Standpunkt Breiter Weg: Ende des Aufstiegsversprechens

Kinder sollten es mal besser als haben als ihre Eltern. Das war über viele Jahrzehnte ein Satz, unter dem man das sogenannte Aufstiegsversprechen fasste. Doch das Ifo Institut in München sagte kürzlich, dass sich für die Geburtsjahrgänge ab Ende der 1970er Jahre dieses Versprechen immer seltener erfüllen würde. Laut dem Institut sei es um die Chancengleichheit in Deutschland schlecht bestellt. Es hänge weniger vom persönlichen Einsatz ab, ob jemand zu Wohlstand kommt oder Karriere macht, als vielmehr vom Reichtum der Eltern. Das Eigenheim galt seit der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders als Statussymbol und Ausdruck persönlichen Wohlstands. Nun glauben immer mehr Menschen, dass sie sich wegen der hohen Kaufpreise, Baupreise und gestiegener Zinsen ein eigenes Haus gar nicht mehr leisten könnten. Dazu kommen steigende Mieten – vor allem in Ballungsräumen. 

 

Laut statistischem Bundesamt würde es zwar theoretisch ausreichend Wohnraum in Deutschland geben. Der Gesamtbestand der Wohnungen lag demnach bei 43,8 Millionen. Allerdings wohnen wir Deutschen heute auf viel mehr Fläche. Pro Kopf sind es inzwischen 49,2 Quadratmeter. Sich bei der Wohnung zu verkleinern, ist aber gar nicht so einfach. Oft kosten kleinere Wohnungen genauso viel wie die größeren aus einem Altmietvertrag. Und so bleibt es dann in den deutschen Metropolen bei einem Wohnungsmangel. Inzwischen sollen rund 800.000 Behausungen im ganzen Land fehlen.

 

Menschen verfügen über sensible Antennen, wenn es um Veränderungen von Lebensumständen geht. Die Sorge um bezahlbaren Wohnraum ist aber nur eine. Andere Bedenken gehen mit steigenden Insolvenzen, Arbeitsplatzverlust und Auswirkungen durch den demografischen Wandel einher. Ob soziale Standards wie Renten oder die Gesundheitsversorgung künftig im bekannten Maße aufrechterhalten werden können, ist für viele fraglich. Das schürt die Herbststimmung im Land. Und egal, welche Regierung in den vergangenen zehn Jahren auch im Amt war, die Versprechen zum Erhalt des deutschen Wohlstands fielen aus allen Mündern. Man diskutierte über Eiscremepreise für die Energiewende, Toiletten für diverse Geschlechter und erstickte Kritik an der Politik, insbesondere die zur Migration.

 

Die Leute von der SPD galten einst immer als die Guten, die von der CDU wenigstens für die Soliden. Dieser Glaube bröckelt nun stärker. In einer Demokratie machen Bürger vom demokratischen Recht Gebrauch und wählen andere, wenn sie sich von bisherigen enttäuscht fühlen. Der jahreszeitliche Herbst erscheint heute wie die Stimmung im ganzen Land. Während der Frühling im nächsten Jahr mit Sicherheit Einzug hält, wird sich an den Bürgermeinungen indes wenig ändern. Möglicherweise werden sie sogar negativer. Bürger ahnen, dass die alten Rezepte, mit denen Politik in Wachstumsphasen gemacht wurde, heute nicht mehr heilen. Doch politische Verlautbarungen kommen weiter wie Durchhalteparolen daher. Obwohl man oben weiß, wie trübe Zukunftsaussichten sind, ändern sich weder die Erzählweise noch die politischen Ideen. Der soziale Frieden ist in Gefahr und der in Europa ohnehin.

Thomas Wischnewski

Nr. 288 vom 24. September 2025, Seite 2

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