Sprachverfall? Oder doch nur Sprachwandel

Am 28. Mai 2025 hat ein gewaltiger Erdrutsch aus Schlamm, Eis und Geröll das Dorf Blatten im Lötschental in der Schweiz verschlungen. Bereits am nächsten Tag kamen Vertreter von Medien, um von diesem verheerenden Ereignis zu berichten. Eine Reporterin eines deutschen Fernsehsenders gab eine Übersicht über die Schäden und kommentierte unter anderem: „Die Behörden sind gegenwärtig in der Situation wait and watch.“

 

Bundeskanzler Friedrich Merz wurde vom amerikanischen Präsidenten Trump wegen seiner guten Englischkenntnisse gelobt. Auch der vorherige Bundeskanzler Scholz verstand es sehr gut, sich auf internationalem Parkett in englischer Sprache zu präsentieren. Ein Lieblingsausdruck beider Herren schien und scheint „Whatever it takes“ zu sein, insbesondere, wenn es um neue Schulden geht, die letztlich natürlich dem Steuerzahler auferlegt werden.

 

Nun sieht es so aus, liebe Leserinnen und Leser, als wolle der Schreiber dieser Zeilen darauf abzielen, dass ein von manchen Menschen in Deutschland kritisierter Sprachverfall sich vor allem darin widerspiegelt, dass eben in großem Maße Ausdrücke und Wörter aus der englischen Sprache in unserer Sprache, sowohl im Alltag als auch in gehobener Sprechweise, verwendet werden. Leugnen kann sicherlich niemand mehr, dass tatsächlich insbesondere aus dem englischen und amerikanischen Sprachraum eine übergroße Zahl von Wörtern in das Deutsche Einkehr gefunden hat. Wobei wir aber unterscheiden sollten: Was ist mit der technischen Entwicklung, insbesondere der Computerindustrie, verbunden, und was sind Ausdrücke und Wendungen, die „einfach so“ übernommen werden und für die es seit Urzeiten deutsche Wörter gibt. Denn auf so manches Neuwort können wir getrost verzichten. Oder ist es gar so, dass eine Schülerin oder ein Schüler gut im Englischunterricht aufgepasst hat, ein neues Wort gelernt hat, und nun meint sie oder er, das Erlernte ja unbedingt überall und zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit anzubringen. Vielleicht ist ein solcher Eindruck nicht gerechtfertigt. Aber wie sollen sich andererseits die jungen Menschen orientieren, wenn sie in ihrer Umgebung mit Wörtern fremder Herkunft geradezu bombardiert werden: coffee to go, cool, Job, meeting, challenge, coaching, deadline, performance usw. usf.?

 

Die Frage ist eben, ob dieser Gebrauch von Wörtern aus einer fremden Sprache etwas mit Sprachverfall oder Sprachverderb unserer eigenen Muttersprache zu tun hat. Oder geschieht hier nicht doch eine natürliche Entwicklung einer natürlichen Sprache, unserer deutschen Muttersprache? Eben ein Sprachwandel? Und gab es nicht schon immer Einflüsse aus anderen Sprachen auf die Muttersprache?

 

Ja, aber es wäre sicherlich falsch, von Sprachverfall nur wegen des ständig anschwellenden Gebrauchs fremdsprachlicher Wörter, in unserem Fall besonders von Anglizismen, zu sprechen. Es ist aber so, dass Anglizismen eingesetzt werden für Begriffe und Sachverhalte, für die durchaus deutschsprachige Wörter und Wendungen existieren, wie z. B.: challenge – Herausforderung, sorry – entschuldige, es tut mir leid usw. Ist es denn nicht auch so, dass unserer eigenen deutschen Muttersprache nicht die genügende Achtung entgegengebracht wird?  Oder ist es ganz einfach so, dass wir unsere Sprache vernachlässigen, weil wir uns auf einem kulturellen, technischen und sozialen Niveau bewegen, das sich weit unterhalb von dem bewegt, welches uns aus anderen Ländern insbesondere durch die Medien vermittelt oder vorgegaukelt wird. Und so manchem Vertreter des menschlichen Geschlechts mit ursprünglicher deutscher Muttersprache dürstet danach, auch im Gebrauch der Sprache andere ganz einfach nachzuahmen.

 

Es gibt doch noch andere Aspekte unserer deutschen Sprache, die darauf hindeuten, dass diese unsere Sprache bedroht sein könnte.

 

Sehen wir uns dazu die vielen Schwierigkeiten in der Rechtschreibung an. Hand aufs Herz: wer von uns Deutschen beherrscht wirklich das Richtigschreiben? Selbst mit dem Duden in der Hand ist es schwer, Texte ohne Fehler zu verfassen.

 

Was gibt es da für Klippen in der Rechtschreibung? An erster Stelle ist zu nennen, dass es keinerlei Regeln dafür gibt, wie ein Wort geschrieben wird. Mitunter wird angeführt, dass wir ja die Aussprache eines Wortes zu Hilfe nehmen können. Aber: ‚du siehst‘ mit ‚h‘ im Wort. ‚das Biest‘ – langes ‚i‘ wie in ‚siehst‘, nur eben ohne ‚h‘. Und da fällt es auf, wenn in fetten Lettern geschrieben sieht: „Was soll mit dem Leichnahm von Laura Dahlmeier geschehen?“. Dies anstelle von ‚Leichnam‘! Weitere Beispiele der Rechtschreibung:  ‚fiel‘ – ‚viel‘, ‚Vögel‘ und ‚Füße‘ –  alle mit einem ‚f‘-Laut zu Beginn des Wortes.

 

Dann kommt als Problem die Groß- und Kleinschreibung der Anfangsbuchstaben der Wörter. Substantive (Dingwörter, Hauptwörter) werden mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben. Aber was ist ein Substantiv? Im Deutschen kann eigentlich jedes Wort ein Substantiv darstellen (‚das Aber‘, ‚im Jetzt‘, ‚während des Laufens‘, ‚das Sehen‘). 

 

An nächster Stelle der Schwierigkeiten wäre das Getrennt- oder das Zusammenschreiben von Wörtern zu nennen. ‚Die Richterin hat ihn freigesprochen.‘ Aber: ‚Sie hat frei gesprọchen.‘ (das bedeutet ohne Manuskript). ‚Er hat am Wettbewerb teilgenommen.‘ Aber: ‚Er hat sich seinen Teil genọmmen.‘ ‚Sie soll dableiben.‘ (= nicht weggehen). Aber: ‚Sie soll da bleiben, wo sie hingehört.‘ ‚Wir paddelten den Strom abwärts‘. Aber: ‚stromabwärts‘! ‚Ich muss noch lesen üben.‘ ‚Das Lesenüben bereitet mir Freude.‘ (Zusammengesetztes Substantiv, gebildet aus zwei Verben, wobei das erste Wort stärker betont ist.) ‚Ich bin krankgeschrieben.‘ (Das erste Wort ist stärker betont.) Das Problem der Getrennt- oder Zusammenschreibung bleibt heikel, und dies trotz der Rechtschreibreform um die Jahre 2000, die, um ehrlich zu sein, nicht nur zu diesem Problem keine Klarheit geschaffen hat.

 

Ignoriert wird sehr häufig die sogenannte Zeichensetzung. Mit Zeichensetzung ist gemeint, wo, an welcher Stelle in einem Satz, ein Komma gesetzt wird (oder nicht gesetzt wird). Häufig wird sich in dieser Beziehung auf die Rechtschreibreform der Jahre 2000 berufen, wonach es angeblich viel mehr Freiheit beim Setzen des Kommas gibt. Dabei wird unterschlagen, dass das Komma ein Zeichen sein kann, welches den Sinn, die Bedeutung einer Aufeinanderfolge von Wörtern völlig beeinflussen oder gar ändern kann. Und nicht zuletzt erleichtert das Komma an der richtigen Stelle das flüssige Lesen und trägt damit zum schnelleren Verständnis des Textes bei. 

 

Was haben nun solche Schwierigkeiten mit einem Verfall der Sprache zu tun? Das Problem ist, dass diese Schwierigkeiten – wie weiter oben schon angedeutet – von uns Deutschen nicht oder nicht genügend beherrscht werden und, zugegeben, auch kaum beherrschbar sind. Und es scheint leider auch so zu sein, dass in unserem öffentlichen Leben die deutsche Sprache als kulturelle Institution kaum noch eine Rolle spielt, obwohl sie doch ständig gebraucht wird. Es gibt sogar Vertreter, die der Meinung sind, dass jetzt ja doch alles digital läuft, da brauche man sich ja nicht mehr die Mühe zu machen, Wert auf die Sprache zu legen. Da gäbe es ja Rechtschreibprogramme, die richten das alles. Es fehlt schlichtweg an Bewusstsein, dass unsere deutsche Sprache gepflegt und erhalten werden sollte.

 

Das wichtigste Kriterium beim Gebrauch jeglicher Sprache, nicht nur der deutschen, ist natürlich, dass der Empfänger einer Nachricht, ob mündlich verkündet oder auf Papier geschrieben, diese Nachricht auch versteht. Und da, liebe Leserinnen und Leser, könnte man doch manchmal im Zweifel sein. Und wenn es zu Problemen in der Verständigung kommt, wäre es dann nicht angebracht, von Sprachverfall zu sprechen? 

 

In unserer Kolumne „Ich spreche Deutsch“ wollen wir das, was hier nur thesenhaft angerissen ist und das vielleicht aber auch den Widerspruch mancher Leserinnen und Leser findet, immer wieder mit unseren Beiträgen ausführlicher besprechen.

 

Dieter Mengwasser

Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

 

 

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.

Nr. 286 vom 20. August 2025, Seite 27

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