Römers Reich: Amen oder Awomen

Wir dachten ja, wir hätten das mit der Religion hinter uns. Die Aufklärung, so hieß es, habe den Weihrauch aus den Hörsälen vertrieben und Glauben durch Vernunft ersetzt. Ein schöner Gedanke. Doch der Mensch ist ein gläubiges Tier, und wenn man ihm den Pfarrer nimmt, sucht er sich eben eine Professur. Wer heute das Schaudern dogmatischer Gewissheit sucht, muss sonntags nicht mehr früh aufstehen. Ein Seminar in Genderwissenschaften tut es auch. Bei genauerer Betrachtung drängt sich ein geradezu blasphemischer Verdacht auf: Haben wir die Theologie nur umbenannt?

 

Im Johannesevangelium heißt es wuchtig: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Die göttliche Macht, die aus dem Nichts die Realität formt. Ein Konzept, das man in der modernen Linguistik  für einen antiken Mythos halten sollte. Weit gefehlt! Die Genderwissenschaft hat das Johannesevangelium nicht widerlegt, sie hat es lediglich plagiiert. „Die Sprache bestimmt die Realität“, lautet das erste Gebot der Lehre. Wer das generische Maskulinum verwendet, der macht Frauen unsichtbar. Das Wort erschafft die Welt nicht nur, es vernichtet sie. Wenn wir nicht konsequent von „Bäcker*innen“ sprechen, löst sich die weibliche Fachkraft für Backwaren im kollektiven Bewusstsein auf. Der performative Akt des Sprechens ist in beiden Disziplinen enthalten: Der Priester verwandelt durch seine Worte Brot in den Leib Christi, die Gender-Theoretikerin wendet durch den Glottisschlag eine patriarchale Gesellschaft in ein inklusives Paradies.

 

Doch jede gute Religion braucht nicht nur Schöpfungsmythen, sie braucht Gewissheit. Vor der Ära der Aufklärung mühten sich Scholastiker wie von Anselm von Canterbury bis Thomas von Aquin an Gottesbeweisen ab. Man drehte und wendete die Logik, bis am Ende herauskam: Gott existiert. Wie naiv! Heute haben wir schließlich empirische Studien. Ihr Beweis: Die unsichtbare Macht des Patriarchats (früher: die Erbsünde) ist allgegenwärtig. Heutige Gottesbeweise kommen als linguistische Feldstudien daher. Man misst die Reaktionszeiten von Probanden, zählt die Nennung von weiblichen Berufsbezeichnungen und weist in aufwendigen Versuchsanordnungen nach, dass der Sprachgebrauch Frauen systematisch benachteiligt. Die Methodik hat sich von theologischen Syllogismen zu soziologischen Statistiken gewandelt, aber das Prinzip bleibt verblüffend ähnlich: Man sucht nach empirischen Belegen für ein Dogma, das ohnehin nicht infrage gestellt werden darf. Wer die Studienlage anzweifelt, ist kein Kritiker, sondern ein Ketzer.

 

Die Kanzel steht heute im Seminarraum, die Exkommunikation heißt Cancel Culture, und der Ablasshandel funktioniert über den Kauf von Ratgebern für diskriminierungsfreie Sprache. Wir haben die Götter nicht vertrieben, wir haben ihnen nur neue, geschlechtergerechte Namen gegeben. Vielleicht sollten wir die Fakultäten wieder zusammenlegen. Dann könnten wir den Gottesdienst mit einem feierlichen Bekenntnis zur sprachlichen Konstruktion der Wirklichkeit beenden. Amen. Und natürlich: Awomen.

Axel Römer

Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 3

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