Plötzlich Herbstgedanken

Herbstgefühl

 

Fetter grüne, du Laub,

Am Rebengeländer

Hier mein Fenster herauf!

Gedrängter quellet,

Zwillingsbeeren, und reifet

Schneller und glänzend voller!

Euch brütet der Mutter Sonne

Scheideblick; euch umsäuselt

Des holden Himmels

Fruchtende Fülle;

Euch kühlet des Mondes

Freundlicher Zauberhauch,

Und euch betauen, ach!

Aus diesen Augen

Der ewig belebenden Liebe

Vollschwellende Tränen.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Es wird der Herbst so schön besungen, wie beispielsweise im voranstehenden Goethe-Gedicht. Jeder Jahreszeit wohnt im Beginn ein Zauber inne. So auch jetzt, da das Laub die Farbe wechselt. Zugleich wachsen die Tage mehr ins Grau. Mancherorts ist unter Zeltdächern ein großes Tamtam zu hören und Humpen mit Bier werden herumgereicht. In der aufgespielten Herbstfröhlichkeit wird der Sommer ertränkt. Was kommt nach dem Taumel auf Heimwegen?

 

Mäuler zerfetzen sich nicht weniger als zur Sommerzeit. Die da oben sollen die Tage leicht machen, doch die kleiden Unsicherheit in politische Nebelschwaden. Nebel gehört ebenso in den Herbst. Stürme und Regen peitschen Trübsinn vor sich her. Durch die Straßen weht ein Sturm gegen rechts, aber die Blätter bleiben liegen. Vor Zeiten sollen Menschen angepackt haben, wenn sie etwas erreichen wollten. Heute haben wir mehr Arbeitsteilung, bei der kaum sichtbar wird, welches Gerede zum Handeln führt. Baut Schienen, fahrt Busse in entlegene Landstriche, damit Autos zum Stehen kommen, gegen die in Verzweiflung Farbbeutel geworfen werden. Im Sitzen aus Ohnmacht soll eine Revolution werden? Die Straßen der Stadt, auf denen bald das gelb-braune Herbstlaub klebt, werden nicht dafür herhalten, dass der Oktober zur Verkehrswende wird, wie einst im roten Monat Mauern fielen. Unkenrufe gehören nicht nur im Frühling zur Paarungszeit, sondern in Berlin übers ganze Jahr.

 

Jeder Herbst ist anders. Jedem gebührt ein eigenes Lied. Die letzte Generation verspricht Tod und Trübsinn. Im November kommt beides sowieso. Die Weißhaarigen schütteln die Häupter, andere klatschen zum Kleben. Niemand ändert etwas. Das Klima ändert sich, vor allem in der digitalen Welt. In Bits und Bytes verbreitet sich das Geschrei. Man kennt und begegnet sich nicht und glaubt dennoch genau zu wissen, wer der jeweils andere sei. „Sex and Drugs and Rock and Roll“ wollten einst Liebe und Frieden über die Welt bringen. Jetzt ist der Flower-Power-Sommer vorbei und der Krieg steht vor der Haustür wie ein frostiger Winter. Liebe, die zwischen Menschen, ist zu Hass mutiert. Gegenseitig reißt man sich die Blätter von der Krone, die keiner mehr trägt. Welches Gedicht würde ein Dichterfürst wohl heute schreiben, wo die Fürsten hierzulande nichts mehr zu sagen haben, aber jeder das Wort schwingt, als gehörte ihm ein Zepter? Der Herbst ist heute anders bunt und Jugendtage fallen bald in den Winterschlaf.

 

Thomas Wischnewski

Nr. 289 vom 8. Oktober 2025, Seite 10

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