Gedanken- & Spaziergänge im Park: Ein Osterspaziergang
Als wir zu Ostern kurz unterwegs waren, denn in unserem Alter werden weite Wege immer beschwerlicher, erinnerten wir uns an den Osterspaziergang aus „Faust“ von Goethe. Wir rezitierten und staunten, dass er im Gedächtnis verwahrt ist und dass wir darauf zugreifen konnten, was auf unser Namensgedächtnis nicht so zutrifft. Lediglich in der Mitte vertauschte ich zwei Zeilen, was Gerd sofort korrigierte. „Ob das bei Jüngeren auch so präsent ist?“, fragte ich. „Ich glaube nicht, dass das Auswendiglernen von Gedichten für so wichtig erachtet wird wie zu unserer Zeit.“ „Wahrscheinlich nicht. Aber ich las, dass in einigen Schulen oder Bundesländern Faust überhaupt kein Lehrstoff mehr ist.“ „Und wenn, dann oft in sogenannter einfacher Sprache“, erwiderte ich. „Ich habe im Internet mal einen Text gefunden, wie Schülern der Osterspaziergang erläutert wird: „Es ist Frühling. Das Eis auf den Flüssen und Bächen schmilzt, weil die Sonne wieder kräftiger scheint. Der kalte Winter zieht sich in die hohen Berge zurück. Die Natur wird bunt: Überall fängt es an zu grünen. Da es im frühen Frühling noch nicht viele Blumen gibt, bringen die Menschen mit ihrer bunten Kleidung Farbe in die Landschaft. Die Menschen feiern: Am Ostersonntag verlassen die Menschen ihre engen Häuser und dunklen Zimmer in der Stadt. Sie gehen hinaus in die Natur, um die Sonne und die frische Luft zu genießen. Überall sieht man fröhliche Gruppen auf den Feldern und im Dorf. Es herrscht eine gute Stimmung, und alle freuen sich über die Freiheit und das neue Leben im Frühling. Die Hauptfigur Faust fühlt sich in der Menge sehr wohl. Sein bekanntester Satz am Ende lautet: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Das bedeutet, dass er sich hier frei und lebendig fühlt, ohne den Druck seiner Arbeit oder seiner Sorgen.“
Dümmer als die Vorgeneration
„Hör auf!“, rief Gerd, „da ist von der Poesie dieses Textes nichts mehr übriggeblieben! Ist das nicht ein generelles Problem? Man hört, dass die Ansprüche in den Schulen herabgeschraubt werden. Kürzlich hieß es, dass Niedersachsen das schriftliche Dividieren abschaffen wolle, da es für Grundschüler zu schwierig sei.“ „Auch im Sportunterricht gibt es solche Tendenzen. Die Schülervertretung in Schleswig-Holstein fordert die Abschaffung der Sportzensuren, weil damit Talent und körperliche Voraussetzungen bewertet würden. Weniger Sportliche könnten sich dadurch in ihrer Körperlichkeit negativ bewertet fühlen und das könne eventuell psychische Schäden nach sich ziehen.“ „Das ist alles schwer zu verstehen“, meinte Gerd kopfschüttelnd dazu. „Es ist nun mal Realität, dass wir Menschen keine KI-gestützten Massenanfertigungen sind, sondern sehr unterschiedliche Individuen mit verschiedenen Stärken und Schwächen. Das zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen, ist ein Prozess, der das ganze Leben anhält. Dazu gehört, dass man zu akzeptieren lernt, dass man kein Alleskönner ist, selbst wenn dies Eltern ihrem Kind von klein auf an suggerieren.“ „Die drei Besten unserer Klasse, alles Einsen, waren sportlich Nieten. Kamen beim Laufen als Letzte an, sprangen zu kurz, litten aber nie darunter, denn sie kannten ihre Stärken. Andererseits gab es schwächere Schüler, die sportlich die Siege abräumten und oft mehr bewundert wurden als die „Streber“. Die Nivellierung der Ansprüche auf das Niveau der Schwächsten führt zur steten Senkung des Leistungswillens. Und das in einer Leistungsgesellschaft! Wir leben doch nicht im Schlaraffenland, wo einem die gebratenen Tauben ins Maul fliegen.“ „Aber zurück zum Osterspaziergang“, sagte Gerd. „Natürlich ist die Sprache Goethes wesentlich anders als die heutige, aber viel reicher. Es ist meines Erachtens die Aufgabe eines Lehrers, den Schülern diese Sprache zu erläutern, ihnen ihre Schönheit aufzuzeigen und ihnen dadurch die Möglichkeit zu geben, die frühere Literatur zu verstehen, sie zu genießen und den eigenen Wortschatz zu erweitern. Wir hatten jedenfalls solche großartigen Lehrer.“
In diesem Punkte waren wir uns einig, obwohl insgeheim die Frage auftauchte, ob wir noch in die heutige Welt passten. Gerd ergänzte das Gesagte durch eine Untersuchung, von der er kürzlich gelesen hatte. Es ging dabei um die sogenannte Generation Z, also um die heute 15- bis 30-Jährigen, über die ein amerikanischer Neurowissenschaftler berichtete: Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird die kognitive Entwicklung gemessen. In diesem langen Zeitraum war es so, dass jede Generation im Durchschnitt in Wissen und Können besser als die ihrer Eltern war. Die Generation Z sei die erste Generation in der modernen Geschichte, die bei praktisch allen kognitiven Messgrößen schlechter abschneidet als die vorangegangene. Das gelte sowohl für Aufmerksamkeit als auch für das Gedächtnis, die Lese- und Schreibfähigkeit, die Rechenfähigkeit und damit für den allgemeinen IQ. Und das bei meist längerem Schulbesuch! Ein Wissenschaftler der Universität Augsburg, Klaus Zierer, kam zu ähnlichen Ergebnissen: „Die jetzige Schülerschaft ist in fast allen Messungen des Bildungsbereiches schlechter als die vorausgehende Schülerschaft – und das ist zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Fall.“ Auch in den PISA-Studien gehen seit dem Höchststand 2012 die Kurven der abgefragten Leistungen stetig bergab. Er sagt im Hinblick auf den Gebrauch von Handys und Tablets in der Schule: „In der Phase des Erlernens von Grundkompetenzen ist die Technik völlig unbrauchbar.“ Die Digitalisierung des Lernens habe meist negative Folgen, wie sinkende Denkleistungen und Sprachdefizite. Ich stimmte Gerd zu: „Durch den dauernden Gebrauch der Smartphones mit der speziellen Ausdrucksweise, Anglizismen und Abkürzungen kommt es zu einer Verarmung der Sprache, die infolge mangelnder literarischer Interessen nicht mehr korrigiert wird.“ Gerd nickte: „Wenn die Sprache eines Volkes stirbt, stirbt seine Seele. Das siehst du an den früher kolonisierten Völkern, deren offizielle Sprache jetzt die ihrer ehemaligen Kolonialherren ist. Und dazu passend ist: Die Selbstfindung dieser Völker begann oft mit der Wiederentdeckung und der Förderung ihrer ursprünglichen Sprache.“
Obrigkeits- und Volksmeinung
Wir kamen wieder auf Ostern zurück, denn Gerd hatte gelesen, dass der Antisemitismus-Beauftragte Niedersachsens vor einem unreflektierten Umgang mit den Passionswerken von Johann Sebastian Bach und anderer Komponisten gewarnt hätte. In diesen musikalischen Werken würde das anti-jüdische Klischee verbreitet, dass „die Juden“ den Tod Jesus verschuldet hätten. Er meinte, dass es besser wäre, diese Passionen aus Solidarität mit Israel zumindest eine Zeitlang nicht aufzuführen. „Da frag ich mich“, kommentierte Gerd, „wann der Herr Beauftragte vor dem Lesen der vier Evangelien des Neuen Testaments warnen wird. In den Texten, die Bach in den Passionen für die Arien und Choräle geschrieben oder verwendet hat, kommen die Juden nicht vor, sondern sie werden ausschließlich im Sprechgesang des Evangelisten genannt. Diese beklagten Texte wurden aber wortwörtlich den Evangelien entnommen. Müssen die nun unter Verschluss?“ „In den Texten kommen die Juden wirklich nicht gut weg“, warf ich ein. „Sie rufen „Kreuzige ihn“ und „Gib Barrabas frei“ statt Jesus.“ „Das stimmt, aber das waren nur wenige! Stell dir die Situation vor: Es waren die Tage vor Pessach: Pessach ist das Fest, das die Befreiung Israels aus der ägyptischen Gefangenschaft feiert. Zu Jesu Zeiten war Israel wieder unter einer Fremdherrschaft, der römischen. Es gab vereinzelt aufrührerische Stimmung. Wenige Tage vorher, an unserem Palmsonntag, taucht der recht unangepasste Jesus auf und das Volk begrüßt ihn wie einen Befreier. Er geht in den Tempel und schmeißt die dort anwesenden Händler und Geldwechsler raus und stößt ihre Tische um. Die Hohen Priester hatten sie geduldet und verdienten sicher mit daran. Er benahm sich revolutionär und die Hohen Priester fürchteten, dass ihr halbwegs konfliktarmes Auskommen mit dem römischen Statthalter Pontius Pilatus gestört werden könnte und wollten daher Jesus loswerden. Pilatus kam zu Pessach nach Jerusalem, während er sich meist fern von der trubeligen Stadt hielt und lieber in seiner Residenz Caesarea Maritima am Mittelmeer weilte. Die Priester ließen in der Nacht zu Karfreitag Jesus von ihren Bewaffneten verhaften und vor ein Tribunal des Hohen Rates und der Schriftgelehrten führen, die ihn der Gotteslästerung bezichtigten. Allerdings wollten sie Pilatus die Schmutzarbeit des Todesurteils durchführen lassen und führten Jesus am frühen Morgen zum Palast, in dem Pilatus weilte, wo er mit Jesus sprach. Die Klage und Verurteilung Jesu fand dann vor dem Palast statt. Das war kein großer Marktplatz, sondern ein Innenhof, in dem keine großen Volksmengen anwesend waren. Von den Juden waren die Hohen Priester, Schriftgelehrten und die Ältesten anwesend. Vielleicht zwei bis drei Dutzend? Dazu sicher eine Anzahl römischer Beamten und Legionäre. Jedenfalls nicht das Jerusalemer Volk, das vermutlich nicht einmal wusste, was sich da am frühen Morgen abspielte. Die einfache Jerusalemer Bevölkerung wäre sicher nicht in den Palasthof hineingelassen worden. Vom Volk berichtet Lukas (Kap. 23, Vers 27) von dem Mitgefühl und der Trauer über die Verurteilung auf dem Weg nach Golgatha: „Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die beklagten und beweinten ihn“. Du siehst also, dass das jüdische Volk, „die Juden“, offenbar anderer Auffassung war als ihre damaligen Funktionäre und Oberen.“ „Diesbezüglich hat sich anscheinend in 2.000 Jahren nicht viel verändert. Seit Jahrhunderten unterscheidet sich das laute ideologisch geprägte Getön der Obrigkeit immer wieder krass von der Meinung des Volkes“, sagte ich und wir verabschiedeten uns.
Paul F. Gaudi
Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Erschienen ist inzwischen Teil III. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.
Nr. 301 vom 14. April 2026, Seite 7
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