Der K.o. von Berlin

Im Spitzenduell des deutschen Handballs zerlegt der SCM die Füchse regelrecht. Spektakuläre Rauswürfe bei den Hauptstädtern werfen kein gutes Licht auf die Sportart. | Von Rudi Bartlitz

Es ist eine beliebte These, dass gute Mannschaften irgendwann aussehen wie ihre Trainer, oder umgekehrt: dass gute Trainer es schaffen, Mannschaften nach ihrem Bilde zu formen. Bennet Wiegert scheint dies zu gelingen. Foto: Peter Gercke
Dass es ausgerechnet in einer Halle passierte, die den Namen der deutschen Box-Ikone Max Schmeling trägt, hatte schon etwas Symbolhaftes. Die SCM-Handballer verpassten den Berliner Füchsen, immerhin deutscher Titelträger, am Wochenende nicht nur einen Wirkungstreffer nach dem anderen, sondern schließlich einen regelrechten Knockout. 39:32! Was für ein Statement! Und das in einer Partie, die – da waren sich die Experten einig – das Beste verkörperte, was der Welthandball auf Klubebene derzeit wohl zu bieten hat. „Wir haben gespielt, als ob es das letzte Spiel des Jahres war. Wir wollten gewinnen, nicht nur das Spiel insgesamt, sondern auch das Tempospiel“, resümierte Trainer Bennet Wiegert hinterher. Jetzt sei „die Magdeburger Seele sehr, sehr glücklich“.
 
Am Ende stimmt es fast schon ein wenig traurig, dass die Grün-Roten ihre Glücksgefühle kaum so richtig ausleben konnten. Zumindest medial nicht. Weil sie ohne eigenes Verschulden in – einzig von den Berlinern ausgelöste – Turbulenzen hineingeraten sind. Die das rein Sportliche an diesem Tag (leider) überschatten.
 
Konkret sieht das so aus: Der SCM feiert einen Triumph ohnegleichen; die Füchse konnten an diesem Tag nicht einmal als lachender Zweiter bezeichnet werden. In einem Duell zweier der weltbesten Akteure stellt der Magdeburger Gisli Kristjansson den zweimaligen Welthandballer Mathias Gidsel eindeutig in den Schatten – und was passiert? Alle Welt, und nicht allein die Handball-Gemeinschaft, spricht fast nur über die mehr als erstaunlichen personellen Umschichtungen, die der Unterlegene auf spektakuläre Weise zuvor vorgenommen hatte.
 
Die Freistellung von Sportvorstand Stefan Kretzschmar, eine der wenigen deutschen Legenden dieser Branche, und von Trainer Jaron Siewert – kaum 48 Stunden vor dem Gipfeltreffen mit den Magdeburgern verkündet – sorgte für einen wahren Orkan in den Medien. „Bild“ nannte es „DIE Handball-Meldung des Jahres!“ Für die es deutschlandweit jedoch wenig Verständnis gab. Da konnte es aus SCM-Sicht nur ein schwacher Trost sein, wenn Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning sein Vorgehen so kommentierte: „Wir haben uns für das Magdeburger Modell entschieden – Sportdirektor und Trainer in Personalunion.” Diese Funktion soll nun der Däne Nicolej Krickau ausfüllen.
 
ARD-Kommentator Florian Naß kritisierte das Vorgehen der Chefetage der Berliner als „würdelos und unwürdig“. Selbst bei vielen Füchse-Fans hinterließ der Schritt Unverständnis, bei so manchem Zornesröte. Hatten die Hauptstädter doch gerade die erfolgreichste Saison ihrer Geschichte hingelegt: mit der erstmaligen deutschen Meisterschaft und dem Einzug ins Champions-League-Finale. Doch die beiden Hauptverantwortlichen dafür wurden nun, ratzfatz, gefeuert. Diese heikle Rochade schaffte es sogar in die Hauptnachrichten der wichtigsten Sendeanstalten. Ein Novum in der hiesigen Mediengeschichte.
 
Warum befassen wir uns hier so eingehend damit? Weil es sich nicht, das zeichnet sich deutlich ab, um einen zufälligen, alltäglichen oder gewöhnlichen Vorgang handelt – der zuweilen auch in anderen Vereinen vorkommen mag. Sondern weil es ein weiteres Zeichen dafür ist, in welches Fahrwasser sich zumindest der internationale Spitzenhandball immer mehr begibt. „Der Profihandball hielt immer viel auf sich und seinen Umgang: Absprachen galten, Verträge ebenso, es gab personelle Stetigkeit bei Teams und Führung“, merkte dazu die „Frankfurter Allgemeine“ an. Das sei spätestens mit dem Füchse-Knall vorbei. „Alles wird dem Erfolg untergeordnet. Stil und Haltung haben ausgedient.“
 
Dabei sind doch gerade die Handball-Fans so stolz auf das, was sie ihrer Meinung nach vom großen Bruder Fußball unterscheidet: die Seriosität und die Bodenständigkeit ihrer Sportart. Aber wie passt es dazu, dass Trainer Siewert, der die Füchse zur ersten Meisterschaft der Klubgeschichte führte, vom eigenen Geschäftsführer ganz offiziell als „Opfer des gesamten Systems“ bezeichnet wird? Hanning, ein heiß gelaufener Enthusiast aus dem Berliner Westteil? Wohl eher nicht. Eher einer, der sich mit dem anderen Alphatier der Füchse, nämlich Kretzschmar, einen Machtkampf lieferte, der schon länger zurückreichte. Aus dem Fight mit dem Ex-Magdeburger ging Hanning im Ring der Schmeling-Halle zwar noch als Gewinner nach Punkten hervor. Aber erntete vom eigenen Anhang Pfiffe. Das gab es in 20 Jahren Füchse noch nie. Das Wort vom Pyrrhus-Sieg macht die Runde. Derweil singen die Magdeburger Fans: „Ohne Jaron habt ihr keine Chance“ und „Siewert, Siewert.“
 
Die Handball-Gemeinschaft spricht über nichts anderes, auch weil Hanning im Hintergrund offenbar längst die Fäden für die Neubesetzung gezogen hatte und schon am Sonnabend der neue Trainer und Sportchef vor der Bank stand. Eingeweihte wollen wissen, dass Berlins dänischer Superstar Gidsel, der einst jahrelang bei seinem Landsmann trainierte, daran nicht ganz unbeteiligt gewesen sein soll. Sei`s drum: So viel Disruption ist selbst für Hannings Verhältnisse ungewöhnlich.
 
Nun ja, Verhältnisse wie im Fußball – wo in Deutschland beispielweise in der zurückliegenden Spielzeit in der 2. Liga sage und schreibe in 15 von 18 Klubs Trainer vorzeitig ihren Job verloren oder wo international mit Öl-Milliarden und Geldern aus amerikanischen Private-Equity-Fonds nur so um sich geworfen wird – haben wir dennoch längst nicht. Aber der Fall Hanning/Kretzschmar zeigt exemplarisch an, wo die Reise bei den Ballwerfern langfristig hingeht.
 
Die sich häufenden Trainerwechsel in der Bundesliga in den vergangenen zwölf Monaten (insgesamt sieben) mögen nur als ein Beispiel stehen. Vier Chefcoachs (in Flensburg, Stuttgart, Erlangen, Wetzlar) waren mitten in der Saison freigestellt worden, Leipzig vollzog diesen Schritt zum Saisonende. Ein anderes Zeichen des Abgleitens der Ballwerfer auf die Fußballschiene sind die immer mehr in die Höhe schnellenden Spielergehälter und Ablösesummen (letztere in der Spitze schon im siebenstelligen Bereich) und das Mäzenatentum in einigen ausländischen Klubs. Fürwahr, keine rosigen Aussichten.

Nr. 287 vom 9. September 2025, Seite 32

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