Gedanken & Spaziergänge im Park: Hamburger Possen in Grün

Gerd staunt über die Hamburger: Sie hatten am 12. Oktober zwei Volksabstimmungen abgehalten. Die eine betraf das vorfristige Erreichen der Klimaneutralität. Die EU hat dafür das Jahr 2050 angepeilt, aber Deutschland als der übliche Musterknabe möchte sie schon 2045 erreichen. Hamburg übertraf mit der Volksabstimmung aber alle Erwartungen und entschied, dass die Stadt schon 2040 klimaneutral sein solle! „Ich bin verwundert,“ meinte Gerd, „denn in meinen Augen sind die Hamburger eigentlich Menschen, die realistisch denken, auch vernünftig mit Geld umgehen können. Nicht geizig darauf zu sitzen, es aber auch nicht zu verschwenden. So ist mein altes Bild vom redlichen Hamburger Kaufmann.“ „Und jetzt sind sie das in deinen Augen nicht mehr?“, fragte ich. „Nein“, antwortet er, „dieser Beschluss könnte ein wirtschaftliches Desaster werden. Ganz abgesehen davon, dass es für die Welt und das Klima völlig bedeutungslos ist, ob Hamburg klimaneutral ist oder in China der sprichwörtliche Sack Reis umfällt. Aber auf die armen Hamburger kommt einiges zu: Bis 2040 müssen alle Gas- und Ölkessel in Wohn- und anderen Gebäuden ausgetauscht werden – bei gleichzeitiger Stilllegung des Gasnetzes! Überall sollen stattdessen Wärmepumpen eingesetzt werden. Der Autoverkehr soll weiter eingeschränkt werden und Tempo 30 generell gültig sein. Und das Tollste: die Industrie soll vollständig auf Wasserstoff und E-Fuels umsteigen, die es – nebenbei bemerkt – in ausreichender Menge noch gar nicht gibt.“ „Was zum Teufel sind E-Fuels?“ „Das sind synthetische, flüssige Kraftstoffe, die aus Wasserstoff und CO₂ hergestellt werden, wobei der gesamte Prozess ausschließlich mit erneuerbarem Strom betrieben wird. Das Problem ist einerseits ihr Preis, der derzeit etwa bei 4 bis 5 Euro pro Liter liegt und andererseits, dass zu ihrer Herstellung mehr Energie erforderlich ist, als sie nachher abgeben.“ „D. h. mit anderen Worten, dass die Hamburger Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig sein könnte und aus der Stadt abwandert.“ „Das wird passieren. Auch der Hamburger Hafen, einer der größten Arbeitgeber der Region, müsste seine Logistikprozesse vollständig auf emissionsfreie Technologien umstellen, obwohl die dafür nötige Infrastruktur überhaupt nicht vorhanden ist. Bei der Hafen-Konkurrenz in Rotterdam und Antwerpen wird man sich diebisch freuen und sich die Hände reiben.“ „Dass die Hamburger sich für so etwas Riskantes entschieden haben!“ „Die meisten waren es nicht. Denn nur 43 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Abstimmung teil, so dass die Dafür-Stimmen eigentlich nur 23 Prozent, also nicht mal ein Viertel der Wahlberechtigten repräsentieren.

 

Das Desinteresse wird teuer

 

Das politische Desinteresse der Mehrheit wird die Hamburger teuer zu stehen kommen. Denn was bedeutet es, wenn für rund 750.000 Hamburger Mietwohnungen die bisherigen Öl- oder Gasheizungen umgerüstet werden müssen? Massivste Mietsteigerungen!“ „Ich erinnere mich, dass es in Hamburg schon einmal solch einen Schildbürgerstreich gegeben hat“, warf ich ein: „Der Energiekonzern Vattenfall baute von 2007 bis 2015 das Kohlekraftwerk Moorburg. Es kostete rund 3 Milliarden Euro und galt als eines der modernsten und sichersten Kraftwerke Europas, das ganz Hamburg, einschließlich der dazugehörigen Industrie mit Strom versorgen sollte. Ab 2015 regierte aber dort eine rot-grüne Koalition und der BUND klagte wegen mancherlei gegen das Kraftwerk. Vattenfall musste deshalb ständig umbauen und schrieb 2020 800 Millionen Euro Verlust! Im gleichen Jahr wurde das Gesetz zur Beendigung der Kohleverstromung beschlossen. Moorburg wurde 2021 stillgelegt und 2023 von dem Konzern an die Stadt verkauft, der die Schornsteine und die Kesselhäuser 2024/25 vorsorglich sprengen ließ, damit ja niemand auf die Idee käme, das Kraftwerk wieder betreiben zu wollen.“ „Das Narrenschiff scheint im Hamburger Hafen zu liegen und die Stadt okkupiert zu haben“, meinte Gerd.

 

Klimakrise ist Klassenfrage?

 

„Wenn die Grünen mitregieren, muss man auf allerlei riskante Experimente gefasst sein, da dann oft Ideologie vor Vernunft und Fachwissen rangiert.“ „Ja, diese Erfahrung haben wir zur Genüge während der Ampelkoalition mit dem Wirtschaftsminister Habeck gemacht“, stimmte ich zu. „Früher dachte ich, dass die Grünen eigentlich eine eher kleinbürgerliche Gruppierung wären, die eine ihrer Wurzeln in der Naturschutzbewegung hat. Aber heute sehe ich sie eher etwas links.“ „Etwas links?“, lachte Gerd, „ich sehe sie schon so weit links, dass eine Vereinigung mit der Linken bald fällig wäre! Kürzlich ging der Bundeskongress der Grünen Jugend zu Ende, auf dem das neue Führungsduo Henriette Berndt und Luis Bobga gewählt wurde. Da fielen Sätze, die mich doch sehr misstrauisch machten. Henriette Berndt sagte „Die Klimakrise, die ist kein Naturphänomen, die ist eine Klassenfrage.“ Also diesen Satz mit dem Schlagwort „Klassenfrage“ hätte ich einem Lehrer für Staatsbürgerkunde in der DDR oder einem SED-Funktionär zugeschrieben, aber nicht einer heutigen Grünen. Aber das war kein Ausrutscher, denn ihr Kompagnon Luis Bobga stieß in das gleiche Horn: „Wir werden diese Partei wieder auf links drehen! Nichts bringt dieses kapitalistische System mehr ins Wanken als junge Menschen, die sich organisieren“, sagt er. „Das sind doch klare Worte. Das kapitalistische System abschaffen, das will die Linke doch auch, oder?“ „Wundert dich das wirklich?“, fragte ich ihn. „Ende der siebziger Jahre sahen einige der radikalen Linken, dass mit der linksradikalen Ideologie nichts zu erreichen war und schlossen sich auf ihrem „Marsch durch die Institutionen“ den Grünen an. Und das mit Erfolg! Joschka Fischer gehörte früher zu der Frankfurter „Putzgruppe“, die Polizisten verprügelte. Später wurde er Außenminister, danach Lobbyist und ist jetzt Berater für Konzerne! Eine glatte 180-Grad-Wendung. Ob er das gerne hört, was die Grüne Jugend jetzt verkündete? In seiner Außenministerzeit holte er „Joscha“ Schmierer in seinen Planungsstab. Schmierer war Maoist und 13 Jahre lang Sekretär des ZK des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) und besuchte noch 1978 Pol Pot in Kambodscha! KBW-Mitglied war früher auch Winfried Kretschmann und auch Jürgen Trittin war westdeutscher Kommunist. Die Liste ließe sich noch beträchtlich verlängern. Die Grüne Jugend wandelt durchaus auf den Pfaden ihrer Väter.“ „Das scheint aber derzeit nicht sehr erfolgreich zu sein, denn laut einer neuen Wahlumfrage für Baden-Württemberg, wo die Grünen 2021 mit über 32 Prozent die stärkste Partei waren, haben sie jetzt, fünf Monate vor der Landtagswahl, gut 14 Prozentpunkte abgenommen und liegen nach der AfD, die 11 Prozent (!) zunahm, nur noch auf dem dritten Platz!“ „In dieser Situation könnten die Grünen im Ländle doch so einen klugen Kopf wie den Tübinger OB Boris Palmer, ihr früheres Mitglied, doch dringend gebrauchen.“ „Ideologen brauchen keine klugen Köpfe. Die stören das eingleisige Denken.“

 

Europas Politiker waren untätig

 

„Apropos eingleisiges oder ideologisch eingeengtes Denken,“ sagte ich, „ich finde die Berichterstattungen unserer Öffentlich-Rechtlichen, egal ob TV, Radio oder Presse, auch recht einseitig, besonders was Donald Trump betrifft. Zugegeben, er ist nicht mein Typ, wie er so auftritt. In einer Kneipe würde ich mich nicht gern zu ihm an den Tisch setzen. Aber das ist etwas anderes. In meinen Augen ist er einer der ganz Wenigen, die sich aktiv um Frieden in Gaza und in der Ukraine bemühen. Natürlich ist das schwierig und mit ständigen Rückschlägen verbunden. Aber über alles, was Trump tut und was sogar Fortschritte in Richtung Frieden bringt, wird meist nur mit Häme berichtet. So nach dem Motto: Der giert nur nach dem Friedensnobelpreis! Na und? Wenn wirklich Frieden würde? Obama, kaum ein Jahr im Amt, bekam 2009 diesen Preis und keiner wusste wofür. Im Gegenteil: Er ließ die USA 2011 an der Invasion in Libyen teilnehmen!“ Gerd stimmte mir zu: „Trump versucht es jedenfalls. Ob der Waffenstillstand in Nahost hält, ist fraglich. Die Hamas zeigt sich schon wieder bewaffnet und die rechtsextremistischen Kräfte Israels, von denen Netanjahu abhängig ist, sind auch nicht zufrieden. Aber Tatsache ist, dass Trump es gemacht hat, während Europas Politiker untätig waren oder nur einseitig Partei ergriffen haben. Ich glaube, dass einige unserer Politiker und Medien nur darauf warten, dass der Waffenstillstand in Gaza scheitert, um dann über Trump wieder spotten zu können.“

 

„Ähnlich ist es bei dem Ukraine-Konflikt. Trump versucht, irgendwie Verhandlungen und Kompromisse zu erreichen. Unsere Politiker stehen absolut zur Ukraine. Vielleicht ist das richtig, aber dann ist man als Vermittler und Friedensstifter kaum zu gebrauchen. Und so werden die europäischen Staatsoberhäupter und Frau von der Leyen bei etwaigen Friedensverhandlungen am Katzentisch sitzen, wie jetzt in Kairo und bestenfalls als Geldgeber und Beifallsklatscher gebraucht. Ich sehe es auch als Fehler an, dass der internationale Strafgerichtshof 2023 einen Haftbefehl gegen Putin ausgestellt hat. Ob das berechtigt war oder nicht: die Frage ist, wie will man Putin an den Verhandlungstisch bringen, wenn er dort eventuell abgeführt wird?“ „Ja“, nickte Gerd, „da stellte die Justiz der Diplomatie ein Bein und behindert sie. Aber Trump lässt sich dadurch nicht beirren und lädt nach Budapest ein:“ „Ausgerechnet Budapest! Wo doch der Andere sitzt, an dem unsere Presse kein gutes Haar findet!“

Paul F. Gaudi

 

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Erschienen ist inzwischen Teil III. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Nr. 290 vom 22. Oktober 2025, Seite 7

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