Standpunkt Breiter Weg: Verlernt, miteinander zu reden

Der Mensch ist in seiner Entwicklung nur zu fassen, weil er in seiner Geschichte stets kommuniziert hat. Und blicken wir in selbige, finden wir immer Zeiten, in denen das Miteinanderreden abgebrochen wurde. Oft genug schlugen sich dann viele gegenseitig den Schädel ein. Oder schlimmer, es brach dann der technische Fortschritt in der Militärtechnologie los und tötete Millionen Unschuldige.

 

Inzwischen scheinen wir wieder in solche Zeiten zu rutschen. Mit Rechten redet man nicht, mit Putin kann es keinen Dialog geben. Während das Töten im Ukraine-Russland-Krieg weitergeht, bleibt Reden eine Mangelerscheinung. Man möchte dennoch auf Einigung hoffen. Doch wir müssen nur einen Blick auf den aktuellen Zustand der deutschen Gesellschaft werfen. Die Brandmauer wurde vor allem deswegen höher, weil eine Redeverweigerung schon am Anfang jeglicher Kritik stand. Erst waren da die Eurokritiker, mit denen ein Wortwechsel versagt wurde. Später waren es die Kritiker an der Migrations-, Asyl- und Flüchtlingspolitik, die aus dem Kreis der Diskussionswilligen ausgeschlossen wurden.

 

Was hat der Ausschluss beschert? Neue Fronten, verschärfte Ablehnung und extremere Gegenwehr. In der Tradition des christlichen Abendlandes sollte der Nächste stets einbezogen sein. Während wir die einen Fremden in die Gemeinschaft einschließen wollen, werden andere – meist hiesige – mit anderen Ansichten entfremdet bzw. aus dem Dialog ausgeschlossen. Wer mit dem Finger ausschließlich auf das böse Rechte zeigt, will den eigenen Sumpf nicht sehen. Oder eben umgekehrt. Doch genau in dieser destruktiven Spirale bewegen wir uns. Die Demokratie wird nicht einfach von irgendwem abgeschafft. Daran arbeiten alle, die in ihr wirken, mit. Und die treibendste Kraft ist dabei, das Reden miteinander zu verweigern. Grundvoraussetzung jedes demokratischen Prozesses ist Auseinandersetzung, selbst wenn diese schmerzlich ist und man im Spiegel eine hässliche Fratze sehen muss. Schön und gut ist man nur im Spiegel der anderen, nicht, weil man sich selbst so bezeichnen wollte.

 

Wenn wir Vergleiche mit der Zeit vor 100 Jahren anstellen wollen, könnten wir erkennen, wie Redeverweigerung in zunehmende Konfrontation geführt hat. Mitglieder der KPD bezeichneten Sozialdemokraten als Sozialfaschisten. Umgekehrt wurden Kommunisten als Stalinisten abgestempelt. Der Etikettenverleih hat heute wieder Hochkonjunktur. Noch bevor mit einer politischen Kraft Lösungen diskutiert werden, hat ein aufgedrückter Stempel schon das Gespräch ausgeschlossen. Eigentlich dürften wir intelligent genug sein, um das zu wissen. Und doch verhalten wir uns anders. „Wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“ So schreibt Wilhelm Busch in „Max und Moritz“. Ermahnungen haben bei den Beiden nichts bewirkt. Und so ist es unter dem Strich heute auch. Man kann sich gegenseitig zum demokratischen Diskurs auffordern, es dann aber nie tun. Es wird bald Weihnachten. Da sollten Menschen im Kreis der Gesellschaft eingeschlossen sein. Was wir vernehmen, ist, dass sich öfter die eine Ansicht über die andere stellt. Wir finden einen Weg nur gemeinsam – mit Rechten, Linken, Migranten, Andersdenkenden und allen anderen. Lasst uns zu Weihnachten mehr zusammenrücken.

Thomas Wischnewski

Nr. 293 vom 3. Dezember 2025, Seite 2

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