Römers Reich: Mikrosoziale Intensivstation

Liebe Bürger, aufgepasst! Krankheiten verbreiten sich heute nicht nur durch schnöde Keime, sondern durch die Diagnose selbst! Wir beobachten eine weltweite Diffusion von Leiden, selbst wenn jede Infektion ausgeschlossen ist. Das ist Fortschritt. Besonders bei den psychischen Belastungen werden regelmäßig neue, fantastische Krankheitsbilder aus dem Hut gezaubert. Vor den Siebzigerjahren wusste niemand, dass er am „Burnout“ litt. Heute gilt: Wer keine Diagnose hat, ist nur noch nicht gründlich genug untersucht worden. Das globale Paradebeispiel dieser Diagnosen-Pandemie ist die glorreiche „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS). Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich diese Störung nicht etwa verbreitet, weil die Brut plötzlich unruhiger wäre, sondern weil wir einfach aufmerksamer für ihre Unruhe geworden sind.

 

Drei Forscherinnen vom Wissenschaftsinstitut Berlin haben herausgefunden, dass die Ausbreitung von ADHS keiner biologischen, sondern einer sozialen Logik folgt. Weder Wohlstand noch Gesundheitssystem erklären den Anstieg in 135 Ländern. Die wahren Schuldigen sind zwei tiefgründige Phänomene: die Institutionalisierung eines „kindzentrierten Weltbildes“, in dem wir aus jedem Kind ein Hochleistungsprojekt machen sowie die Thematisierung von ADHS durch internationale Organisationen.

 

Die „Entdeckung der Kindheit“ als Lebensphase ist ein Triumph. Seit 1990 ist das Kind ein Projekt optimaler Entfaltung. Natürlich müssen wir da sensibel für Abweichungen sein. Wenn der kleine Kevin früher einfach nur Temperament hatte, ist er heute ein „Fall“. Der Wahnsinn wird noch verstärkt durch die Demografie. Weniger Kinder pro Familie bedeuten mehr hysterische Sorge pro Kopf. Die lose Beobachtung in der Großfamilie wurde ersetzt durch die engmaschige Überwachung der Kernfamilie – eine Art „mikrosoziale Intensivstation“ bezeichnen das die Wissenschaftlerinnen. Perfekt, um die Unaufmerksamkeit des Kindes mit maximaler Aufmerksamkeit zu bemerken!

 

Diese kindzentrierte Kultur wird von „Advokaten der Kinder und ihrer Probleme“ – WHO, UNICEF und NGOs – liebevoll gepflegt. Sie veröffentlichen Leitlinien und Kampagnen. Und siehe da: Je stärker ein Land in diesen Netzwerken drinsteckt, desto höher die ADHS-Rate! Was für ein Zufall!

 

Ihre Mission, „Awareness“ (Aufmerksamkeit) zu schaffen, war ein voller Erfolg. Die Abweichung von den Normen der „Selbstkontrolle und Leistungsbereitschaft“ wird zwar moralisch entlastet, aber dafür durch Diagnoserichtlinien und wohlmeinende Eltern sauber pathologisiert. Schließlich spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Getreu dem schönen Motto: „Wer einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“! Und unser Hammer ist das Wundermittel Ritalin. Da wir eine wirksame Lösung haben, ist es nur logisch, dass wir dem Problem nun etwas mehr Aufmerksamkeit widmen. Schließlich muss der Hammer ja auch benutzt werden. Geahnt haben wir das eigentlich schon immer.

Axel Römer

Nr. 292 vom 19. November 2025, Seite 3

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