Die neuen Goldgräber

Die Fußball-WM 2026 – das weltweite Spektakel in den USA, Kanada und Mexiko – wird für Fans die teuerste der Geschichte. Wahnsinnspreise, die das Event für Normalverdiener schier nicht erschwinglich machen. Von Rudi Bartlitz

Als am 24. Januar 1848 ein gewisser James W. Marshall im kalifornischen American River ein goldenes Nugget entdeckte, löste er damit den größten Goldrausch der Weltgeschichte aus. Schon nach wenigen Wochen waren es Tausende, die an den Flüssen gruben, schürften und wuschen; ein Mann findet an einem Tag Gold im Wert von 1.500 Dollar – das Zwanzigfache eines Jahreslohns.

 

Eine ähnliche Gier scheint in diesen Tagen nicht nur den Wilden Westen der USA erfasst zu haben, sondern sich überall dort auszubreiten, wo Fußball-WM-Stadien stehen. Diesmal hat die Gier einen einfachen Namen: Dollars. Nicht winzig-rare Goldkörner, sondern pure Dollars. Davon so viel als möglich. Das Schöne daran: Man muss sich nicht einmal – wie einst die Glücksritter – vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang abplacken, schinden. Nein, man muss bei der Vermarktung der WM 2026 nur an den richtigen Hebeln sitzen. Und wissen, wie man naiven Schatzsuchern aus aller Welt die Ersparnisse aus den Taschen fingert.

 

Hohe Preise und undurchsichtige Ticketpolitik: Die Vorfreude vieler Besucher wird weniger als zwei Monate vor dem Turnierstart arg getrübt. Das weltweite Spektakel dürfte für Fans das teuerste der Geschichte werden – und der Stadionbesuch für Normalverdiener unerreichbar. Selbst auf dem Zweitmarkt gleichen die Preise für die deutschen Vorrundenspiele denen vom Finale.

 

Seit dem Verkaufsstart gibt es dicke Luft: Die dynamische Preisgestaltung, bei der die Kosten je nach Nachfrage steigen oder fallen, steht dabei im Mittelpunkt des Ärgers. Die Fifa hat Medienberichten zufolge vor kurzem noch einmal höhere Preise veranschlagt. Allein für das erste Spiel der US-Amerikaner gegen Paraguay verlangt der Weltverband laut der Zeitung „Die Welt“ bis zu 4.105 US-Dollar (knapp 3.480 Euro) für einen Sitzplatz der ersten Kategorie. Aktuell sind die Vorrundenspiele der Deutschen nur noch über den Zweitmarkt erhältlich. Die Fifa erhöhte außerdem den Höchstpreis für Tickets zum Finale auf astronomische 10.990 US-Dollar (9315 Euro). Bisherige Krone des Preis-Irrsinns: In der Vorwoche wurden vier Endspiel-Karten für jeweils 2.299.998,85 US-Dollar zum Verkauf angeboten – das entspricht knapp zwei Millionen Euro je Ticket. Auch der Zweitmarkt der Fifa, auf dem erworbene Tickets weiterverkauft werden können, schreckt viele Fans ab. Für einen Platz im Unterrang beim ersten Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Curacao in Houston werden auf dem Zweitmarkt 2.300 Dollar verlangt – das sind etwa 1.955 Euro. Selbst für einen Sitzplatz unter dem Dach werden 805 Dollar fällig.

 

Der Fußballweltverband Fifa rechnet im Sommer mit sechs Milliarden Euro Gewinn, einem saftigen Plus im Vergleich zum Ergebnis von Katar vor vier Jahren. Die Gegenleistung für die Ausrichter? „Das Blaue vom Himmel“, merkte die „Frankfurter Allgemeine“ dazu an: Allein die USA würden im Trio der drei Ausrichter-Länder des Turniers mit 48 Teams fast 30 Milliarden Euro an zusätzlicher wirtschaftlicher Aktivität verzeichnen. Solche Behauptungen wurden von seriösen Wirtschaftswissenschaftlern schon häufig als pure Propaganda kritisiert. Fluggesellschaften und Hotelketten mussten bereits ihre Auslastungsprognosen nach unten korrigieren. Denn von den einst angekündigten 1,2 Millionen Fußball-Touristen aus aller Welt werden viele zu Hause bleiben.

 

Warum? Laut „FAZ“ unter anderem, „weil Fifa-Friedenspreisträger Donald Trump Einreiseverbote für Fans der Teilnehmerländer Iran und Haiti sowie Kautionszahlungen in Höhe von 15.000 Dollar (12.740 Euro) für Besucher aus fünfzehn afrikanischen Ländern verhängt hat. Darunter WM-Nationen wie Algerien, Elfenbeinküste, Kap Verde, Senegal und Tunesien. Obendrein: Massive Aufschläge für Visumgebühren treffen alle Ausländer. Nicht zu reden von Befürchtungen über eine unfreundliche Behandlung bei der Grenzabfertigung und rund um die Veranstaltungsorte.“ All das „jagt internationale Fußballfans weg“, schrieb die „New York Times“ vor wenigen Tagen. In der vergangenen Woche hatten mehr als 120 zivilgesellschaftliche Gruppen Fans, Spieler, Journalisten sowie andere Reisende noch einmal vor möglichen „ernsthaften Menschenrechtsverletzungen“ bei einem WM-Besuch in den USA gewarnt.

 

Zuletzt wurde publik, was als vorläufiger Wahnwitz der galoppierenden Preise gilt: eine Zugfahrt von Manhattan (New York) ins MetLife Stadium – eine der 16 WM-Arenen. 20 Minuten Platz nehmen, wenn man denn einen abbekommt, kosten hin und zurück normalerweise 12,90 Dollar. Das Sportportal der „New York Times“ enthüllte aber Pläne, denen zufolge der Trip zur Arena in New Jersey mindestens 100 (!) Dollar kosten wird.

 

Apropos Preise. Da ist da noch der englische Rentner Andy Milne. Da Fifa und Gastgeber jeden Cent aus ihren Gästen herauspressen, veräußert er nun sein Haus. Als großer Fußballfan möchte der 62-Jährige sein Team unterstützen „Ich möchte das ganze Turnier sehen, und das wird teuer“, sagte er der Zeitung „Mirror“, „es ist der richtige Moment, Geld mit unserem Haus zu machen.“

 

Milne hat es in England zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Er war als Fan bereits bei zehn Championats dabei, neunmal bei den Männern, einmal bei den Frauen. Er hält dabei auf den Tribünen der Welt stets in Händen, wonach sich die englischen Spieler seit 1966 vergeblich recken: den WM-Pokal, also eine Replik natürlich. Sorgen um Milne muss man sich allerdings nicht machen. Er wird nach der WM nicht obdachlos. Der berentete Lehrer lebt seit Jahren in Thailand. Seine Hütte in Nordengland wäre er dann jedoch ein für alle Mal los. Rund 400.000 Euro soll der Verkauf bringen. Das dürfte fürs erste sogar für das Größenwahn-Event reichen.

Nr. 302 vom 29. April 2026, Seite 26

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