Ich spreche Deutsch: Mythologie und Etymologie

Keine Bange, liebe Leserinnen und Leser, diese Wörter in der Überschrift sind richtig geschrieben: ‚Mythologie‘ mit ‚h‘, ‚Etymologie‘ ohne ‚h‘.

 

Aber nun zu unserem Text. Machen Sie gerne Selfies? Also solche Fotos, bei denen Sie sich mit Ihrem Handy selbst aufnehmen? Das ist häufig so, als würden Sie sich in einem Spiegel betrachten. Ob es vor Tausenden von Jahren schon Spiegel gab, das wissen wir nicht so genau, schließlich war die Technik noch nicht so entwickelt. Also wahrscheinlich nicht. Aber sicherlich gab es schon Menschen, sicherlich auch schon eitle Menschen, die sich für schön hielten und es vielleicht auch waren. Und zu solchen Typen von Menschen gehörte ein Jüngling mit dem Namen Narcissus. Er bewunderte sein Antlitz, indem er sich über eine ebene Wasserfläche neigte und sich darin spiegelte. Das tat er wohl immer wieder; schließlich verliebte er sich so sehr in sein eigenes Spiegelbild, dass er die Liebe anderer Menschen, selbst die von weiblichen Geschöpfen, die ihm aufgrund seiner Schönheit sehr zugetan waren und ihn begehrten, verschmähte. Ein schönes Mädchen, die Nymphe Echo, fand auch kein Gehör bei Narcissus; aus Kummer verwandelte sich ihr Körper in Felsen. Nur ihre Stimme blieb als Echo erhalten. Aristoteles erklärte die Erscheinung des Echos als Rückstoß der durch einen Schall in Bewegung gesetzten Luft vor einem Hindernis.

 

Hier nun, in dem obigen Absatz, haben wir schon begonnen, Mythologie und Etymologie zu vermengen. ‚Mythologie‘ ist ein Wort aus dem Griechischen und meint im weiteren Sinne den gesamten Stoff von überlieferten Erzählungen. Sagen, Märchen, Geschichten, ob wahr oder unwahr, das gehört zur Mythologie. Wenn von griechischer Mythologie die Rede ist, dann geht es meist um Zeus als den Vater der Götter, die ihren Sitz auf dem Berg Olymp hatten, und die vielen Frauen und Kinder, die zu ihm im Verhältnis standen oder gar von ihm abstammten. Die oberste Gottheit bei den Römern war hingegen Jupiter, der Herr des Himmels und des Lichts. In den germanischen Landen war es Donar, der den Menschen beim Gewitter den Donner schickte.

 

Kommen wir zur Etymologie. ‚Etymon‘ ist ein griechisches Wort und meint ‚die wahre Bedeutung eines Wortes hinsichtlich seiner Herkunft‘. Mit anderen Worten: Die Etymologie ist die Lehre von der Herkunft, Ableitung und Grundbedeutung der Wörter, also die Rückführung eines Wortes auf seine ursprüngliche Bedeutung. Als Wissenschaft ist die Etymologie schwierig, insbesondere was unsere deutsche Sprache betrifft. Denn wer und wie kann insbesondere bei Wörtern, die wir als urdeutsch oder urgermanisch ansehen, beweisen, woher sie stammen und was ihre ursprüngliche Bedeutung war? Das ist etwas einfacher bei dem Wortschatz, der nachweislich aus griechischen und römisch-lateinischen Quellen stammt.

 

Deswegen kehren wir nochmal zu unserem schönen Jüngling Narcissus zurück. Er war ja nun so verliebt in sich selbst, dass er mit anderen Menschen nichts mehr zu tun haben wollte. Das ging so weit, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzte. Uns in der Nachwelt ist der Begriff ‘Narzist’ geblieben, was bedeutet, dass ein Mensch sich selbst besonders liebt. ‚Narzismus‘ = Selbstliebe.

 

Aber nicht genug damit. An der Stelle, an der Narcissus Selbstmord beging, soll auf seinem Blut eine schöne kräftige Pflanze gewachsen sein: die Blume mit dem Namen Narzisse. Und die Narzisse hat eine Zwiebel in der Erde, während die Krone der Blütenblätter in ihrer Neigung nach unten dem Kopf des Jünglings ähnlich sehen soll, als er sich nämlich über die spiegelnde Wasseroberfläche beugte.

 

Giftig sind die Bestandteile der Narzissenblume. Zusätzlich verströmt diese Pflanze einen betörenden Duft, der sogar betäubend sein kann. ‚Narkein’ in der griechischen Sprache, ‚betäuben’ im Deutschen. Sehen wir hier nicht einen Zusammenhang mit der bei medizinischen Operationen angewandten ‚Narkose‘? Zu Narkotika gehören Haschisch, Heroin u. a.

 

Keinesfalls friedlich war die Götterwelt. Im Jahre 1585 gab der flämische Geograph Gerard Mercator seiner Kartensammlung den Titel „Atlas“ in Anlehnung an den Titanen Atlas, der nach der Niederlage der Titanen im Krieg gegen Zeus um die Weltherrschaft dazu verdammt war, das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern zu tragen. Seit dieser Zeit wird der Begriff ‚Atlas‘ zur Bezeichnung aller Sammlungen geografischer Karten verwendet. Der Name ‚Atlas‘ ist auch dem ersten Halswirbel gegeben, der unseren Kopf stützt. Einer anderen Version des Mythos zufolge wurde der Titan Atlas zu einer Bergkette in Nordafrika (die noch heute seinen Namen trägt) versteinert, als er den von Perseus, einem Sohn von Zeus, hochgehaltenen Kopf einer Gorgone sah. Die Gorgonen waren grauenerregende Ungeheuer mit schrecklichen Gesichtern. Die Titanen bildeten ein Geschlecht von Göttern, die trotz ihrer Riesengestalten im Kampf gegen die Zeus-Götter unterlagen. Heute sprechen wir noch von einem Titan, wenn ein Mann riesengroß ist. Und die Bundesregierung könnte bei der Vielzahl von ungelösten Problemen von titanenhafter Arbeit sprechen, die derzeit zu erledigen wäre. Wobei mancher Beobachter doch glauben könnte, es handele sich um Sisyphusarbeiten, also unnütze Arbeiten, denn Sisyphus war dazu verdammt, immer wieder einen schweren Felsblock auf einen Berggipfel hinaufzuwälzen, aber dieser Gesteinsbrocken rollte stets wieder nach unten ins Tal. Titan selbst ist ein chemisch widerstandsfähiges Metall. Für den Namen des zu damaliger Zeit größten Passagierschiffes der Welt, das allerdings 1912 nach der Kollision mit einem Eisberg unterging, war durch die Erbauer und Betreiber sicherlich mit Bedacht der Name gewählt worden: Titanic.

 

Essen Sie gerne Müsli? Wenn ja, dann schauen Sie sich doch mal die Verpackung genauer an. Es ist möglich, dass Sie darauf das Wort ‚Cerealien‘ finden, vielleicht auch in der Schreibweise ‚Zerealien‘. An dieser Stelle ist anzumerken, dass bei alternativen Schreibweisen für aus fremden Sprachen stammende Wörter die Schreibweise mit dem Buchstaben ‚c‘ bevorzugt wird. Dies entspricht auch dem Trend, englischsprachige Begriffe gegenüber deutschen zu bevorzugen, ohne dass überhaupt eine solche Notwendigkeit besteht.

 

Doch es geht uns hier um Cerealien. Jupiter, der oberste römische Gott, hatte eine Schwester mit dem Namen Ceres. Sie galt als Göttin des Getreides und des Ackerbaus. Von ihr, so die Sage, hing es ab, ob und wie Weizen, Gerste, Hafer, Reis usw. wachsen, also die Körner, die wir heute auch in Form von Cornflakes oder Müsli zum Frühstück genießen. Weiter östlich, bei den griechischen Göttern, übernahm die Rolle für das Wachstum der Körner auf dem Feld ebenfalls eine Frau, nämlich die Göttin Demeter.

 

Menschliches war aber auch den Göttern nicht fremd. Wie leicht war es doch, sie zu verärgern, und sie zankten und stritten sich, so, wie es auch leider in unserer Welt zugeht. Verantwortlich für das Ressort des Zankens und Streitens war die Göttin Eris (griechisch, auf Deutsch = Streit). Sie war nicht zu einer auf dem Berg Olymp gefeierten Hochzeit anderer Gottheiten eingeladen worden. Aus Verärgerung darüber beschrieb sie einen Apfel aus Gold mit den Worten „Für die Schönste“ und ließ ihn in den Saal der Feiernden bringen. Hera, Athena und Aphrodite stritten sich um diesen Apfel, denn jede wollte doch die Schönste sein. Schiedsrichter war schließlich Paris, und die Gewinnerin war Aphrodite, nachdem sie Paris zugesichert hatte, ihm bei der Erlangung der Liebe von Helena, die als schönste Frau der Welt galt und die mit dem König von Sparta verheiratet war, zu helfen. Paris entführte Helena in seine Heimat Troja, womit er letztlich den Trojanischen Krieg auslöste. Geblieben ist uns der Begriff ‚Zankapfel’ für eine Sache, um die es Streit gibt.

 

Und wie erklärt die Etymologie das Wort ‚Deutsch’? Bereits unter Karl dem Großen (im Jahre 800 zum Kaiser gekrönt), gab es Bestrebungen, nicht nur amtsmäßig in lateinischer Sprache zu kommunizieren, sondern auch die Sprache des Volkes einzubeziehen. Das Volk der Germanen nannte sich ‚diutisk‘. Über das lateinische ‚theodiscus‘ wurde es zu ‚theudisc‘ und ‚diutisk‘. So entstand der Begriff ‚theodisca lingua‘, die ‚tiuschiu zunge‘, also unsere ‚deutsche Sprache‘. Die ‚Theodisci‘ sprachen ‚diutsch‘ oder ‚tiutsch‘. Gemäß einer Chronik von 1150 lebten sie in Dutisklant.

Dieter Mengwasser

Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.

Nr. 291 vom 5. November 2025, Seite 22

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