Sozusagen Schlag auf Schlag
Beim Magdeburger Profiboxstall SES herrscht derzeit reges Treiben. Es geht zum Teil um hochkarätige Gürtel. Von Rudi Bartlitz
Der Mai macht angeblich alles neu. Ob diese alte abgedroschene Volksweisheit auf den Boxstall SES zutrifft, sei einmal dahingestellt. Was aber auf jeden Fall stimmt: Der Mai sorgt bei den Magdeburgern für regelrechte Terminhatz. Allemal wichtiger noch als der Blick auf den Kalender: Auf den Fightcards, also den Listen der avisierten Kämpfe, stehen diesmal einige absolute Hochkaräter. Das gleich an drei verschiedenen Standorten. Und um noch eins draufzusetzen: Das alles passiert innerhalb von nur 23 Tagen.
Begonnen hat es am zurückliegenden Wochenende mit der Premiere im neuen Eisdom von Halle, wo SES-Super-Weltergewichtler Julian Vogel seinen Junioren-Weltmeistertitel gegen Sami Ahmeti verteidigte. Der im Wortsinn eigentliche Knaller des Abends war jedoch der Auftritt von Halbschwergewichtler Adam Deines. Nachdem er sich zuletzt etwas aus dem Rampenlicht zurückgezogen hatte, explodierte der 35-Jährige in seinem Fight um den Europatitel des Weltverbandes WBO regelrecht. „Er kam wie Phönix aus der Asche“, freute sich Trainer Dirk Dzemski. Von schweren linken Aufwärtshaken getroffen, kam für den Konkurrenten, den Pole Mateusz Tryc, nach sechs Runden das Stoppzeichen: schwerer Knockout. „Jetzt“, so Deines, „will ich wieder ganz oben angreifen.“
Die richtigen Highlights folgen dann jedoch am 30. Mai – gleich mit einem Doppelschlag. Zum einen in Magdeburg, zum anderen 3.160 Kilometer östlich im russischen Jekaterinburg. In der Landeshauptstadt hat Promoter Ulf Steinfurth die Veranstaltung unter das Motto gestellt „WM-Showdown – die Entscheidung“. Dabei geht es um nichts Geringeres als das Herausforderungsrecht für einen Weltmeisterschaftskampf im Cruisergewicht. Jener Klasse also, die mit ihrem Limit von 90,7 Kilogramm direkt unter den Superschweren rangiert. SES-Kämpfer Roman Fress, seit einiger Zeit auf Platz eins der Weltrangliste des Verbandes WBO gelistet, trifft dabei auf den Kosovaren Armend Xhoxhaj. Wer den Ring in der Magdeburger Messehalle – eine Premiere, hier kletterten noch nie Faustkämpfer durch die Seile – als Sieger verlässt, besitzt das Recht, den Anfang Mai gekürten neuen WBO-Titelträger, den US-Amerikaner David Benavidez, herauszufordern.
Nicht nur mittelbar, sondern direkt um einen WM-Gürtel geht es am selben Tag im fernen Ural. In Jekaterinburg, dem ehemaligen Swerdlowsk, wartet auf SES-Halbschwergewichtler Michael Eifert einer der ganz großen Namen des Welt-Profiboxens: der Russe Dmitry Bivol. Mehr als drei lange Jahre (!) musste der aus Bautzen stammende Kämpfer auf dieses Datum warten, nachdem er vom Weltverband IBF als offizieller Pflichtherausforderer benannt worden war. Immer wieder wurde er vertröstet. Durchschaubar für einen Laien sind diese im Profiboxen vorherrschenden Gebaren – geprägt von diversen Winkelzügen, knallharten Geschäftsinteressen und anderen undurchsichtigen Praktiken – freilich kaum.
Regelrecht ins Schwärmen gerät Promoter Steinforth, wenn er auf seine Veranstaltung in Magdeburg zu sprechen kommt. Von der Ansetzung Fress gegen Xhoxhaj ist er geradezu fasziniert. Oder „hin und weg“, wie er es nennt. Es sei nicht nur „der Kampf des Jahres in Deutschland“, sondern einer der spannendsten, die er in seiner Laufbahn je veranstaltet habe. Und die währt inzwischen immerhin schon länger als ein Vierteljahrhundert. Um seine Begeisterung besser zu verstehen, muss unbedingt die bemerkenswerte Geschichte dieses Fights kurz erzählt werden.
Vor knapp vier Jahren trafen Fress und Xhoxhaj schon einmal aufeinander. Damals auf der Magdeburger Seebühne. Was da passierte, wollten viele Experten zunächst gar nicht glauben: Fress, bis dato ungeschlagen und neuer aufsteigender Stern am SES-Boxerhimmel, wurde von der kleinen kosovarischen Kampfmaschine richtiggehend düpiert. Als der Ringrichter am Ende Xhoxhajs („Eine Niederlage wäre das Ende meiner Karriere gewesen.“) Arm zum Zeichen des Sieges nach oben streckte, war Fress, der einst aus Kasachstan nach Deutschland gekommen war, schockiert. „Das war krass, hat richtig wehgetan“, sagt er heute. Aus dem Gefecht habe er jedoch viel gelernt. Er freue sich auf die Revanche. Für die Neuauflage fährt Xhoxhaj, der sonst so bescheiden und zurückhaltend daherkommt, gleich schweres Geschütz auf: „Der Kampf wird mit einem K.O. enden“, prophezeit er. Er weiß auch schon, wann. „In der 6. Runde wird es passieren.“
Für Fress geht es in diesem Fight jedoch um weit mehr als nur Revanche und die drei ausgeschriebenen WBO-Gürtel – den für den Europe-Champion, den Interconti- und den International-Titel. So viele Ehrungen für ein einziges Gefecht schüttete der Weltverband noch nie aus. Wichtiger jedoch: Als aktuelle Nummer 1 der WBO im Cruisergewicht steht er unmittelbar vor einem möglichen WM-Titelkampf. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass er seine Spitzenposition verteidigt.
Abschließend noch ein Blick nach Jekaterinburg. Wo Veranstalter RCC Millionen investiert hat, um das Event nach Russland zu holen. Selbst wenn es fragwürdiges Terrain ist, Michael Eifert bleibt keine Wahl: Er steht dort vor dem Kampf seines Lebens. Nach schier endlosen drei Jahren des Wartens, in denen er viel Sparring, aber nur ein einziges Gefecht bestritt, geht es nun um zwei Halbschwer-Weltmeistergürtel, die sein Konkurrent Bivol hält: die der Verbände WBA und IBF.
Um den zunächst ebenfalls in Frage kommenden WBO-Titel wird nicht geboxt. Grund dafür ist laut einem Schreiben von WBO-Präsident Gustavo Olivieri der weiterhin andauernde Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Deshalb wird die WBO den Kampf nicht offiziell sanktionieren. Es gehört zu den Unerklärlichkeiten des Profiboxens, dass Bivol der Gürtel allerdings nicht aberkannt wird, stattdessen stuft die Organisation das Duell lediglich als Nicht-Titelkampf ein. Dem Deutschen muss es egal sein. Für ihn ist es die einmalige Chance, als krasser Außenseiter nicht nur nach zwei Titeln zu greifen, sondern endlich mal wieder ordentlich Geld zu verdienen.
Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 34
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