Politik einfach erklärt: Die Rentenlügner

Nun als Rentner hat man Zeit und auch Motivation, sich mit dem Rentensystem etwas näher auseinander zu setzen. Und, wenn man Spaß an den Lehren der Ökonomie und insbesondere auch der politischen Ökonomie hat, so kommt man nicht umhin, auch einmal nachzudenken.

 

Tja, das mit der Rente scheint ja wirklich ein Problem zu werden. Die jüngsten Vorschläge, innerhalb des bestehenden Rentensystem umzuverteilen und die Senkung der ominösen Haltelinie von 48 Prozent waren ja die letzten Säue, die man durchs Dorf beziehungsweise den deutschen Blätterwald jagte.

 

Kommen wir doch gleich mal zum Kernproblem: Als der alte Bismarck das jetzige Rentensystem einführte, dachte er an eine Art Umverteilung aus einem sich immer wieder füllenden Topf. Andere nenne es vornehm Generationenvertrag. Jeder Arbeiter und Angestellte zahlt während seines Arbeitslebens in den Topf ein und wenn er am Ende seines Arbeitslebens ist, so erhält er aus dem Topf Geld, den die nachfolgende Generation beständig und brav füllt. Die Beamten sind etwas Besonderes, aber das möchte ich jetzt nicht thematisieren.

 

Nun ging das jahrzehntelang gut. Die, die arbeiteten, zahlten ein und die, die eingezahlt hatten und nun Rentner waren, bekamen etwas ausgezahlt. Nun wissen wir alle, dass das System durch die Politik etwas missbraucht wurde. Auszahlungsansprüche haben auch die, die nicht oder nur teilweise eingezahlt haben. Aber auch das wollen wir auch mal bei Seite lassen.

 

Das, was den Rentnern zurzeit so richtig um die Ohren gehauen wird, ist die These: „Früher arbeiteten zehn Einzahler für einen Rentner, aber durch den demografischen Wandel gibt es nur noch zwei oder drei Einzahler für einen Rentner und in ein paar Jahren wird ein junger Arbeitender für einen Rentner aufkommen müssen!“

 

Das Horrorszenario: Die Jungen werden immense Beiträge zahlen müssen oder aber, ja und dann kommt die gewünschte Pointe: Die alten müssen länger arbeiten oder die Renten geringer werden. Angeblich sieht so die Solidarität mit der jüngeren Generation aus. Stimmt das wirklich?

 

Die Arbeitswelt ändert sich

 

Die Doktorandenausbildung an einer sozialistischen Hochschule sah zwangsläufig immer auch ein Studium marxistisch leninistischer Grundlagen vor. Dazu gehörte auch ein Studium der politischen Ökonomie. Ich habe, im Gegensatz zu meinen anderen Kommilitonen, mit großem Vergnügen das Kapital gelesen. Eine der wichtigen Thesen war die Theorie vom Mehrwert, der letztendlich zum Profit führt und heutzutage recht profan Gewinn heißt.

 

In der Produktion werden Kapital und Arbeit zusammengeführt. Mit Mechanisierung und Automatisation der Produktion wurden immer mehr Waren und Dienstleistungen mit weniger Arbeitskräften hergestellt. Sehr eindrucksvoll sieht man das in der Landwirtschaft:

 

Um 1900 erzeugte ein Landwirt Nahrungsmittel für vier weitere Personen; im Vergleich dazu ernährte er 1950 in der BRD zehn Personen. Im Jahr 2004 waren es bereits 143 Personen.

 

Nun ist das vielleicht ein Sonderfall, aber das Prinzip ist unstrittig. Der Anteil von konstantem Kapital zu variablem Kapital (dem Arbeiter, der Sozialbeiträge zahlt) wird immer größer. Zwar erhöht sich auch der Lohn der Arbeiter und damit seine Einzahlung in die Sozialsysteme, aber hunderte und tausende Maschinen, Roboter, moderne Technologien und ja, auch KI-Systeme verändern die Produktion und die Arbeitswelt gravierend.

 

Es ist also völlig klar, dass ein Rentensystem, das auf der Basis des einfachen Umlagemodells basiert, mit Sicherheit kollabiert.

 

Die Produktivitätskomponente

 

Gehen wir mal mit einem Gedankenexperiment an die Sache heran. Wir denken uns einen Betrieb, in der eine moderne Maschine neun Arbeiter von früher zehn ersetzt hat und die gleiche Produktionsleistung erbringt. Damit müsste nun eigentlich fiktiv der Arbeitsanteil bzw. fiktive Lohnanteil an der Produktionsleistung der Maschine den Rententopf füllen.

 

So funktioniert das natürlich nicht, macht aber klar, dass mit einer Veränderung der Arbeitswelt auch das Umlagesystem der Rentenfinanzierung stärker ein allgemeine „Produktivitätskomponente“ haben muss. Das kann eigentlich nur über eine Besteuerung funktionieren.

 

Aha! Also ist es durchaus richtig, dass ein Teil der Steuereinnahmen, d.h. der fiktive Anteil der Mehrwertschaffung durch erhöhte Arbeitsproduktivität, für die Renten da wäre.

 

Dazu kommt, dass über den Rententopf auch sogenannte „versicherungsfremde“ Leistungen mitgezahlt werden. Wie viel das ist, da streiten sich die Gelehrten. Einig ist man aber, dass der Steuerzuschuss in etwa diese Leistungen abdeckt.

 

Also ist in der Steuerzuführung kein Anteil für die Produktivitätskomponente enthalten! Das bedeutet aber, dass mit dem derzeitigen Arbeitnehmer und Arbeitgeberanteil der Rentenkomponente der Effekt der Produktivitätssteigerung mitfinanziert wird! Haben Sie noch Fragen, warum der Faktor Arbeit so hoch mit Sozialabgaben belastet ist? Halt, eine Frage bleibt doch noch: Bei so großem Produktivitätszuwachs müsste doch eigentlich ein Arbeitskräfteüberschuss herrschen?

 

Nun 40 oder 35 Stunden Arbeitswoche und mehr Urlaub können nicht allein als Erklärung herhalten. Aber, wenn man sich die Struktur des Arbeitskräfteeinsatzes und den Aufwuchs an öffentlichen Institutionen und bürokratischen Kontrollgremien anschaut – nun da dürfte mehr über Produktion geschrieben als produziert werden.

 

Das kommuniziert erstaunlich mit der allgemeinen Forderung nach Bürokratieabbau. Politische Ökonomie kann durchaus logisch sein!

 

Gehaben Sie sich wohl!

Ihr Holger Neumann

Nr. 293 vom 3. Dezember 2025, Seite 5

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