Wenn der Falsche gewinnt
Immer wieder sorgen Fehlurteile im Boxen für hitzige Diskussionen – so wie jüngst bei der SES-Gala in Chemnitz. | Von Rudi Bartlitz
Das Schöne am Boxen sei, sagen manche, dass sich über die Urteile der Punktrichter hinterher so trefflich streiten ließe. Mehrheitsfähig ist diese Meinung freilich nicht. Das sahen die Zuschauer der Gala des Magdeburger SES-Teams Ende November in Chemnitz ähnlich. Und so gab es für den Sieger des Hauptkampfes – ein Duell zwischen SES-Mann Artur Reis und dem Polen Mateusz Tryc um die WBO-Europameisterschaft im Halbschwergewicht – kaum anerkennenden Applaus, geschweige denn Jubelstürme. Sondern unüberhörbar Pfiffe.
Das Publikum bewies Sachverstand. Und feierte Gewinner Reis eben nicht – der als Lokalmatador angetreten war, dem eigentlich die Herzen hätten nur so zufliegen sollen. Aber: Heraus kam ein offensichtliches Fehlurteil (96:94 und 97:93 für Reis, 96:94 für Tryc). Eine Entscheidung, die zwei der drei Kampfrichter (zwei Deutsche, ein Italiener) ganz mit sich selbst und ihrer vermeintlichen Objektivität ausmachen müssen. Der immer wieder angezweifelten Glaubwürdigkeit des Faustkampfs erwiesen sie einen Bärendienst. Inzwischen hat die gegnerische Seite Protest eingelegt. Der polnische Promoter Mateusz Borek nannte die Punktrichter sogar „Diebe“. Dass auch im Netz schnell der Verdacht von Betrug und Manipulation die Runde machte, es versteht sich fast von selbst.
Natürlich, die Welt des professionellen Faustkampfes muss quasi von ihrer Geburtsstunde an mit Entscheidungen leben, in denen die Referees mit ihren Voten den Falschen küren. Mal liegen sie knapp daneben, was passieren kann. Ein andermal wieder ist es eine Farce, was als Spruch verkündet wird. Das war zu Zeiten eines Max Schmeling so und hat sich seither kaum geändert. Auch in der über 25jährigen SES-Geschichte findet sich eine Reihe von Duellen, in denen die eigenen Kämpfer am Ende enttäuscht als Verlierer aus dem Ring gingen – obwohl sie eigentlich den Sieg verdient hätten.
Warum erzählen wir das hier? Weil die Veranstaltung in Chemnitz etwas zeigte: dass nämlich ein Fehlurteil in der öffentlichen Bewertung nicht – wie es leider häufig geschieht – schöngeredet oder gar vertuscht, sondern diesmal klar und deutlich angesprochen wurde. Eine Genugtuung zumindest für alle jene, die noch an Transparenz und Ehrlichkeit in diesem hartumkämpften Gewerbe glauben, glauben wollen.
Selbst Veranstalter und SES-Chef Ulf Steinforth, der eigentlich über einen Reis-Sieg hätte jubilieren müssen, reihte sich an diesem Abend in die Schar jener ein, die keine rechte Freude über das Urteil empfinden wollten. „Für mich war der Sieger nicht Artur Reis“, sagte er im MDR-Interview unumwunden und fügte hinzu: „Ich habe ihn nicht vorn gesehen.“ Trainer Dirk Dzemski urteilte ähnlich: „Eigentlich hat er knapp verloren.“ Schon zuvor hatten zwei ehemalige Ring-Stars dasselbe geäußert. Weltmeister Sven Ottke, der für die Magdeburger einst zu einem Idol geworden war, meinte: „Der Pole hat Reis aufgefressen. Ich habe den Ausgang anders gesehen.“ Mit den Treffern, die der spätere Sieger gesetzt hat, „kann man keinen Kampf gewinnen“, hielt SES-Ex-Weltmeister Dominik Bösel mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg.
All das änderte nichts daran, dass Reis („War keine Glanzleistung von mir.“), verlegen lächelnd, mit dem Siegerkranz um den Hals den Ring verließ. Was jetzt im Nachgang noch für ein wenig Gerechtigkeit sorgen könnte, beschrieb Steinforth so: „Es ist ein enges und schwieriges Thema. Logisch wäre ein Rückkampf.“
In anschließenden Diskussionen um strittige Entscheidungen gingen oft die Gedanken zurück in das Jahr 1995, an so etwas wie die Mutter aller Fehlurteile. Zumindest aus deutscher Sicht. Schwergewichtler Axel Schulz war damals in den USA nach Strich und Faden verschaukelt worden. In Las Vegas trat der in der internationalen Szene kaum bekannte Mann aus Frankfurter/Oder gegen Weltmeister George Foreman an, machte den Kampf seines Lebens und verlor nur durch ein skandalöses Urteil. Auch wenn nahezu alle Beobachter den Deutschen nach Punkten vorn sahen, entschieden die Ringrichter für Foreman. Zwei urteilten 115:113 für den Altmeister, der dritte immerhin 114:114. Klar war: Der Titel sollte, da sprach die Macht des Geldes, geschäftsträchtig in den USA bleiben.
Kaum anders sah es 15 Jahre später aus. Nach einem grandiosen Kampf gegen Superstar Oscar de la Hoya sah Felix Sturm über zwölf Runden wie der Sieger aus. Doch so wie einst Schulz hatte der damals 25-jährige Sturm die drei US-Punktrichter gegen sich, was die meisten der über 14 000 Zuschauer mit einem Pfeifkonzert quittierten. „Dieses Urteil ist noch schlimmer als das damals gegen Axel. Denn Felix hatte noch augenscheinlicher gewonnen. Deutlicher kann man nicht siegen”, grollte Sturms Promotor Klaus-Peter Kohl. Ob die Ex-Weltmeister Roy Jones und Mike Tyson oder Leinwandheld Sylvester Stallone, ob die US-Journalisten oder die Macher vom Bezahlfernsehen HBO – alle sahen den 1:12-Außenseiter als Gewinner.
Ein wenig anders stellte sich die Szenerie 1996 in Hamburg beim deutsch-deutschen Duell zwischen Graciano Rocchigiani und Dariusz Michalczewski dar. „Rocky“ verlor durch Disqualifikation gegen den WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht, nachdem er Michalczewski in der siebten Runde beim Break getroffen hatte. Michalczewskis theatralische Reaktion auf den Schlag wurde von vielen als Versuch gewertet, sich aus einem verlorenen Kampf zu drücken. Zunächst wurde ein technisches Unentschieden verkündet, später jedoch in eine Disqualifikation Rocchigianis umgewandelt.
Und so abstrus und unglaublich es zunächst klingen mag: Selbst ein Muhammad Ali profitierte in seiner unvergleichlichen Laufbahn einmal von einem Fehlurteil. Im Fight gegen Ken „Kieferbrecher“ Norton mogelten ihn die Punktrichter zum Sieg, weil er angeblich nach Punkten vorn lag. Norton hinterher: „Ich habe mindestens neun oder zehn Runden gewonnen. Ich wurde betrogen.“ Auch hier der Hintergrund: Nur mit Ali war weiter das große Geschäft zu machen.
Nr. 293 vom 3. Dezember 2025, Seite 34
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