Feminismus: Der Feind, den man selbst erschuf

Ein Essay über die Komplexität der Geschlechterrollen, die Mitverantwortung von Frauen, den Selbstwiderspruch des Konstruktivismus und die Frage, ob der feministische Kampfgedanke selbst Gewaltstrukturen reproduziert.

Die Erzählung ist so allgegenwärtig wie bestechend einfach: Die Weltgeschichte ist eine Geschichte der Unterdrückung der Frau durch den Mann. Das System, das diese Unterdrückung aufrechterhält, trägt den Namen „Patriarchat“. In dieser binären Weltsicht sind die Rollen klar verteilt: Männer sind die Täter und Profiteure, Frauen die Opfer. Doch bei genauerer Betrachtung erweist sich dieses Narrativ als historisch unterkomplex und gesellschaftspolitisch problematisch. Wenn der Feminismus die Schuld für gesellschaftliche Schieflagen einzig im Patriarchat sucht, ohne den Anteil der Frauen an der Aufrechterhaltung dieser Strukturen zu berücksichtigen, läuft er Gefahr, zu einer Verblendung zu werden. Mehr noch: Der aggressive Kampfgedanke mancher feministischen Strömungen reproduziert oft genau jene Gewaltstrukturen, die er eigentlich überwinden will.

Das System als dritter Akteur

Der grundlegende Denkfehler vieler moderner Geschlechterdebatten liegt in der Annahme, das Patriarchat sei eine bewusste Verschwörung von Männern gegen Frauen. Eine systemische und historische Analyse zeigt jedoch ein anderes Bild. Wie der Philosoph Ken Wilber und marxistische Theoretiker darlegen, ist die gesellschaftliche Struktur (der Überbau) maßgeblich von der ökonomischen Produktionsweise (der Basis) abhängig.

In frühen Gartenbaugesellschaften, in denen Frauen bis zu 80 Prozent der Nahrung produzierten, herrschten oft matrifokale Strukturen vor. Mit dem Übergang zur Landwirtschaft und der Einführung des Pfluges änderte sich dies drastisch. Die Bedienung eines Pfluges erforderte physische Stärke und barg für schwangere Frauen ein hohes Risiko für Fehlgeburten. Die Gesellschaft kippte ins Patrifokale – nicht durch einen böswilligen Beschluss der Männer, sondern als Anpassung an ökonomische und biologische Notwendigkeiten. Die Geschichte des Patriarchats ist demnach weniger eine Geschichte von Männern, die Frauen unterdrücken, sondern vielmehr die Geschichte einer Produktionsweise, die bestimmte Rollenverteilungen erzwang. In dieser Gleichung gibt es nicht nur zwei Kräfte (Männer und Frauen), sondern eine dritte: das System. Wenn der Feminismus diese systemische Komponente ignoriert und stattdessen den Mann als „natürlichen Feind“ markiert, führt er einen Krieg gegen die falschen Gegner.

Mitverantwortung der Frauen

Ein weiterer blinder Fleck in der einseitigen Patriarchatskritik ist die aktive Rolle, die Frauen bei der Aufrechterhaltung traditioneller Geschlechterrollen spielen. Die renommierte feministische Autorin Bell Hooks wies eindringlich darauf hin, dass Frauen keineswegs nur passive Opfer des Systems sind. In ihrem Essay „Understanding Patriarchy“ beschreibt sie, wie Mütter patriarchale Denkmuster verinnerlichen und an ihre Kinder – Söhne wie Töchter – weitergeben. „Indem sie die Schuld für die Aufrechterhaltung des Sexismus allein den Männern zuschoben, konnten diese Frauen ihre eigene Loyalität zum Patriarchat aufrechterhalten …“, so Bell Hooks.

Frauen erziehen Jungen dazu, keine Gefühle zu zeigen und Stärke zu demonstrieren, während sie Mädchen zur Zurückhaltung erziehen. Auch die Autorin Esther Vilar ging in ihrem 1971 erschienenen und hochumstrittenen Buch „Der dressierte Mann“ noch einen Schritt weiter. Sie stellte die These auf, dass Frauen das System aktiv nutzen, um Männer in die Rolle des lebenslangen Versorgers zu drängen. Ob man Vilars radikaler These in Gänze zustimmt oder nicht – sie zwingt zu der unbequemen Erkenntnis, dass ein System, das Jahrtausende überdauert hat, nicht ohne die aktive oder passive Komplizenschaft der vermeintlich Unterdrückten funktionieren kann.

Die unsichtbare Macht der Frau

Diese Komplizenschaft reicht jedoch weit über die bloße Anpassung hinaus und berührt die Frage nach der tatsächlichen Machtverteilung zwischen den Geschlechtern. In einem früheren Essay „Die Macht der Frau“ schrieb der Autor, dass die Lebensbestimmung des Mannes untrennbar mit der Frau verknüpft ist: „Als Mann wird man aus dem Schoß der Mutter entlassen, um in den Schoß einer anderen Frau zu eilen.“

Während Männer sich im Selbstbild gern als Eroberer oder Jäger sehen, liegt die letzte Entscheidungsinstanz – ob bei der Partnerwahl oder der Fortpflanzung – fast immer bei der Frau. Der Autor vergleicht dies mit dem Schachspiel: Die Dame ist die beweglichste und stärkste Figur auf dem Brett, während der König in seiner Rolle stark eingeschränkt ist. Durch ein „vielseitiges, subtiles Repertoire“ an emotionaler Zurückweisung oder Liebesentzug können Frauen selbst körperlich überlegene Männer steuern.
Zudem wird das männliche Rollenbild maßgeblich von Frauen geprägt. „Kein Mann auf dieser Welt ist ohne Mutter“. Von der frühkindlichen Erziehung über den Kindergarten bis zur Grundschule wachsen Jungen in einer Sphäre auf, die fast vorrangig von Frauen dominiert wird. Da menschliche Lernprozesse zu 80 Prozent durch unbewusstes Verinnerlichen stattfinden, tragen Mütter und Erzieherinnen die Hauptlast an den Einstellungen und Verhaltensweisen der folgenden männlichen Generation. Wenn also männliches Versagen angeprangert wird, ist dies nicht selten auch das Resultat eines weiblichen Wirkens und kein „unabhängig, egoistisches Männerhandeln“.

Zudem wird das männliche Rollenbild maßgeblich von Frauen geprägt. „Kein Mann auf dieser Welt ist ohne Mutter“. Von der frühkindlichen Erziehung über den Kindergarten bis zur Grundschule wachsen Jungen in einer Sphäre auf, die fast vorrangig von Frauen dominiert wird. Da menschliche Lernprozesse zu 80 Prozent durch unbewusstes Verinnerlichen stattfinden, tragen Mütter und Erzieherinnen die Hauptlast an den Einstellungen und Verhaltensweisen der folgenden männlichen Generation. Wenn also männliches Versagen angeprangert wird, ist dies nicht selten auch das Resultat eines weiblichen Wirkens und kein „unabhängig, egoistisches Männerhandeln“.

Mythos der männlichen Macht

 Die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers unterscheidet in ihrem Werk „Who Stole Feminism?“ treffend zwischen dem Equity Feminism (Gleichheitsfeminismus), der für faire Behandlung und gleiche Rechte für alle kämpft, und dem Gender Feminism (Geschlechterkampf-Feminismus), der die Gesellschaft als männliche Hegemonie betrachtet. Letzterer neigt dazu, die Realität männlicher Lebenswelten auszublenden. Der Autor Warren Farrell, einst selbst im Vorstand der National Organization for Women (NOW), prägte den Begriff vom „Mythos der männlichen Macht“. Er argumentiert, dass der Feminismus einem fatalen Trugschluss aufsitzt: Nur weil Frauen sich machtlos fühlten, nahm man an, Männer müssten mächtig sein. Die Realität sieht anders aus. Männer stellen die überwältigende Mehrheit der Arbeitsopfer, sie haben eine signifikant höhere Suizidrate, sterben früher und werden in Kriegen als „Wegwerfgeschlecht“ (disposable sex) verheizt. Ein System, das seine angeblichen Profiteure derart rücksichtslos opfert, als reine „Männerherrschaft zum Wohle der Männer“ zu bezeichnen, greift analytisch zu kurz.

Konstruktivismus-Widerspruch

 Ein zentraler Pfeiler der modernen Gendertheorie, maßgeblich geprägt durch Denkerinnen wie Judith Butler, ist der soziale Konstruktivismus. Diese Theorie besagt, dass Geschlecht (Gender) keine biologische Realität, sondern ein performativer Akt und eine soziale Konstruktion sei. Die logische Konsequenz dieser Annahme ist die Methode der Dekonstruktion: Wenn Geschlechterrollen nur gesellschaftlich konstruiert sind, müssen sie dekonstruiert, also in ihre Bestandteile zerlegt und als künstlich entlarvt werden.

Doch genau hier offenbart sich ein tiefgreifender methodischer Gegensatz, den der Philosoph Jürgen Habermas in einem anderen Kontext als „performativen Selbstwiderspruch“ bezeichnete. Wenn alles sozial konstruiert ist, dann ist auch die feministische Dekonstruktion selbst eine soziale Konstruktion. Die Gendertheorie bedient sich exakt derselben Mechanismen – Diskursmacht, soziale Normierung und kulturelle Prägung –, die sie dem Patriarchat vorwirft.

Wie die Autoren Helen Pluckrose und James Lindsay in ihrem Werk „Cynical Theories“ darlegen, hat sich der radikale Konstruktivismus von einer skeptischen Analysemethode zu einem neuen, dogmatischen Meta-Narrativ entwickelt. Statt Individuen von Rollenzwängen zu befreien, konstruiert die Dekonstruktion lediglich neue, rigide Normen. Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ oder die ständige Kategorisierung von Menschen nach Identitätsmerkmalen sind keine Auflösung von Konstruktionen, sondern der Aufbau neuer normativer Schubladen.

 Der Philosoph Alexander Grau bringt es auf den Punkt: „Wenn es ein wissenschaftliches Konzept gibt, das offensichtlich sozial konstruiert ist, dann ist es der radikale soziale Konstruktivismus selbst“. Der Feminismus verstrickt sich hier in einen unauflösbaren Widerspruch: Er nutzt die Werkzeuge der Konstruktion, um Konstruktionen zu bekämpfen, und etabliert dabei unweigerlich ein neues System der sozialen Kontrolle.

Erzeugt Feminismus Gewalt?

Diese neue soziale Kontrolle führt unweigerlich zu der drängenden Frage, ob der feministische Kampfgedanke selbst jene Gewaltstrukturen reproduziert, die er dem Patriarchat vorwirft. Die Antwort ist ein unbequemes Ja.
Als Esther Vilar ihre Thesen veröffentlichte, wurde sie nicht nur verbal attackiert, sondern von Feministinnen mehrfach tätlich angegriffen. Diese physische Gewalt ist nur die Spitze des Eisbergs. In der heutigen digitalen Ära manifestiert sich diese Aggression oft in Form der sogenannten Cancel Culture. Kritikerinnen wie Camille Paglia weisen darauf hin, dass der moderne Feminismus aufhören müsse, Männern pauschal die Schuld zu geben.

Die Washington Post beschrieb die Mechanismen der Cancel Culture treffend als eine Form der „weiblichen Aggression“ oder „toxischen Weiblichkeit“. Statt offener physischer Gewalt (die traditionell eher männlich assoziiert wird), bedient man sich der sozialen Ausgrenzung, des Rufmords und der Zerstörung von Existenzen. Wenn männliche Kritiker pauschal als „sexistisch“ und abweichende weibliche Stimmen als „Verräterinnen“ gebrandmarkt werden, bedient sich die Bewegung genau jener autoritären und unterdrückerischen Mechanismen, die sie eigentlich bekämpfen will. Der Kampf gegen das Patriarchat wird so paradoxerweise mit patriarchalen Waffen geführt.

Und nach dem Patriarchat?

Bleibt die abschließende Frage: Wenn das sogenannte Patriarchat überwunden sein sollte, haben wir dann ein Matriarchat? Und wäre das eine bessere Welt? Anthropologen sind sich weitgehend einig, dass es in der Menschheitsgeschichte keine Matriarchate gab, die eine exakte Umkehrung des Patriarchats darstellten – also Gesellschaften, in denen Frauen Männer systematisch unterdrückten. Doch historische matrifokale Gesellschaften waren keineswegs die friedfertigen Utopien, als die sie von manchen Ökofeministinnen romantisiert werden. Daten zeigen, dass auch in diesen Gesellschaften häufig Kriege geführt wurden, Sklaverei existierte und teilweise sogar Menschenopfer praktiziert wurden. Die Überwindung des Patriarchats darf nicht das Ziel haben, ein Machtgefälle durch ein anderes zu ersetzen. Wenn der Feminismus sich als reiner Geschlechterkampf versteht, bei dem es um die Umverteilung von Macht von Männern zu Frauen geht, bleibt er in der Logik der Unterdrückung gefangen.

Ein zukunftsfähiger Ansatz muss die binäre Täter-Opfer-Logik hinter sich lassen. Er muss anerkennen, dass historische Strukturen das Resultat komplexer sozioökonomischer Entwicklungen waren, an denen beide Geschlechter ihren Anteil hatten. Wahre Gleichberechtigung entsteht nicht durch die Dämonisierung des Männlichen oder die blinde Idealisierung des Weiblichen, sondern durch die ehrliche Auseinandersetzung mit den Stärken, Schwächen und der gemeinsamen Verantwortung beider Geschlechter – jenseits von ideologischen Konstruktionen und Dekonstruktionen.

Nr. 301 vom 14. April 2026, Seite 4

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