Das Ende eines Testspiels
Die ungewöhnliche Entlassung von FCM-Trainer Markus Fiedler – und ein paar Analogien aus dem deutschen Fußball. | Von Rudi Bartlitz
Dass Trainer in der Halbzeit eines Spiels gefeuert werden – es gehört zu jenen Schnurren, die auf Tribünen und in Kneipen noch Jahre später immer wieder gern erzählt werden. Die wohl legendärste Entlassung des deutschen Profifußballs erlebte dabei Köln – und Leidtragender war kein geringerer als der frühere Nationalkeeper Toni Schumacher.
Man schrieb den 15. Dezember 1999, Fortuna Köln spielte in der 2. Liga (!!!) gegen Waldhof Mannheim und lag bereits nach 28 Minuten mit 0:2 zurück. Schumacher trainierte damals die Fortuna – noch! Denn mit dem Halbzeitpfiff stürmte Präsident Jean Löring, in seiner Heimat nur „de Schäng” genannt, in die Kabine und entließ den Coach stehenden Fußes. Schumacher schilderte das später so: „Hau’ ab, du Wichser“, habe der Vereinsboss mit zornrotem Kopf geschrien, „du hast hier nix mehr zu sagen.“ Und sich in Hälfte zwei selbst auf die Bank gesetzt.
Dass es derartige Entgleisungen nicht nur im vom Geld-Kapitalismus regierten Profitum des Westens gab, zeigt ein Blick in die Geschichte des DDR-Fußballs. Lange vor dem Spektakel von Köln hatte der damalige Rostocker SED-Bezirkschef Harry Tisch Löring indirekt eine Vorlage geliefert. Am 8. März 1975 sorgte der allmächtige Funktionär für den wohl spektakulärsten Trainer-Rauswurf in der Historie des DDR-Fußballs. Leidtragender war Übungsleiter Heinz Werner.
In Stichworten geht die Geschichte so: Der in arge Abstiegsnöte geratene Oberligist Hansa Rostock lag im Ostseestadion gegen Tabellenführer Jena nach 20 Minuten mit 0:2 zurück. Auf der Tribüne saß, schilderte später der „Nordkurier“, Bezirksfürst Tisch – und kochte vor Wut. Er war von einer Frauentags-Feier gekommen (es war ja der 8. März) und soll nicht mehr ganz nüchtern gewesen sein. In der Halbzeitpause stürmte er von der Ehrentribüne in die Katakomben und forderte von Werner: „Du wechselst sofort Jakubowski und Kaube aus, sonst schmeiße ich dich raus.“ Der Cheftrainer weigerte sich und hörte dann nur noch, wie Tisch brüllte: „Du bist entlassen.“ Zumindest die Partie durfte Werner, da unterschied er sich von Schumacher, noch auf der Bank zu Ende bringen.
Dass ein Trainer allerdings nach einem Testspiel in die Wüste geschickt wird, könnte – soweit wir wissen – im höherklassigen Fußball dieser Republik sogar Einmaligkeitscharakter haben. Ex-FCM-Coach Markus Fiedler, dem sein Team auf dem Rasen die Gefolgschaft verweigerte und der einem im Grunde nur leidtun kann, wird damit eventuell in die Historie des deutschen Fußballs eingehen. Ob er darauf stolz ist, darf bezweifelt werden. Als der 39-Jährige Ende Juni auf der ersten Pressekonferenz nach Amtsantritt vom Kompakt-Reporter gefragt wurde, ob er glaube, mit dem vorhandenen Kader die von ihm skizzierten ambitionierten Ziele zu erreichen seien, lautete die überzeugte Antwort: „Absolut!“ Die Vorsaison habe gezeigt, „welches Potenzial in der Mannschaft steckt.“ Da ahnte er noch nicht, wie sehr er mit seiner Prognose danebenliegen sollte.
Ausgerechnet eine katastrophale Nichtleistung der Mannschaft in einem Testspiel kostete dem Schwaben dann den Job. Nach dem 0:4 in der Liga gegen Elversberg glaubten die Sportkameraden auf dem Rasen offenbar, einen Lauf zu haben und ließen – holla, die Waldfee – im Test gegen Braunschweig gleich noch ein 0:6 folgen. Die Lücken in der Abwehr waren an diesem Tag so groß, dass man sie vom Weltall aus sehen konnte, die Fehlerquote hoch genug, um Lehrbücher zu füllen.
Nur mal so eine Idee (selbst wenn die Kicker-Regeln das nicht vorsehen): Da es gegen die Niedersachsen um nichts Verwertbares ging, wäre es vielleicht ratsam gewesen, Anleihe an eine andere Sportart zu nehmen, ans Boxen. Dort jedenfalls besitzt der Trainer die Möglichkeit, bei eindeutiger Überlegenheit des Gegners das berühmte Handtuch zu werfen. Ganz einfach als Zeichen der Aufgabe. Denn aufgegeben hatte sich die Mannschaft auf dem Rasen schon längst. Durch ihr Auftreten warf sie quasi selbst das imaginäre Handtuch. Mit allen Konsequenzen, wie sich zeigen sollte. Dass sie dafür anschließend noch mit drei freien Tagen belohnt wurde, man muss es nicht verstehen.
103 Tage war Fiedler offiziell in Magdeburg im Amt. Ein ziemlich kurzer Abschnitt also. Aber im Vergleich zu anderen, frühzeitig geschassten Übungsleitern, deren Halbwertzeit unter einer Woche lag, fast schon ein Methusalem. Die kürzeste Verweildauer weist ein gewisser Jörn Andersen auf. Für den endete 2009 in Mainz die Amtszeit, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte. Andersen habe zu wenig mit der Mannschaft gesprochen, lautete damals die schräge Finito-Begründung aus der Chefetage. Zuvor hatte der Norweger die 05er allerdings ins Oberhaus geführt. Wie auch immer: Mit der kürzesten Trainerzeit in der Bundesliga (in Worten: null Tage) schrieb Andersen Fußball-Geschichte. Es kommt eben oft Anders(en), als man denkt…
Offenbar auch beim FCM. Als es am Sonntag gegen Darmstadt ging und kaum noch ein Realist etwas auf die Mannschaft gab, plötzlich der erste Hoffnungsstreif am Horizont: 0:0 beim hessischen Spitzenteam. Die Devise „Sicherheit durch Einfachheit“, die Interimstrainer Petrik Sander ausgegeben hatte, scheint zu fruchten. Hinten zumindest waren die Reihen geschlossen. Ob Sander und sein Team nun die Chance erhalten, ihr System zu verfeinern (und wie lange sie dafür Zeit erhalten), keiner weiß es – außer möglicherweise Sportdirektor Otmar Schork. Eine gute Nachricht obendrauf: Ein Testspiel steht vorerst nicht an.
Nr. 290 vom 22. Oktober 2025, Seite 22
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