„Rückenschmerzen – was nun?“

Unsere Feinde sind Bewegungsmangel, langes Sitzen, einseitige Belastungen und chronischer Stress.

Der Rückenschmerz ist das häufigste Warnsignal. Er steht weltweit an erster Stelle der körperlichen Beschwerden.  In den meisten Fällen ist er jedoch kein Ausdruck schwerer struktureller Zerstörung, sondern ein Hinweis auf verlorene Balance. Die gute Nachricht lautet, dass etwa neunzig Prozent dieser unspezifischen Rückenschmerzen innerhalb weniger Wochen deutlich nachlassen oder vollständig verschwinden, mit Arzt oder auch ohne.

 

Unser Organismus verfügt über bemerkenswerte Selbstregulationsmechanismen, wir kennen das, zum Beispiel beim Schnupfen.  Voraussetzung ist jedoch, dass wir den Rückenschmerz verstehen und diese heilenden Mechanismen unterstützen, dies ist leicht geschrieben, aber, so der Schmerz die Regie übernommen hat, ist es schon schwierig.

 

Gleichzeitig gibt es Alarmzeichen, die eine sofortige ärztliche Abklärung erfordern, neurologische Ausfälle, Lähmungen, sensible Störungen im Genital- oder Analbereich, Störungen von Blasen- oder Darmfunktion, Fieber, Schüttelfrost oder unerträgliche therapieresistente Schmerzen verlangen eine rasche diagnostische Einordnung. Hier steht nicht mehr eine funktionelle Dysbalance im Vordergrund,  sondern eine potenziell strukturelle Schädigung. Für die überwiegende Mehrzahl der Betroffenen beginnt der Weg zur Heilung nicht im Operationssaal, sondern mit einem Patienten-Arzt-Gespräch.

 

Wer mit diesen Problemen ärztliche Hilfe sucht, bringt selten nur ein körperliches Symptom mit. Häufig stehen hinter dem Schmerz auch Unsicherheit, Zukunftssorgen oder die Angst vor dauerhafter Einschränkung. In diesem Moment entscheidet sich viel. Nicht die Bildgebung, CT oder MRT, stehen am Anfang im Vordergrund, sondern die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung, d. h. Gespräch und eine klinische neuro-orthopädische Untersuchung unter Berücksichtigung der Komplexität dieser Beschwerden in Gänze und danach erst die Korrelation mit den technisch erhobenen Daten.

 

Die Empathie, zunehmend ein beliebtes aber auch bedeutsames Wort/Eigenschaft, nicht nur hier, ist kein weicher Faktor, sondern ein therapeutischer Wirkmechanismus. Die Angst verstärkt Schmerzen, Vertrauen reduziert sie. Einfach gesagt, wer verstanden wird, bewegt sich wieder. Wer Sicherheit erlebt, entwickelt weniger Schonhaltung und entwickelt weniger eine Chronifizierung.

 

Dem gegenüber steht die Verantwortung des Arztes. Eine moderne Wirbelsäulentherapie verlangt eine umfassende Ausbildung über konservative, interventionelle, operative und komplementäre Verfahren hinweg. Nur wer das gesamte Spektrum kennt und über eine jahrzehntelange klinische Erfahrung, in Theorie und in Anwendung verfügt, kann individuell ganzheitlich sowie verantwortungsvoll entscheiden. Die Therapie darf nicht von der Technik, auch wenn sie noch so modern ist, allein abhängig sein. Im Mittelpunkt steht immer der Patient mit einer vom Therapeuten durch die Behandlung  geplanten für ihn zu erwartenden Verbesserung von mindestens 70 Prozent.

 

Der aufrechte Gang ist eine evolutionäre Meisterleistung

 

Seit Hunderttausenden von Jahren bewegt sich der Mensch balancierend zweibeinig – gehen, stehen, springen, klettern … Doch unsere moderne Lebensweise widerspricht unserer biologischen Ausstattung. Gehen wir 25 km pro Tag? Wir könnten es.  Trainieren wir unsere Muskulatur oder betrachten wir dagegen täglich im Spiegel unsere Weichteile, die der Gravitation folgen?

 

Unsere Feinde sind Bewegungsmangel, langes Sitzen, einseitige Belastungen und chronischer Stress. Sie führen zu muskulären Dysbalancen und funktioneller Instabilität.  Wir vergessen, dass unsere Existenz einmalig und das das JETZT das Wichtigste für Jeden ist, schlafen und aufwachen und Alles ist GUT funktioniert nicht. Ab dem dritten Lebensjahrzehnt nimmt die Muskelmasse kontinuierlich ab, jeweils über zehn Jahre immer 10 Prozent, so sie nicht gezielt trainiert wird. Gleichzeitig vermindert sich der Wassergehalt der Bandscheiben, die segmentale Beweglichkeit verliert sich, kleine Wirbelgelenke werden stärker belastet, Koxarthrose kennt jeder, hier das Gleiche, diese sind aber nur ca. 1 cm im Durchmesser groß und sind von kleinen Nerven „übersäht“. Wir werden kleiner und die Hosen, dem folgend, wunderhaft länger und allein das kann Probleme an den Wirbelgelenken machen, diese werden dann übermäßig komprimiert.

 

Entscheidend ist jedoch, dass der Schmerz nicht primär durch „Verschleiß“ entsteht, sondern durch ein Ungleichgewicht zwischen Belastung und Stabilisierung. Häufig sind es verlorene muskuläre Koordination, reduzierte Stabilität und eingeschliffene Bewegungsmuster, die das System irritieren und aus der Balance bringen. Der Schmerz ist dann weniger Defekt als Warnsignal.

 

Daraus ergibt sich die klare Priorität der modernen Therapie.

 

Die funktionelle Wiederherstellung steht im Vordergrund. Das selbstbestimmte Bewegen und die Teilhabe am sozialen gesellschaftlichen Leben ist das Ziel. Aktive Physiotherapie ist die Therapie der ersten Wahl. Ziel ist die Reaktivierung der stabilisierenden Muskulatur – die lange Rückenmuskulatur, die tiefe Muskulatur auch im Bauch vor der Wirbelsäule und auch die Bauchdecke, die Verbesserung sensomotorischer Kontrolle, der Ausgleich von Dysbalancen und das Wiedererlernen von normalen Bewegungsmustern. Hochqualifizierte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten analysieren Haltung, Gangbild und Bewegungsabläufe differenziert in Gänze und erkennen funktionelle Zusammenhänge, die in der Bildgebung nicht sichtbar sind. Die Bewegung ist hier nicht Belastung, sondern Medizin.

 

Bleiben Schmerzen länger, über sechs Monate, bestehen, entwickelt sich mitunter ein eigenständiger Chronifizierungsprozess. Das Nervensystem reagiert empfindlicher, Schmerzreize werden intensiver wahrgenommen. Stress, Schlafmangel, berufliche Überlastung oder depressive Verstimmungen beeinflussen die neuronale Schmerzverarbeitung erheblich.  Dauerstress führt zu erhöhter Muskelspannung und verstärkter Sensibilisierung zentraler Strukturen.  Die moderne Therapie berücksichtigt daher nicht nur Biomechanik, sondern auch die Stressregulation, die psychologische Begleitung und fördert die mentale Stabilität. In diesem Kontext haben sich in den letzten Jahrzehnten hochspezialisierte Verfahren entwickelt, die ich im deutschsprachigen Raum mitgestalten durfte, die das therapeutische Spektrum entscheidend erweitert haben.

 

Aus meiner Sicht revolutionierte sie das therapeutische Behandlungskonzept: Die interventionelle Schmerztherapie, die bereits in den neunziger Jahren systematisch etabliert wurde, ermöglicht eine präzise Identifikation und gezielte Behandlung von Schmerzgeneratoren. Ein zentraler Bestandteil ist die periradikuläre Therapie, kurz PRT. Die PRT beruht auf einem genauen Verständnis der Neuroanatomie. Jede Nervenwurzel verlässt das Rückenmark durch ein enges knöchernes Foramen. Bandscheibenveränderungen oder foraminale Engen können dort mechanische und vor allem entzündliche Reizzustände hervorrufen. Moderne Forschungen zeigen, dass biochemische Entzündungsmediatoren eine entscheidende Rolle spielen. Sie sensibilisieren die Nervenwurzeln und führen zu radikulären Schmerzen entlang definierter Dermatome – der Ischias verbunden mit Störungen der Nervenfunktion. Die gezielte, bildgesteuerte Applikation entzündungshemmender Substanzen direkt an die betroffene Wurzel moduliert diesen Prozess, reduziert Abschwellung und neuronale Übererregbarkeit. Parallel werden die arthrotischen Wirbelgelenke positiv mit beeinflusst.

 

Die PRT ist dabei nicht nur therapeutisch, sondern auch diagnostisch wertvoll. Erst wenn klinische Symptomatik, neurologischer Befund und Bildgebung übereinstimmen, entsteht eine klare Indikation. Moderne 3D-Röntgen- oder CT-Navigation, optimierte Instrumente und digitale Dokumentationssysteme erhöhen Präzision und Sicherheit. Datenbasierte Auswertungen und zunehmend auch KI-gestützte Analysen unterstützen Prognoseabschätzung und Therapiekontrolle.

 

Parallel dazu hat sich die Neuromodulation weiterentwickelt. 1990 habe ich diesbezüglich den ersten Eingriff durchgeführt. Es war eine neue Dimension, die sich auftat. Anstatt Strukturen zu zerstören, beeinflussen moderne Stimulationsverfahren gezielt die Schmerzsignalverarbeitung im Nervensystem. Dem Herzschrittmacher gleich konnten nun Generatoren oder Pumpen implantiert werden, die das zentrale Nervensystem beeinflussten und den Schmerz quasi abschalteten.

 

Spezielle Stimulationsmuster, individualisierte Programmierungen und technische Innovationen eröffnen Möglichkeiten, die vor wenigen Jahrzehnten nicht verfügbar waren. Ergänzend dazu steht die multimodale Schmerztherapie, die medizinische, physiotherapeutische und psychologische Interventionen strukturiert verbindet. Chronischer Schmerz wird hier als eigenständiges Krankheitsbild verstanden, das biologische, funktionelle und psychosoziale Faktoren integriert. Belastungsaufbau, das Verstehen von Schmerzmechanismen und Stressregulation greifen dabei ineinander.

 

Diese Entwicklungen haben ein komplexes therapeutisches Umfeld geschaffen, das vor einer möglichen Operation ausgeschöpft werden kann.  Ambulante Behandlung, kurzzeitstationäre Intensivprogramme oder stationäre multimodale Konzepte bilden dabei keine Gegensätze, sondern aufeinander abgestimmte Versorgungsformen. Entscheidend ist die kontinuierliche Kommunikation zwischen Orthopädie, Neurologie, Neurochirurgie, Schmerzmedizin, Radiologie und Physiotherapie. Der Patient darf sich nicht zwischen Systemen verlieren, sondern muss ein koordiniertes Netzwerk erleben.

 

Die operative Therapie bleibt klar definiert als letzte Option. Sie kommt in Betracht bei eindeutiger struktureller Korrelation, drohenden oder bestehenden neurologischen Defiziten und wenn konservative sowie interventionelle Maßnahmen ausgeschöpft sind. Voraussetzung ist eine realistische, langfristig positive Prognose mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit von mindestens 70 Prozent.  Auch nach einer Operation bleibt die funktionelle Stabilisierung durch aktive Rehabilitation unverzichtbar.

 

Was sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, die Zukunft wird spannend, ist eine Medizin, die Biomechanik, Neurobiologie, Psychologie und Hochtechnologie verbindet.  Laserassistierte Verfahren, hochauflösende Bildgebung, minimalinvasive Instrumente und digitale Analyseverfahren erweitern die ärztliche Erfahrung aber sie ersetzen diese nicht. Technik ist Werkzeug, nicht Ziel. Auch Akupunktur, von den Krankenkassen übernommen, über Jahrtausende in der weltweiten Patientenversorgung in Anwendung, mit einer großen Erfolgsaussicht, darf hier nicht vergessen werden – aber das ist ein anderes Kapitel.

 

Am Ende steht nicht nur die Reduktion von Schmerz, sondern die Wiederherstellung von Balance. Balance zwischen Muskulatur und Belastung, zwischen Nervensystem und Stress, zwischen ärztlicher Kompetenz und menschlicher Empathie. Der aufrechte Gang ist mehr als eine biomechanische Funktion. Er ist Ausdruck von Stabilität, Vertrauen und Selbstwirksamkeit.

 

Moderne Rückentherapie bedeutet daher nicht Schonung, nicht vorschnelle Operation und nicht isolierte Symptombehandlung. Sie bedeutet Beziehung, interdisziplinäre Kooperation, funktionelle Wiederherstellung und den verantwortungsvollen Einsatz hochentwickelter Verfahren. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke einer zeitgemäßen Medizin – in Kenntnis sämtlicher Möglichkeiten wird dem Patienten ein individuelles tragfähiges Therapiekonzept mit geringen Risiken und größtmöglichem Benefit angeboten.

 

Tragende Säulen moderner  Wirbelsäulentherapie

 

Empathische und vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung sind die Grundlage jeder erfolgreichen Behandlung. Angst, Unsicherheit und negative Erfahrungen beeinflussen die Schmerzverarbeitung erheblich. Eine wertschätzende Kommunikation reduziert Stress, stärkt die Selbstwirksamkeit des Patienten und wirkt nachweislich positiv auf den Therapieverlauf.

 

Höchste fachliche Kompetenz mit umfassender Ausbildung über konservative, interventionelle, operative und komplementäre Therapieverfahren sowie langjährige klinischer Erfahrung. Nur die Kenntnis des gesamten Spektrums erlaubt eine individuell angepasste, verantwortungsvolle Therapieentscheidung. Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Orthopädie, Neurologie, Neurochirurgie, Schmerzmedizin, Radiologie und bei Bedarf Psychosomatik sowie eine eng abgestimmte Kooperation mit hochqualifizierten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Eine klare, kontinuierliche Kommunikation der beteiligten medizinischen Leistungsträger ist Voraussetzung für ein konsistentes Behandlungskonzept – ambulant, kurzzeitstationär oder stationär.

 

Primat der funktionellen Wiederherstellung durch aktive Physiotherapie mit dem Ziel des Ausgleichs muskulärer Dysbalancen, der Verbesserung sensomotorischer Kontrolle und der nachhaltigen Stabilisierung des aufrechten Ganges. Passive Maßnahmen unterstützen, ersetzen jedoch nicht die aktive Eigenleistung.

 

Berücksichtigung stressbedingter Faktoren und psychischer Auffälligkeiten. Chronischer Stress, berufliche Überlastung, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen oder Angst vor Bewegung beeinflussen Muskelspannung, Schmerzverarbeitung und Heilungsverlauf maßgeblich. Das Nervensystem reagiert auf Dauerstress mit erhöhter Sensibilität, wodurch Schmerzen intensiver und anhaltender erlebt werden können. Eine moderne Therapie berücksichtigt daher auch Stressregulation, psychologische Mitbehandlung bei Bedarf, Entspannungsverfahren und die Förderung mentaler Stabilität. Schauen wir den Kindern beim Spielen und Toben ins Gesicht, sie lachen, es macht ihnen Spaß und WIR ?

 

Roland Minda

Nr. 302 vom 29. April 2026, Seite 12-13

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