Ein weißer Elefant in Magdeburg

Das Internationale Figurentheater-Festival „blickwechsel“ lädt zum Staunen ein

Old Masters Bande. Foto: Dorotheé Thebert Filliger

Wenn ein weißer Elefant auf einem Karussell auftaucht, ist das Gewöhnliche plötzlich außer Kraft gesetzt. Genau dieses Bild – entlehnt aus Rainer Maria Rilkes Gedicht „Das Karussell“ – macht das Puppentheater Magdeburg zum Leitmotiv seines diesjährigen Internationalen Figurentheater-Festivals „blickwechsel“. Vom 29. Mai bis zum 5. Juni 2026 verwandelt sich die Stadt in einen fantastischen Geschichtenraum, der unter dem Motto „und dann und wann ein weißer Elefant“ dazu einlädt, die Welt mit neuen Augen zu sehen.

 

Das Festival, das in diesem Jahr unter der künstlerischen Leitung von Ania Michaelis, Sofie Neu und Miriam Locker steht, verspricht ein opulentes Spektakel. Mehr als 30 internationale Gruppen aus Ländern wie Frankreich, Belgien, Israel und den Niederlanden bringen ihre Kunst auf die Bühnen der Stadt – viele davon als deutsche Erstaufführungen. Mit über 70 Veranstaltungen, darunter Ausstellungen, performative Spaziergänge, Workshops und Konzerte, bietet das Programm eine beeindruckende Vielfalt aus Figurentheater, Objekttheater und Cirque Nouveau.

 

Den fulminanten Auftakt bildet am 29. Mai das Open-Air-Spektakel „la notte“. Der Klosterbergegarten wird für eine Nacht zu einem magischen Ort voller Überraschungen. Wer durch das „Elefantenportal“ tritt, taucht ein in eine Landschaft aus Figuren, Klängen und Feuer. Zwischen 18 Uhr und Sonnenuntergang verdichtet sich das Geschehen, bis es in einem atemberaubenden Höhepunkt gipfelt: Das Theater Titanick präsentiert „Upside Down“, eine 360-Grad-Performance an einer sieben Meter hohen, beweglichen Metallkugel. Diese Inszenierung, die Physical Theatre, Vertikaltanz und Videokunst vereint, greift das Gefühl einer Welt in Schieflage auf. Die Besucher erwartet eine lange Sommernacht voller Konzerte, Walk-Acts und Geschichten unter freiem Himmel.

 

Neben den Aufführungen setzt das Festival auch auf den Austausch und die Weiterentwicklung der Kunstform. Das „Schreibkarussell“, eine Schreibwerkstatt für Neue Dramatik im Figurentheater, widmet sich der Suche nach einem eigenen literarischen Kanon. Unter der Leitung des österreichischen Autors Andreas Jungwirth und der Dramaturgin Sofie Neu erforschen Autorinnen und Autoren gemeinsam mit Puppenspielern die Möglichkeiten des Genres. Die entstandenen Textskizzen werden am 1. Juni in einer Werkschau präsentiert.

 

Auch der Nachwuchs bekommt eine Bühne: In der Masterclass „Junge Elefanten“ begegnen sich junge Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine und Frankreich. Unter der Leitung von Leonhard Schubert und Miriam Locker arbeiten sie an neuen, unerschrockenen Spielweisen, deren Ergebnisse am 2. Juni zu sehen sein werden.

 

Das Festival „blickwechsel“ bespielt nicht nur das Puppentheater selbst, sondern auch zahlreiche Partnerspielorte wie das Schauspielhaus, den Salbker Wasserturm und die Gruson-Gewächshäuser. Es ist eine Einladung an die ganze Stadt, sich staunend, kritisch und feiernd der Welt zuzuwenden – und vielleicht den einen oder anderen weißen Elefanten zu entdecken.

Nr. 302 vom 29. April 2026, Seite 16

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