Römers Reich: Für die Zukunft gefeuert

Erinnern Sie sich noch an die guten alten Zeiten? Damals wurde uns die Digitalisierung als Ticket ins Schlaraffenland der Vollbeschäftigung verkauft. „Die Roboter nehmen uns die Arbeit ab, aber keine Sorge, wir werden alle Yoga-Lehrer für Algorithmen!“, hieß es. Das World Economic Forum und diverse Arbeitsmarktforscher überschlugen sich mit Jubelmeldungen: Millionen neue Jobs! Wer programmieren kann, hat ausgesorgt.

 

Spulen wir vor ins Jahr 2026. Die Realität im Silicon Valley sieht weniger nach Schlaraffenland und mehr nach Reise nach Jerusalem aus. Seit 2022 rollt eine Entlassungswelle durch die Tech-Branche, die selbst den hartgesottensten Optimisten die Tränen in die Augen treibt. Allein 2025 wurden 127.000 Stellen gestrichen. 2026 machen Meta & Co. munter weiter.

 

Moment mal, geht es diesen Firmen etwa schlecht? Nagen Zuckerberg und Bezos am Hungertuch? Mitnichten! Die Tech-Giganten schwimmen im Geld wie Dagobert Duck im Geldspeicher. Wir erleben einen „Jobless Boom“: Die Kassen klingeln, aber die Bürostühle werden leer. Wie passt das zusammen? Die Antwort ist ein Drama in drei Akten.

 

Akt 1: Der Kater nach dem Pandemie-Rausch. Erinnern Sie sich an 2020? Man saß in Jogginghosen zu Hause, bestellte Klopapier im Internet und streamte Serien, bis die Augen viereckig wurden. Die Tech-Giganten dachten offenbar, dieser Zustand sei die neue Normalität und stellten ein, als gäbe es kein Morgen. „Overhiring“ nennt man das vornehm. Als wir dann wieder ab und zu das Haus verließen und die Zinsen stiegen, sagten die Konzerne: „Huch, wir haben viel zu viele Leute!“ Also, raus mit ihnen.

 

Akt 2: Der Schwenk zur KI. Künstliche Intelligenz ist das neue Gold. Die Unternehmen schichten ihr Kapital um. Wer gestern eine solide App programmieren konnte, ist nun ein Relikt aus der Steinzeit. Gesucht werden jetzt „KI-Orchestratoren“ und „Data Engineers“. Die Boston Consulting Group prophezeit, dass in den nächsten Jahren über die Hälfte der Jobs durch KI umgestaltet wird. Die Botschaft an die Belegschaft: „Schön, dass du da warst, aber wir brauchen jetzt jemanden, der mit ChatGPT flüstern kann.“

 

Akt 3: Das „AI-Washing“. Hier wird es richtig zynisch. Unternehmen feuern Leute und behaupten: „Die KI macht das jetzt!“ Selbst Sam Altman, der Chef von OpenAI, warnt davor, dass KI oft als bequeme Ausrede für ganz normale Kostensenkungen herhalten muss. Und das Beste daran? Es funktioniert oft nicht! Eine Studie zeigt, dass zwei Drittel der Firmen, die Leute wegen KI gefeuert haben, jetzt klammheimlich wieder Personal einstellen. Die KI war wohl doch nicht so gut darin, komplexe Probleme zu lösen. Für fast ein Drittel der Firmen wurde die voreilige Automatisierung sogar zum finanziellen Desaster. Tja, wer billig kauft, kauft zweimal. Was lernen wir daraus? Der Arbeitsmarkt ist nicht tot, er ist nur in einer schmerzhaften Pubertät. Die Digitalisierung schafft Jobs, ja – aber eben nicht für die Leute, die gerade gefeuert werden. Lebenslanges Lernen ist nicht mehr nur ein netter Spruch auf einem Motivationsposter, sondern bittere Realität.

Axel Römer

Nr. 302 vom 29. April 2026, Seite 3

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