des bösen Höcke aus Thüringen, der auf Instagram im Zusammenhang mit der Jugendorganisation der AfD geschrieben hatte, dass Jugend durch Jugend geführt werden soll.

 

Nun wurde ihm vorgeworfen, dass das ein Grundsatz der Hitlerjugend gewesen sei. Aber ist er deshalb falsch? Auch heute werden die Jugendorganisationen aller deutschen Parteien von jungen Parteimitgliedern geleitet und nicht von älteren Langgedienten!“  Wie in manchen anderen Fällen, so auch hier: Die Nazis haben dieses Prinzip nicht erfunden, sondern von der großen deutschen Jugendbewegung nach dem ersten Weltkrieg, der Bündischen Jugend, übernommen. Eigentlich stört heute nur das Verb „führen“, da es an den „Führer“ erinnert. Würde Höcke „leiten“ gesagt haben – wäre es dann auch negativ aufgefallen? Aber bei der Gründung der Bündischen Jugend war der Begriff Führer nicht politisch anrüchig, sondern entsprach der Bedeutung des Berg- oder Reiseführers, denn die Bündische Jugend hatte zwei große Wurzeln: Die Pfadfinder und der Wandervogel. Beide stellten die größten Anteile in der Dachorganisation, die wahrlich nichts dafürkann, dass sich Hitler ab 1933 offiziell als der Führer bezeichnen ließ. Ein Titel, den die Nazis auch nicht erfunden hatten, sondern von den Faschisten Italiens übernahmen, die Mussolini ab 1925 als ihren Duce, also Führer, betitelten.

 

„Da nun der Höcke-Satz seinen Ursprung nicht in der HJ hatte“, sagte Gerd, „bemühte eine Tageszeitung einen Politikwissenschaftler, der äußerte, dass schon die Idealisierung des „Jugendführers“ in der Bündischen Jugend elitär, autoritär und antidemokratisch gewesen sei.“ „Das glaube ich nicht“, erwiderte ich, „die Bündische Jugend war keine einzelne Organisation, sondern eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl von Jugendbünden. Ein demokratisches Dach für rund hundert kleine und größere Bünde und Vereine, unter ihnen übrigens auch sechs jüdische Verbände. Bezeichnenderweise gehörten die beiden großen extremistischen und parteigeleiteten Jugendorganisationen, der Kommunistische Jugendverband Deutschlands (KJVD) und die Hitlerjugend (HJ), nicht zur Bündischen Jugend! Übrigens wurden alle diese vielen unterschiedlichen Jugendbünde nach der Machtergreifung verboten.“

 

Anschlag auf die Brandmauer

 

„Wenn nicht Höcke diesen Satz geschrieben hätte, sondern irgendjemand mit einem anderen Parteibuch, wäre es vermutlich überhaupt nicht erwähnt worden“, meinte Gerd. „Aber im Zusammenhang mit der AfD wird jede Bagatelle zu einem gefährlichen Tatbestand hochgejubelt.“ „Von so etwas war auch Anfang August zu lesen“, bestätigte ich. „Der AfD-Politiker Berndt, der im brandenburgischen Städtchen Golßen wohnt, spendete als ein Sponsor neben anderen einen Betrag für das dortige Stadtfest. Und prompt verkündete die Landtagspolitikerin Nadine Graßmel (SPD): „Wenn sich ein Politiker wie Herr Berndt öffentlich als Sponsor inszeniert, geht es nicht um Unterstützung, sondern um Einflussnahme.“ Die ehrenamtliche Bürgermeisterin von Golßen, Andrea Schulz (Unabhängige Bürgerliste), ist da anderer Meinung. „Da hat keine Partei gespendet, es ist eine Privatspende“, sagte sie der Lausitzer Rundschau. Und so denken auch die meisten Einwohner der Stadt.“

 

„Ähnlich hochgejubelt wurde in der Presse und im Fernsehen, dass die CDU-Abgeordnete Saskia Ludwig auf einem konservativen Treffen in Esztergom kürzlich mit Alice Weidel zusammentraf. Man sieht auf den Aufnahmen lediglich, dass die beiden stehend und lächelnd ein paar Worte miteinander wechseln“, berichtete Gerd, „und schon wurde es als ein Anschlag auf die Brandmauer kommentiert. Herr Stegner von der SPD forderte sogar, dass die CDU so etwas nicht dulden dürfe.“ „Ja, gegen rechts ist man sehr streng. Ich hörte von Landtagsabgeordneten, dass sie sich nicht an einen Tisch mit Kollegen von der AfD setzen und manche ihnen auch den Gruß verweigern. Irgendwie erinnert mich dieses Boykott-Verhalten im Umgang mit AfD-Politikern an schlimme Zeiten.“ „Nach links ist man aber deutlich weniger empfindlich. So war kürzlich zu lesen, dass Maja Wiens, die Vorsitzende der Omas gegen Rechts Berlin, als IM Marion über mehrere Jahre für die Stasi gespitzelt hatte. Die „taz“ berichtete vor längerer Zeit: „Wiens war IM, kein kleines Würstchen, sondern ein dicker Fisch. Von 1978 bis mindestens 1983 schrieb sie Seite über Seite voll mit Geschichten aus dem Leben auch von guten Freunden …“ Aber das stört die Omas bislang nicht.“

 

Ernstzunehmende Partner?

 

Natürlich nahm auch das Treffen von Putin und Trump in unserem Gespräch einen Platz ein. Aber was wissen wir schon darüber? Meine Erwartungen waren nicht sehr groß in Hinsicht auf irgendwelche Ergebnisse, aber ich finde es gut, dass überhaupt ein Anfang mit den Gesprächen gemacht wurde und hoffe, dass sie eine konstruktive Fortsetzung finden. Die Häme mancher Politiker und einiger Zeitungskommentatoren, dass Trump nichts zustande gebracht hätte, ist falsch. Von einem ersten Gespräch gleich eine Lösung zu erwarten, ist illusionär. Die EU wird von Putin nicht sehr ernst genommen, denn sie ist kein Staat, sondern ein Bündnis von Partnern, die in einigen Punkten durchaus verschiedener Meinung sind. Noch dazu gehört ein ernstzunehmender Gesprächspartner, Großbritannien, nicht zu ihr.

 

Gerd teilt zuerst meine Auffassung: „Aber als ich im Fernsehen tags zuvor in den Aufnahmen von der Ankunft des Außenministers Lawrow sah, dass er ein T-Shirt mit den großen kyrillischen Buchstaben CCCP – also UdSSR – trug, sank meine Hoffnung fast auf null. Lawrow ist ein mit allen diplomatischen Wassern gewaschener Außenminister. Der denkt sich was dabei, so etwas demonstrativ zu zeigen. CCCP – das ist die Sowjetunion, also ein Großrussland, wie es vor Gorbatschow bestand – inklusive der Ukraine, Weißrussland, den baltischen Staaten und den mittelasiatischen Republiken. War das ein Bluff oder zeigt es wahre Absicht? Im Falle Putin befürchte ich das letztere und das würde bedeuten, dass die Verhandlungen nur eine Farce wären.“

 

Paul F. Gaudi

Nr. 286 vom 20. August 2025, Seite 7

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