Ungleich triumphiert
Von Prof. Dr. Gerald Wolf
Diese Behauptung will einfach nicht zu den heutigen Gleichheitsappellen passen, und schon gar nicht zu der Idee, die einst der britische Schriftsteller und Philosoph Aldous Huxley verfochten hatte. In seinem Roman „Schöne neue Welt“ (1932) entstehen die Menschen durch Klonen einzelner Eizellen, die Nachkommen sind mithin jeweils identisch. Sie leben sehr zufrieden in Kasten, zwischen denen es Kontakt nur über die Obrigkeit gibt. Krasser noch geht es in George Orwells „Farm der Tiere“ zu. Da heißt es: „Alle Tiere sind gleich“! Nachfolgend allerdings (und schon deshalb wohl ist das Buch berühmt geworden): „… aber manche sind gleicher als die anderen“ (All animals are equal, but some are more equal than others). Huxley wie Orwell nahmen in ihren Fabeln das kommunistische Gleichheitsideal aufs Korn, das bis zum heutigen Tag freudige Zustimmung unter all jenen findet, die bei der gleichmäßigen Verteilung der Güter mehr zu gewinnen als zu verlieren glauben. Ein dankbares Betätigungsfeld für Demagogen. Alle solche Versuche schlugen fehl, oft genug endeten sie in Diktaturen. Und genau das passiert in den Romanen von Huxley und Orwell.
Zwischen Sein und Sollen
Zu DDR-Zeiten konnte man an diese Bücher nur „hinten herum“ herankommen. So der Autor dieser Zeilen. Er hatte sich die „Farm der Tiere“ von einem Freund ausgeliehen, das Buch über Nacht im institutseigenen Fotolabor kopiert und die Fotokopie dann an weitere Freunde und Kollegen verliehen. Schätzungsweise einhundertzwanzig Seiten sind es gewesen. Entsprechend zerlesen waren sie.
Unser Grundgesetz beinhaltet eine Passage, die den oben zitierten ähnelt, aber eben nur ähnelt. Dort, im Artikel 3, heißt es; „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“. Wohlgemerkt: vor dem Gesetz, nicht etwa gemeint ist biologisch gleich. In demselben Artikel heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Allerdings gibt es in puncto Meinungsäußerungen ein Problem, nämlich beim Verlautenlassen von Meinungen politischer Art, die sich von denen der offiziellen allzu deutlich unterscheiden, selbst solchen „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“. Gegebenenfalls ist dann von „Volksverhetzung“ die Rede. Doch wo ist da die Grenze, und wer oder was ist das „Volk“? Überhaupt hat man mitunter den Eindruck, sobald die Politik beziehungsweise deren jeweilige Farben hereinspielen, werden unsere Richter unsicher. Wer die Medien zu deuten weiß und das, was sie berichten und was sie nicht (!) berichten und wer es aus den entsprechenden Echokammern klingen hört, wird dafür ein gewisses Gefühl entwickeln.
Ungleich vom Prinzip her
Dass die Arten der Tiere und Pflanzen ungleich sind, höchst ungleich – ganz anders als in der „Farm der Tiere“ –, ist jedem selbstverständlich. Noch nicht einmal die Individuen innerhalb einer biologischen Art sind gleich, wirklich gleich. Da gibt es keine zwei Gänseblümchen und keine zwei Mäuse, die einander völlig gleichen. Es sei denn, sie wären im Labor eigens auf Gleichheit hin gezüchtet worden. Und eineiige Zwillinge, solche von uns Menschen? Zwar mögen sie genetisch identisch sein, weitestgehend, dennoch unterscheiden sie sich je nach den persönlichen Entwicklungsbedingungen, nach ihrer individuellen Umwelt und ihrem Selbstverständnis. Sie alle empfinden sich als grundverschiedene Ichs, und sie sind es auch.
Die Ungleichheit ist die Voraussetzung für die Selektion, für die Auswahl nach dem Eignungsprinzip. Ohne eine solche Selektion kann es keine Evolution geben, gar nicht denkbar wäre sie! Trivial zwar, aber ganz offensichtlich wird das Selektionsprinzip beim Leistungssport. Wären die Teilnehmer alle gleich und blieben auch so, verlöre der Leistungssport seinen Sinn. Es gäbe keine Anstrengung mehr, keinen Kampf um den Sieg, keine Rangplätze. Ebenso notwendig ist die Leistungsbewertung an den Schulen und das Gerangel in den Künsten und in den Wissenschaften. Nicht minder in der Wirtschaft und in der Politik. Wohin man blickt: Die Leistung zählt, ihre Bewertung, ihre Belohnung. Wird das Prinzip der leistungsbezogenen Ungleichheit vernachlässigt, dann dominieren andere – jene, bei denen das Leistungs-, mithin das Eignungsprinzip gilt. Und das mit entsprechenden Folgen. Militärisch bis hin zu solchen der verheerenden Art.
Vom Wolf zum Dackel
Wären die Nachkommen von Wölfen alle gleich, total gleich, hätte es per Zucht niemals zum Hund kommen können, und schon gar nicht zu den so überaus unterschiedlichen Rassen. Wie das? In den Würfen wurde seit zehn- oder gar zwanzigtausend Jahren nach Gestalt, Größe, Fellfarbe und charakterlichen Eigenschaften aussortiert. Noch heute entstehen auf diese Weise neue Hunderassen. Die Federation Cynolique Internationale (FCI) erkennt rund 360 Hunderassen an. Da fragt man sich, was ein Deutscher Schäferhund mit einem Dackel überhaupt noch zu tun hat? Oder mit einem Pekinesen – sehr viel: nämlich die gemeinsame Abstammung vom Wolf! So ungleich die Hunde auch wirken mögen, genetisch ist der Schäferhund dem Dackel viel ähnlicher als dem Goldschakal, dem er rein äußerlich weitaus stärker gleicht.
Dauerhaft in Menschenhand und dennoch ständig der natürlichen Auslese anheimgestellt ist die Honigbiene. Bei ihr gehören Draufgängertum zum einen und vorsichtige Zurückhaltung zum anderen zu den individuellen Persönlichkeitseigenschaften. So sind Erkundungsflüge nach neuen Trachten bei schlechtem Wetter nicht „jedermanns“ Sache. Und tatsächlich, die einen Bienen fliegen offenbar unbekümmert drauflos, während die anderen im selben Stock lieber ausharren, bis die Mutigen mit ihrer Nachricht zurückkommen. Auch wenn es nur noch einzelne sind, dann ist für diejenigen, die ausgeharrt haben, womöglich immer noch Zeit. Wären aber alle Individuen vom Draufgängertyp, könnte eine Schlechtwetterperiode zum Aussterben des ganzen Bienenvolks führen. Umgekehrt gäbe es bei ihnen nur Feiglinge, droht die Gefahr, dass ab irgendwann die Angehörigen allesamt mangels Alternative Hungers stürben.
Qualität und Quantität
Der Einzelne mag den Mitmenschen überlegen sein dank seiner Ideen und Erfindungen, seiner Ausdauer und Beliebtheit oder seiner Überzeugungskraft, vielleicht auch seines Mutes oder Organisationstalentes wegen. Um Großes zu leisten, gleich ob gut oder schlecht, Fortschritt und Stabilität zu fördern, bedarf es fast immer des Zusammenwirkens mit anderen. Oft genug mit vielen von ihnen. Nur so ist zu erklären, wie sich die Welt von uns Menschen über die Jahrhunderte hin verändert hat. Heutzutage reichen für Veränderungen schon wenige Jahre aus oder gar Tage. Wollte ein jeder und in jeder Hinsicht ein Original sein und sich vom Gros so weit wie möglich unterscheiden, wer machte dann die Arbeit? Es gäbe keine Häuser und Straßen, keine Maschinen, keine Schulen und Universitäten, und die Verwaltungen hätten keine Mitarbeiter, weil alle nur noch Chefs sein wollten. Es sind Gruppen, Teams, Bewegungen – Menschen, die sich zusammenschließen oder von Chefs zusammengeschlossen werden, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen und sich dabei gegenseitig zu tragen. In schwierigen Zeiten wird diese Kraft besonders sichtbar. Wo Menschen einander zuhören, Verantwortung teilen und sich aufeinander verlassen, wo Zusammenarbeit wichtiger ist als Konkurrenz, wächst etwas, was Einzelne nie zustande bringen können. Das Miteinander schafft mit dem Gefühl von Zugehörigkeit auch den Sinn, der für das Wohlbefinden ausschlaggebend ist. Aber auch das Wohlbefinden steigt mit dem Bewusstsein, dass man nicht einfach anonymer Teil einer Masse ist, sondern eben doch etwas Besonderes – ein unverwechselbares Ich.
Zurück bis zur Ursuppe
Die Auslese des Besseren gehört als Evolutionsprinzip auch zum Ur-Anfang des Lebens. Durch Laborversuche wurde nachgewiesen, dass in der sogenannten „Ursuppe“ neben vielen anderen Molekülsorten auch erste Nukleinsäuremoleküle entstehen. Durch Zufall. Sie unterschieden sich in der Schnelligkeit, mit der sie molekulare Bausteine für die Selbstvermehrung binden. Die weniger erfolgreichen Molekültypen verschwanden nach und nach – dank Ungleichheit also vom Anbeginn des Anbeginns das Prinzip der Selektion. Per Zufall ergaben sich weitere Varianten, die im Verein mit anderen in der Ursuppe ebenfalls zufällig entstandenen Molekülarten neue Bestandsstrategien ermöglichten. Die Uranfänge des Eignungsprinzips also. Geradezu zwingend werden sich Verzweigungen in diesen molekularen Stammbäumen ergeben haben, die ihrerseits zu ganz unterschiedlichen molekularen Verbänden führten. Je nach Eignung also differierende Urformen des Lebens also und mit ihnen die ersten Glieder des Stammbaums der heutigen Organismen. Je höher entwickelt, umso deutlicher auch die Unterschiede zwischen den Individuen, gleich ob die der weit mehr als hundert Bakterienarten, die in unserem Darm leben, oder die zwischen all den Pantoffeltierchen, Fliegenpilzen, Apfelbäumen, Regenwürmern und Affen. Oder, bitte schön, zwischen uns Menschen. Ohne die Ungleichheit der Individuen gäbe es keine Evolution – uns alle gäbe es nicht, Sie nicht, verehrte Leserin, verehrter Leser, und mich nicht, den Autor.
Welch Triumph der Ungleichheit!
Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 26-27
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