Wieder Ärger mit den Genen
Bei den bevorstehenden Leichtathletik-Weltmeisterschaften wird für Frauen ein verpflichtender Geschlechtstest eingeführt. | Von Rudi Bartlitz
Wenn am 13. September im japanischen Tokio die Leichtathletik-Weltmeisterschaften beginnen, wird es – leider – nicht allein um sportliche Höchstleistungen oder gar Rekorde gehen. Nein, dann redet auch die Medizin ein gehöriges Wort mit. Zumindest bei den Frauen. Und das kommt so: Ab September greift eine neue Regel des Weltverbands World Athletics (WA). Ihr zufolge müssen sich die Athletinnen einem einmaligen verpflichtenden Geschlechtstest unterziehen. Der Test, der das biologische Geschlecht überprüfen soll, ist für alle Weltranglisten-Wettbewerbe (somit auch für die WM) obligatorisch. Er erfolgt per Wangenabstrich oder Blutentnahme.
„Unsere Philosophie bei World Athletics ist der Schutz und die Wahrung der Integrität des Frauensports“, begründete der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands, der Brite Sebastian Coe, die Maßnahme und fügte hinzu: „Wir sagen: Auf Eliteebene darf man nur dann in der Frauenkategorie antreten, wenn man biologisch weiblich ist.“
Die Tests sollen durch die nationalen Verbände durchgeführt werden. Nach Eingang der Probe dauert die Analyse laut Weltverband je nach Land und Labor ein bis zwei Wochen. Coe weiter: „Wir sind der Meinung, dass dies ein sehr wichtiger Weg ist, um Vertrauen zu schaffen und die Integrität des Wettbewerbs aufrechtzuerhalten.“ Und er erklärte: „Der Freigabetest ermöglicht es Athleten, in der weiblichen Kategorie anzutreten. Der Prozess ist sehr einfach, sehr klar und von großer Bedeutung. Keiner dieser Eingriffe ist invasiv. Sie sind notwendig und werden nach absoluten medizinischen Standards durchgeführt.“
„Es ist in vielerlei Hinsicht eine höchst bedenkliche Entscheidung, obligatorische Geschlechtstests für alle Frauen wieder einzuführen“, hatte dazu jüngst Katrina Karkazis, eine der führenden US-Medizinethikerinnen, in einem „FAZ“-Interview betont. „Es ist eine Praxis, die seit Langem von medizinischen Fachleuten, Bioethikern und Menschenrechtsorganisationen als unethisch, unwissenschaftlich und diskriminierend verurteilt wird. Nicht nur der Leichtathletik-Weltverband, sondern auch das Internationale Olympische Komitee haben in der Vergangenheit das biologische Geschlecht überprüfen lassen, und diese Regelung wurde allgemein verurteilt.“
Ganz neu ist die Test-Verordnung vor Tokio nicht: Bereits seit dem 31. März 2023 sind Transgender-Frauen von Spitzenwettkämpfen in der Frauen-Kategorie ausgeschlossen, wenn sie die männliche Pubertät durchlaufen haben – unabhängig von ihrem aktuellen Testosteronspiegel. Eine WA-Arbeitsgruppe war zuletzt zu dem Schluss gekommen, dass die geltende Testosteron-Regel nicht streng genug sei und hat daraufhin einen SRY-Gentest vorgeschlagen.
Das Thema der Differenz der Geschlechtsentwicklung (DSD) war zuletzt öfter in den Fokus gerückt. Beim olympischen Boxturnier in Paris hatte es Debatten darüber gegeben, ob die späteren Siegerinnen Imame Khelif und Yu-tin Lin in der Frauenklasse hätten starten dürfen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte auf die Reisepässe der Athletinnen verwiesen, in denen das weibliche Geschlecht ausgewiesen ist. Aber: Erst kürzlich verkündete der neue Weltverband, im Frauenboxen einen Geschlechtertest verpflichtend einzuführen. Ab dem 1. Juli darf bei allen Wettbewerben von World Boxing nur teilnehmen, wer mittels eines PCR-Gentests sein biologisches Geschlecht bestimmen lässt. Bedeutet: Wird das männliche Y-Chromosom bei einer Boxerin nachgewiesen, wird sie automatisch für den Frauen-Wettbewerb gesperrt.
Generell wird in der Sportwelt schon länger kontrovers diskutiert, ob etwa Trans-Sportlerinnen im Frauensport antreten sollen – oder ob sie durch eine ursprünglich männliche Anatomie einen Vorteil haben könnten. Für Aufsehen sorgte etwa der Fall der zweifachen 800-Meter-Olympiasiegerin Caster Semenya, die als Person mit „Abweichungen in der sexuellen Entwicklung (DSD)“ gilt. Der Leichtathletik-Weltverband hatte sie dazu aufgefordert, Medikamente einzunehmen, um ihren erhöhten Testosteronspiegel zu senken. Semenya zog deswegen vor mehrere Gerichte.
Schlagzeilen machte auch der Fall der US-amerikanischen Schwimmerin Lia Thomas. Thomas, die bis zum Alter von 20 Jahren als Mann gelebt hatte, hatte 2022 die US-Collegemeisterschaften gewonnen. Lange Zeit hatte sie als Mann an Schwimmwettbewerben teilgenommen. 2018 outete sich Thomas als Transgender, begann eine Hormontherapie. Ab 2021 startete Thomas bei den Frauen – und löste damit Empörung aus. Dieser Tage nun hat die Universität, für die Thomas startete, ein „personalisiertes Entschuldigungsschreiben“ an jede von dem Fall betroffene Schwimmerin verschickt. Überdies musste sie eine öffentliche Erklärung abgeben, in der sie festlegt, dass sie „Männern nicht erlaubt, in weiblichen Sportprogrammen zu konkurrieren“ oder Einrichtungen zu benutzen, die für Frauen bestimmt sind, wie etwa Umkleideräume.
Schon als Thomas den College-Titel geholt hatte, gab es massive Proteste. Floridas Gouverneur Ron DeSantis beschuldigte den US-Universitätssport-Verband NCAA, den Frauensport zu zerstören. Im Juni 2022 beschloss der Weltschwimmverband, dass Transgender-Athletinnen nur an Wettbewerben teilnehmen dürfen, wenn sie nicht die männliche Pubertät durchlaufen haben und die Geschlechtsanpassung vor dem zwölften Lebensjahr stattgefunden hat. 2024 bestätigte der Internationale Sportgerichtshof CAS diese Entscheidung.
Seither wird, nicht nur in den USA, lebhaft darüber diskutiert, ob sich Personen wie Lia Thomas ungerechtfertigte Vorteile gegenüber ihren Gegnerinnen verschaffen. Weitverbreiteter Tenor: Trans-Sportlerinnen, die in der Pubertät vom Jungen zum Mann geworden sind und von der Natur mit den Nachwirkungen des begleitenden Testosteronausschusses versehen sind, seien einfach zu überlegen. Anders gesagt: Die Chancengleichheit sei nicht mehr gewahrt. Noch drastischer gesagt: Geht es weiter wie bisher, könnte zumindest der (Hoch)Leistungssport für die Hälfte der Bevölkerung bedeutungslos werden. Andere Stimmen warnen hingegen vor einer Ausgrenzung ohnehin marginaler Gruppen.
Wer nun glaubt, all die Geschichten um umstrittene medizinische Kennziffern und damit verbundene drohende Startverbote ließe sich auf den Homo Sapiens beschränken, der irrt. Denn aus Pferdekreisen verlautet Ähnliches. So machte dieser Tage die Meldung die Runde, dass „Rebel’s Romance“, der als eines der augenblicklich besten Rennpferde des Kontinents gilt, auf der größten Bühne des europäischen Galoppsports keinen Zutritt habe – dem berühmten Prix de l’Arc de Triomphe in Paris. Grund: Der siebenjährige Vollblüter ist kastriert. Und in einem Zuchtrennen seien nun einmal nur Hengste und Stuten zugelassen. Wallache nicht.
Nr. 286 vom 20. August 2025, Seite 34
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