Gedanken beim Frühstück

An diesem Morgen sitze ich übermüdet am Tisch. Der Tee ist klar und fast durchsichtig. Nichts widerspricht der Ruhe dieses Augenblicks und doch ist etwas geschehen, das sich nicht mehr zurücknehmen lässt. Die Fische im Teich sind verschwunden. Dieser Umstand lässt sich einfach erklären, die Eisdecke bestand zu lange und sie war dicht. Ich habe sie nicht als Gefahr erkannt, weil sie es in den Jahren zuvor nicht war. Erfahrung wurde zur Täuschung. Die ganze letzte Nacht wälzte und ärgerte ich mich. Ich habe versagt – warum?

 

Aber die Erklärung nimmt nichts von dem, was bleibt. Ich hätte es sehen und dann handeln können oder müssen. Hier beginnt die Schuld. Nicht als ein Urteil von außen, sondern als mein eigenes Wissen. Als das Erkennen, dass mein „Nicht-Handeln“ Teil dieses Endes ist. Die Fische sind nicht einfach verschwunden. Das, was sie waren, ist nicht ins „Nichts“ zerfallen. Es hat die Form verlassen und ist dorthin zurückgekehrt, woher es kam. Das Individuelle ist erloschen, das Grundlegende bleibt. Vielleicht ist es genau diese Gleichzeitigkeit, die so schwer wiegt. Das Ende hätte verhindert werden können.

 

Mit diesen Gedanken ging ich durch die Nacht und ich sah Menschen über 65. Graues mit lichter werdendem Haar mit ordentlicher aber abgetragener Kleidung. In den Gesichtern sah man ihre Empfindungen, das Denken, das Erinnern – letztlich ihre Geschichte – voller Traurigkeit, Scham, aber auch Hilfe suchend und wissend, diese nicht zu erhalten. Sie standen an Abfalleimern und suchten Flaschen – das Pfand. Man erkannte es sofort. Das waren keine Randfiguren. Keine, die einfach nur so sind. Das waren Menschen, die in dieses unser aller Leben hineingehört haben, so wie ich und dort noch stehe. Ich hatte sie nicht dorthin gestellt. Nicht so wie die Fische unter das Eis und doch – ich ging einfach weiter.

 

Mein Alltag, mein Selbstverständnis ist anders, vielleicht noch? Aber die Frage bleibt. Ist mein „Nicht-Handeln“ auch hier Teil des Ganzen? Ich lebe in diesem System, ich nutze es, ich bewege mich in ihm, ohne es grundsätzlich zu unterbrechen. Reicht das, um mich freizusprechen oder ist es genau diese Form des Dabeiseins, die alles stabil hält? Denn was ist das anderes als ein langsames Ersticken? Nicht unter Eis, sondern unter Bedingungen. Unter einem Leben, das am Ende nicht trägt. Unter Strukturen, die leise versagen. Sie wühlen nicht im Müll, weil sie es wollen. Sie tun es, um leben zu können und wenn es nicht mehr reicht, verschwinden sie. Leise und unauffällig. Wie die Fische.

 

Es stellt sich mir noch eine weitere Frage, die mich beunruhigt. Wenn ich erkenne, dass etwas falsch ist, muss ich dann prompt reagieren, immer und überall? Man muss reagieren, wenn etwas offenkundig falsch ist, klar, oder? Das Gefühl entsteht sofort, dass Korrektur notwendig ist, damit kein größerer Schaden die Folge ist. Wachsamkeit scheint Pflicht zu sein. Offenheit und das ständige Informieren, um negative Entwicklungen zu verhindern, die andere oder einen selbst treffen könnten. Eine schnelle Reaktion ist nicht automatisch immer richtig.

 

Auch das Korrigieren kann kippen. Aus dem Willen, das scheinbar Falsche zu beseitigen, kann am Ende das ICH selbst zerstört werden. Zwischen Wegsehen und blindem Eingreifen liegt ein schmaler Raum. Dort beginnt Verantwortung nicht im Reflex, sondern im Maß. Nicht jedes Unrecht kann sofort beseitigt werden. Vielleicht liegt die eigentliche Unruhe nicht in den wenigen, die handeln, sondern in den vielen, die daneben stehen. Auch jene, die die Systeme tragen, sind keine isolierten Figuren. Sie haben Familien, Beziehungen und ein Umfeld, das sie bestätigt oder zumindest nicht aufhält. Sie sind eingebettet in ein Leben, das nach außen hin normal bleibt. Genau darin liegt die Schwierigkeit.

 

Unrecht geschieht nicht immer im Ausnahmezustand, sondern oft im Fortbestehen des Alltäglichen. Nicht jeder handelt aktiv. Doch viele sehen, passen sich an, profitieren oder schweigen.

 

Nicht aus offener Grausamkeit, sondern aus Nähe, aus Gewöhnung und aus dem Wunsch, das Eigene nicht zu gefährden. So entsteht eine soziale Form der Kälte, die nicht laut ist, sondern still. Eine, die nicht zwingt, sondern destabilisierend trägt. Vielleicht liegt genau hier die Grenze. Man muss reagieren, aber so, dass der Schaden sich nicht verschärft und sein eigenes ICH nicht zerfällt. Mit dem Fischsterben begann es, durch meine Schuld, und plötzlich stehen große Fragen im Raum, die schon Generationen bewegt haben.

Dr. Roland Minda

Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 25

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