Standpunkt Breiter Weg: Uns Deutschen geht es gut?

Glaubt man dem Statistischen Bundesamt verdienten 2025 in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt deutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Mittelwert 4.784 Euro brutto im Monat und damit im internationalen Vergleich deutlich mehr. Das entspricht einem Bruttojahresgehalt aller sozialversicherten Vollzeitbeschäftigten von 57.408 Euro. In Sachsen-Anhalt sind es nach 35 Jahren seit der Wiedervereinigung immerhin noch 48.250 Euro. Wenn also unsere Regierung diese Zahlen liest und alles andere ausblendet, muss sie annehmen, dass es dem von ihr regierten Volk gut geht. Schließlich ist Papier geduldig und Statistiken sind wunderbar formbar, solange man nur die richtigen Parameter wählt. Die Lebensrealität der vielen Menschen im Niedriglohnsektor, der Leiharbeiter und derjenigen, die trotz zweier Jobs kaum über die Runden kommen, taucht in diesen glänzenden Durchschnittswerten praktischerweise gar nicht erst auf.

 

Wer von uns sich nicht mit diesen Durchschnittswerten messen kann, macht anscheinend irgendetwas falsch. Er muss deshalb nach Denkweise unserer Regierung einfach nur eine Vollzeitbeschäftigung mit einer 48-Stunden-Woche aufnehmen, nicht so oft zum Arzt gehen, um sich krankschreiben zu lassen und sollte einem späteren Renteneintritt aufgeschlossen gegenüberstehen. Wie fragte sich unser Bundeskanzler Merz im vergangenen Jahr so treffend, dass er nicht versteht, warum Menschen für 530,00 Euro Arbeiten gehen anstatt für 2.000 Euro.

 

Also selbst schuld, wenn man die paar Einschnitte der inflationären Entwicklung, der Sozialleistungen und des Rentenniveaus, die aktuell als historische Reformen verkauft werden, nicht einfach wegsteckt. Dass die Mieten in den Ballungsräumen explodieren, die Energiepreise ein Loch in die Haushaltskasse reißen und der wöchentliche Einkauf im Supermarkt mittlerweile Züge eines Luxusausflugs annimmt, wird dabei geflissentlich übersehen. Man muss eben Prioritäten setzen – vielleicht einfach mal auf die warme Mahlzeit am Abend verzichten, um die Statistik nicht zu trüben.

 

Würden alle mehr arbeiten, statt zu faulenzen, hätte der Staat mehr Steuer- und Beitragszahler, und könnte die Bürger des Landes mit noch mehr Entlastungen überhäufen. Leider erwähnen unsere Statistiker die Zahl der tatsächlich Vollzeitbeschäftigten, die bei etwa 25,4 Millionen liegen dürfte, nicht ganz so häufig. Bei rund 46 Millionen Erwerbstätigen im Land haben also noch ca. 20,6 Millionen Luft nach oben, um entsprechend den Vorstellungen unserer Regierung mehr zu arbeiten. Etwa 5,3 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst, von denen ca. zwei Millionen Beamte sind, und die Politiker selbst bleiben bei diesen Betrachtungen natürlich außen vor, weil sie von der sich selbst gegebenen Verfassung gesondert geschützt werden.

 

Alle anderen, die sich jetzt angesprochen fühlen, sollten gleich morgen mit ihren Arbeitgebern sprechen, um an das oben angeführte Durchschnittsgehalt anzuknüpfen und ihre Vollzeitbeschäftigung zu beschleunigen, natürlich erst nach Erhalt der 1.000 Euro Entlastungsprämie. Uns Deutschen geht es doch gut, oder finde den Fehler.

Thomas Wischnewski

Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 2

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