Keine Experimente

Selbst wenn noch wichtige Entscheidungen im nationalen und internationalen Klub-Handball ausstehen, der SC Magdeburg kann auch in der Saison 2026/27 auf ein stabiles Gerüst zurückgreifen. Wahrscheinlich nur mit einem 16-Mann-Kader. Von Rudi Bartlitz 

Gisli Thorgeir Kristjansson

Dass der neue deutsche Handballmeister SC Magdeburg heißen wird, pfeifen inzwischen die berühmten Spatzen von den Dächern. Noch kurzfristig getätigte Wetteinsätze auf die Grün-Roten würden bei Buchmachern herzlich wenig Gewinn versprechen. Selbst für Bundestrainer Alfred Gislason, der als Ex-SCM-Trainer am Sonntag mit dem Verdienstorden des Landes geehrt wurde, ist der Titelgewinn nur noch eine Frage der Zeit. Am 21. Mai könnte es in der Heimpartie gegen Flensburg so weit sein. Sieben Punkte beträgt der Vorsprung der Elbestädter vor der Konkurrenz – ein weiterer Sieg würde zum Triumph genügen. Es wäre der vierte nach der Wiedervereinigung: Gefeiert wurde bereits 2001, 2022 und 2024.

 

Wie wichtig den Spielern die Meisterkrone ist, zeigt eine Äußerung von Spielmacher Gisli Kristjansson vom Sonntag. Die drei isländischen Nationalspieler – neben Kristjansson noch Omar Ingi Magnusson und Elvar Jonsson – würden in der jetzt anstehenden Länderspielpause auf Reisen zu ihren Teams verzichten, teilte er Journalisten mit. „Der Titel ist wichtiger als die Nationalmannschaft“ lautete das klare Bekenntnis des 26-Jährigen für diese nicht alltägliche Entscheidung.

 

Während die Vorbereitungen auf die Meisterfeier und das Champions-League-Finale im Juni in Köln laufen, gibt es im Hintergrund weitere gute Nachrichten. Wenn anderswo, auch bei Spitzenteams, noch gerätselt wird, in welcher Zusammensetzung denn die Saison 2026/27 angegangen wird, steht der Kader des SCM im Großen und Ganzen. Damit setzen die Magdeburger eine Entwicklung fort, die bereits in den zurückliegenden Jahren zu beobachten war: Sie gehen mit einem stabilen – und eingespielten! – Gebilde in die kommenden Aufgaben. Selbst wenn diesmal mindestens sechs Akteure die Grün-Roten verlassen: Sergey Hernandez (wechselt zum FC Barcelona). Tim Hornke (Karriereende), Manuel Zehnder (GOG Handbold), Tim Zechel (TSV Hannover-Burgdorf), Nikola Portner (nach Sky-Informationen wird er sich Pick Szeged anschließen), Sebastian Barthold (Mors-Thy Handbold).

 

Dem entgegen stehen vier Zugänge: Oskar Vind (kommt von GOG Handbold), Antonio Serradilla (TVB Stuttgart), Dominik Kuzmanovic (VfL Gummersbach), Malte Elze (SCM-Nachwuchs). Offen ist noch die Zukunft von Mannschaftskapitän Christian O’Sullivan. Der Vertrag des Norwegers läuft im Juni 2026 aus. Im Augenblick sprechen mehr Vorzeichen für einen Abschied, denn für eine Verlängerung. Zuletzt war der 34-Jährige, der, wie er Journalisten verriet, mit einer Trainer-Laufbahn liebäugelt, nur noch sporadisch zum Einsatz gekommen; und dann lediglich in der Abwehr.

 

Zuletzt sorgte eine Information für einigen Gesprächsstoff. Nämlich die, dass Angreifer Elvar Jonsson den SCM möglicherweise im Sommer wieder verlassen könnte. Sowohl „Sport Bild“ als auch der Handball-Sender Dyn hatten darüber als erste berichtet und einen Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen nicht ausgeschlossen. Demnach ist der Isländer mit seinen Spielanteilen beim SCM nicht zufrieden. Der „Mannheimer Morgen“, seit Jahren mit einem engen Draht zu den Löwen, sprach unter Bezug auf den 28-Jährigen bereits von einem „Transferkracher“. Mit dem Spieler sei fast alles klar. Wie dem auch sei: Jonsson besitzt in Magdeburg einen Kontrakt bis 2028 – würde der SCM ihn gehen lassen, dürfte auf jeden Fall eine gehörige Ablöse fällig sein.

 

Namensspekulationen ändern wenig daran, dass sich die Formation für den Herbst 2026 heute schon ziemlich deutlich umreißen lässt. Es kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, dass der SCM nicht mehr wie zuletzt mit einem 19-Mann-Kader ins Spieljahr startet. Zumal Geschäftsführer Marc Schmedt erst im März in einem Kompakt-Interview betont hatte: „Alle Klubs müssen begreifen, dass eine gute Digitalstrategie sie weiterbringen wird als der 18. oder 19. Spieler im Kader.“ Am Wochenende bekräftigte er sogar: „Stand jetzt werden wir mit 16 Akteuren in die Saison gehen.“

 

Wie also sieht er aus, der SCM der Zukunft?

 

Gleich im Tor beginnt es mit einer Neuheit. Erstmals werden zwei Kroaten das grün-rote Gehäuse hüten. Beide sind Nationalspieler. Matej Mandic (24) kam im vergangenen August vorzeitig von RK Zagreb und ersetzte den wegen Dopings gesperrten Nikola Portner. Hinter Sergey Hernandez konnte er sich der zurückliegenden Saison ins Team spielen. Für den Spanier kommt Dominik Kuzmanovic (23) vom Liga-Konkurrenten VfL Gummersbach und erhält einen Mega-Vertrag über fünf Jahre.

 

Im Rückraum scheint die Achse mit den beiden Isländern Gisli Kristjansson, Omar ingi Magnusson und dem Schweden Felix Claar gesetzt. Wobei: Von Formulierungen wie Stammspieler und Ergänzungsspieler hält Trainer Bennet Wiegert rein gar nichts. Gerade bei den Linkshändern hat der Schwede Albin Lagergren zuletzt bewiesen, dass er durchaus das Potenzial besitzt, mit Magnusson mitzuhalten. Hinzu kommen in der hinteren Reihe Elvar Jonsson (sofern sich die Wechselgerüchte nicht bestätigen), Philipp Weber und Antonio Serradilla. Der Spanier (Einsatzschwerpunkt: Abwehr) spielte bereits in der vergangenen Saison in Magdeburg und avancierte schnell zum Publikumsliebling. Nach einem Jahr in Stuttgart kehrt er an die Elbe zurück.

 

Auf Linksaußen ist der SC Magdeburg langfristig mit Matthias Musche und Nationalspieler Lukas Mertens doppelt gut besetzt. Der Norweger Sebastian Barthold verlässt den Verein wieder. Auf der rechten Seite präsentiert der SCM mit Oskar Vind einen Neuzugang. Der Däne übernimmt den Kaderplatz von Tim Hornke. Der 35-Jährige hat für den Sommer 2026 sein Karriereende angekündigt. Vind bildet in Zukunft zusammen mit Daniel Pettersson, der seinen Vertrag bis 2027 verlängerte, das Rechtsaußen-Duo.

 

Bliebe noch der Kreis. Hier kann sich der SCM überaus glücklich schätzen, mit Magnus Saugstrup, dem Kapitän von Olympiasieger und Weltmeister Dänemark, und Oscar Bergendahl (Schweden) zwei der derzeit weltbesten Akteure auf dieser Position in seinen Reihen zu wissen. Von den Youngsters zu den Profis heißt es künftig für Malte Elze. Der 18jährige Kreisläufer unterschrieb einen Drei-Jahres-Vertrag. Ein Extra-Hurra: Seit längerem wieder einmal ein Rookie aus den eigenen Reihen, dem (ohne Umwege über andere Vereine) dieses Kunststück gelungen ist.

Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 33

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