Ich spreche Deutsch: Fremdwörter ohne Ende

Also, liebe Freunde, das Wort ‚Entschuldigung’ gibt es jetzt nicht mehr. Wenn ihr meint, dass ihr euch in einer Sache rechtfertigen müsst oder jemanden um Verzeihung bitten wollt, dann müsst ihr sagen: ‚Sorry!’. Aber das gefälligst mit der richtigen Aussprache, das heißt so, wie ihr ein deutsches Wort auch aussprecht, wenn es mit dem Laut ‚s’ anfängt. Also so wie bei ‚sausen’ oder ‚Sense’. Bei Menschen, die sich beruflich mit Aussprache beschäftigen, heißt das dann: ‚mit stimmhaftem s’.

 

Stimmhaftes ‚s’. Bei deutschen Wörtern! So sollte es sein, und nicht so: donnerstags gibt es gewöhnlich im Fernsehen, im ZDF, die Polit-Talkrunde mit Maybritt Illner. Vor einigen Wochen saß auch unser Bundesinnenminister in der Runde. Das Thema war Bedrohungen von außerhalb. Der Minister sprach dabei von ‚Seiberangriffen’. Das habe ich nicht sofort verstanden. Als er dann von der Erhöhung der ‚Seibersicherheit’ in Deutschland sprach, war mir klar, was er meinte: die sogenannte Cybersicherheit. Und die erwähnten Angriffe waren eben ‚Cyberangriffe’. Vor über 50 Jahren gab es, auch in der DDR, eine Welle zur Einführung der Kybernetik. Dieses Wort entstammt der griechischen Sprache und bedeutet eigentlich ‚Steuermannskunst’. Im englisch-amerikanischen Sprachraum existiert es, ebenfalls mit der Bedeutung Wissenschaft von Kommunikation und automatischen Steuerungssystemen, als ‚cybernetics’. Wir Deutsche, als gelehrige Schüler für alles, was westlich von uns kommt, haben dieses Wort gerne mit dieser Schreibweise – Buchstabe ‚c’ am Anfang –  übernommen. Und weil es so lang ist, wurde es dann zu ‚cyber’ verkürzt und tritt so in Zusammensetzungen mit deutschen Wörtern auf. Nur in Bezug auf die Aussprache müssten wir üben: bei allen englischen – und auch französischen – Wörtern, die mit dem Laut ‚s’ (und dazu zählt auch das ‚c’, wenn der folgende Vokal als ‚e’ oder ‚i’ ausgesprochen wird)  beginnen, wird der Laut ‚s’ stimmlos ausgesprochen. In manchen Nachschlagewerken finden Sie vielleicht auch, dass dieser ‚s’-Laut als ‚scharfes s’ ausgesprochen wird. Hier Beispiele aus dem Englischen, und dazu das sogar etwas ähnlich klingende deutsche Gegenstück: to say = sagen; to see = sehen. Hier erkennen Sie deutlich, welches ‚s’ stimmlos (eben im Englischen) und welches ‚s’ stimmhaft (im Deutschen) ist. Das trifft natürlich auch auf ‚Sorry’ zu! Also Freunde, wenn schon ‚sorry!’, dann aber auch bitte mit stimmlosem ‚s’. Zugegeben, das sind wir nicht gewöhnt, denn – das ist ja schon wieder die Wiederholung des Gesagten – im Deutschen wird ‚s’ am Wortanfang immer stimmhaft ausgesprochen. Manche meinen aber auch, ‚Sex’ wäre schon eingedeutscht, zumindest, wenn es eindeutig nicht mit ‚sechs’ verwechselt wird. 

 

Zwei Wörter aus fremden Sprachen – das rechtfertigt doch nicht die Überschrift oben, wo von Fremdwörtern ohne Ende gesprochen wird. Da muss doch mehr kommen! Zu diesem Zweck, liebe Leserinnen und Leser, sehen wir uns mal ein Elternmagazin an, das sich hauptsächlich an schwangere Frauen und junge Mütter wendet. Mit diesem Pflege-Guide für Babys können Sie mit Ihren Kids erstmal auf Bonding-Kurs gehen. Für die Zubereitung der Nahrung beachten Sie bitte die Rubriken ‚DO’ und ‚DON´T’. Die Fußnägel der Minis werden am besten immer gerade geschnitten. (Tatsächlich! Früher hieß es ‚unsere Kleinen’, jetzt aber sind das die ‚Minis’! Hurra!). Kinder, die neu im Breigeschäft sind, sollen sich ausprobieren dürfen. Ein paar Hacks schonen die elterlichen Nerven. Hacks? Na toll, liebe junge Eltern, da wisst ihr Bescheid, wie eure Minis sich verhalten können und gut gepflegt werden. Und wenn ihr dann noch die Trink-, Schlaf- und Windelzeiten ordentlich trackt, dann geht es nur noch aufwärts mit den Minis. Zusätzliche Hilfe dabei könnt ihr auch noch von der Baby Tracker App bekommen. Da eure Minis so nach rund sieben bis acht Monaten ihre ersten kleinen Zähnchen bekommen, solltet ihr Eltern euch um das altersgerechte Putz-Equipment sorgen. Für uns Alte, und damit sind alle Erwachsenen gemeint, sorgt meist die Hausfrau dafür, dass das richtige Ess-Equipment auch wirklich vor der Mahlzeit auf dem Tisch liegt. Übrigens: Haben Sie mitbekommen, dass Payback und der Edeka-Verbund seit Anfang 2025 ein Match sind? So, liebe Leserinnen und Leser, jetzt haben Sie einen klitzekleinen Einblick bekommen, wie unsere Kleinen – also die Minis – umsorgt werden können. Die Minis können dann ganz begierig und gelehrig aufsaugen, was ihre Mütter so an Wörtern von sich geben. Für viele von uns, insbesondere die älteren Mitbürger, sind das vielleicht Fremdwörter, aber für manche sind sie das nicht mehr, und die Kleinen, die ‘Minis’, werden damit aufwachsen; für sie ist das dann sprachlicher Alltag. Ob sie aber noch kleine Reime, einfache Sprüche, Volkslieder und ähnliches in deutscher Sprache noch kennenlernen werden?

 

Liebe Leserinnen und Leser, ich muss Ihnen gestehen, dass ich doch so einige Dinge nicht verstehe – hiermit meine ich sprachlich gesehen. Ohne nachzuschlagen und zu suchen fällt es mir schwer, die Bedeutung von manchen Wörtern festzustellen. Hier ein Beispiel aus einer Pressemitteilung: ‚Im August 2025 wurde auf der Heimreise von der Costa Brava nach Deutschland ein Angriff auf mehrere Reisebusse mit Jugendlichen verübt, bei dem Fensterscheiben zerbrachen. Der Vorfall wurde von den Jugendlichen selbst gefilmt und ging viral, was zu Berichten von verschiedenen Medien führte.’ ‚Viral’ – hat das etwas mit einem Virus zu tun? Vom Kontext her, zumindest auf den ersten Blick, überhaupt nicht. Aber zum Glück gibt es ja das Internet und schlaue Leute, die einem behilflich sind: ‚Viral gehen’ bedeutet, dass sich ein Inhalt wie ein Video, ein Meme oder ein Bild im Internet explosionsartig und in kurzer Zeit extrem schnell verbreitet. Das geschieht durch massenhaftes Teilen, Liken und Kommentieren in sozialen Medien, was weit über das ursprüngliche Publikum hinausgeht. Eine solche Verbreitung wird mit der Ansteckung durch einen Virus verglichen. Und was soll ein Meme sein? Ein Meme ist ein digitaler Inhalt (oft ein Bild oder Video mit Text), der sich schnell im Internet verbreitet und dabei oft humorvoll oder satirisch abgewandelt wird.

 

In England musste kürzlich der König ein Statement veröffentlichen. Sein Bruder Andrew dürfe sich nicht mehr ‚Prinz’ nennen, sondern er sei nur noch ein einfacher Bürgerlicher mit dem Andrew Windsor. Was uns hier interessiert, das ist das Wort ‚statement’. Es scheint so, dass dieses Wort mit Freude endlich auch von Deutschen genutzt wird. ‚Erklärung’, ‚Verkündung’, ‚Verlautbarung’, ‚Mitteilung’ – das alles ist doch viel zu schwach gegenüber einem ‚Statement’. In einem Interview mit einem Fußballspieler, das im Rundfunk ausgestrahlt wurde, sagte dieser Spieler, dass die Mannschaft N. gegen H. mit 3:0 gewonnen habe. ‚Damit hat N. ein Statement gesetzt.’, so meinte er. ‚Ein Statement setzen’ – eine Bedeutung und Verwendung dieses Wortes, die es wohl so nicht im Original-Englischen gibt. Und mir dünkt, dass auch andere Menschen dieses ‚ein Statement setzen’ gebrauchen. Das wäre dann eine Abkehr vom ursprünglichen Gebrauch dieses Ausdrucks. Es erhebt sich für uns immer wieder die Frage: ‚Was veranlasst einen Menschen, bekannte, bisher häufig gebrauchte Begriffe und Wendungen nicht mehr zu gebrauchen und statt dessen aber auf Fremdwörter zurückzugreifen?’

 

Wir haben hier in unserer Kolumne nicht den Platz, noch weitere, gegenwärtig häufig gebrauchte Wörter, die wir als Fremdwörter bezeichnen können, anzuführen und zu erklären. In einer späteren Folge werden wir sicherlich neue Verwendungen darstellen können. Bis dahin, liebe Großeltern, freuen Sie sich, wenn Sie das neue Mini, das Ihre Tochter geboren hat, auf den Arm nehmen. 

 

Wie hieß da doch ein Buch von Thilo Sarrazin? ‚Deutschland schafft sich ab’. Zusammen damit schafft sich auch die deutsche Sprache ab. Oder was meinen Sie?

Dieter Mengwasser

Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

 

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.

Nr. 292 vom 19. November 2025, Seite 11

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