Warum wir uns selbst klein reden
Es gibt Stimmen, die hören wir unser ganzes Leben lang. Manche sagen nette Dinge wie „Du schaffst das schon“ oder „Das war heute richtig gut“. Und dann gibt es diese andere Stimme. Die mit dem Tonfall einer schlecht gelaunten Kombination aus Oberstudienrat, Fitnesscoach und Steuerprüfer. Sie meldet sich zuverlässig genau dann, wenn wir etwas wagen wollen, uns zeigen, einen Fehler gemacht haben oder einfach nur fünf Minuten in Ruhe existieren möchten. Dann sagt sie Dinge wie: „Das war peinlich.“ „Reiß dich zusammen.“ „Andere kriegen das doch auch hin.“ „Du bist wieder zu empfindlich.“ Oder, besonders beliebt: „Bevor du das machst, lass es lieber ganz, sonst blamierst du dich.“ Willkommen beim inneren Kritiker. Jeder hat ihn. Nur klingt er bei jedem ein bisschen anders. Bei manchen streng, bei manchen spöttisch, bei manchen kühl und sachlich. Aber die Botschaft ist oft ähnlich: Sei besser. Streng dich mehr an. Mach bloß keinen Fehler. Fall nicht auf. Und vor allem: Gib dir keine Blöße.
Das Verrückte daran ist: Dieser innere Kritiker fühlt sich oft an, als wolle er uns helfen. Als würde er uns motivieren, vor Fehlern bewahren oder endlich auf Spur bringen. So nach dem Motto: Wenn ich nur hart genug mit mir bin, werde ich irgendwann erfolgreich, diszipliniert, makellos und innerlich beneidenswert entspannt. Leider funktioniert das ungefähr so gut wie eine Zimmerpflanze anzuschreien, damit sie schneller wächst. Der innere Kritiker verbessert uns meistens nicht. Er verunsichert uns. Er macht aus kleinen Fehlern Grundsatzfragen.
Er sorgt dafür, dass wir Dinge zerdenken, Chancen aufschieben, uns kleinhalten oder nach außen stark wirken, während wir innen längst im Tribunal sitzen.
Der innere Kritiker
Psychologisch ist das gut erklärbar. Der innere Kritiker fällt nicht vom Himmel. Er ist oft eine verinnerlichte Stimme aus früheren Erfahrungen. Vielleicht gab es in der Kindheit viel Kritik, hohe Erwartungen oder wenig Raum für Fehler. Vielleicht musste man früh funktionieren, brav sein, stark sein oder sich Leistung verdienen. Dann lernt das Nervensystem irgendwann: Kritik schützt. Härte hält mich auf Kurs. Wenn ich mich selbst zuerst bewerte, bin ich auf die Bewertung anderer wenigstens vorbereitet. Das ist wichtig zu verstehen, denn dann wird klar: Der innere Kritiker ist nicht einfach ein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Er ist ein altes Schutzprogramm. Nur leider eins, das irgendwann anfängt, mehr Schaden anzurichten als Nutzen zu bringen.
Das Gemeine ist nämlich: Der innere Kritiker klingt oft vernünftig. Er kommt selten mit „Hallo, ich bin hier, um dein Selbstwertgefühl zu ruinieren“. Er kommt eher im Kostüm der Einsicht. Er sagt: „Ich will doch nur, dass du dein Potenzial ausschöpfst.“ Oder: „Ein bisschen Selbstkritik muss schon sein.“ Stimmt ja auch. Natürlich ist es sinnvoll, sich selbst reflektieren zu können. Natürlich hilft es, Fehler zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und nicht jede eigene Regung für göttliche Eingebung zu halten. Aber zwischen gesunder Selbstreflexion und innerer Selbstzerlegung liegt ein gewaltiger Unterschied. Selbstreflexion sagt: „Das war nicht ideal. Was kann ich nächstes Mal anders machen?“ Der innere Kritiker sagt: „Das war nicht ideal. Du bist offenbar grundsätzlich unfähig.“ Das eine hilft dir beim Wachsen. Das andere hält dich klein und verkauft es als Charakterbildung.
Woran merkt man, dass gerade nicht die kluge innere Stimme spricht, sondern der Kritiker übernommen hat? Ein guter Hinweis ist der Ton. Würdest du so mit einem Menschen sprechen, den du liebst? Würdest du einer Freundin nach einem Fehler sagen: „Kein Wunder, dass dich so keiner ernst nimmt“? Wahrscheinlich nicht. Noch ein Hinweis: Der innere Kritiker arbeitet gern mit Absolutheiten. Immer. Nie. Alle anderen. Typisch du. Außerdem macht er aus Verhalten Identität. Nicht: „Ich habe heute unsicher reagiert“, sondern: „Ich bin schwach.“ Nicht: „Ich habe etwas vergessen“, sondern: „Ich kriege nichts auf die Reihe.“ Genau da lohnt es sich, innerlich kurz die Hand zu heben und zu sagen: Danke für die dramatische Einschätzung, aber wir prüfen das noch einmal in Ruhe.
Was hilft nun praktisch? Zuerst: den Kritiker erkennen, bevor man ihm alles glaubt. Viele Menschen halten ihre innere Stimme für die Wahrheit, nur weil sie vertraut klingt. Aber nicht jeder Gedanke ist ein Orakel. Manches ist einfach altes Programm. Deshalb ist der erste Schritt nicht, den Kritiker sofort wegzubekommen, sondern ihn zu entlarven. Zum Beispiel mit einer einfachen Frage: Wie spricht diese Stimme gerade mit mir? Hilfreich, klar und konkret? Oder hart, abwertend und pauschal? Allein diese Unterscheidung schafft Abstand. Man ist dann nicht mehr komplett in der Stimme drin, sondern betrachtet sie von außen. Und das ist psychologisch ein Riesenschritt.
Der zweite Schritt ist, bewusst eine andere innere Sprache aufzubauen. Nicht künstlich-zuckrig im Stil von „Ich bin ein magisches Lichtwesen und alles ist perfekt“, während man innerlich schon wieder die Augen verdreht. Sondern realistisch, freundlich und hilfreich. Statt: „Ich bin so peinlich“, eher: „Das war unangenehm, aber unangenehm ist nicht gefährlich.“ Statt: „Ich kriege gar nichts hin“, eher: „Ich bin gerade überfordert. Ich sortiere einen Schritt nach dem anderen.“ Statt: „Ich darf keinen Fehler machen“, eher: „Fehler sind kein Beweis meiner Unfähigkeit, sondern Teil von Lernen.“ Das klingt unspektakulär, ist aber hochwirksam, weil dein Nervensystem auf Sprache reagiert. Die Art, wie du mit dir sprichst, beeinflusst, ob dein System in Alarm geht oder in Regulation.
Ein dritter hilfreicher Punkt ist, die Funktion des Kritikers zu verstehen. Was soll er verhindern? Blamage? Ablehnung? Kontrollverlust? Wenn du das erkennst, wird es plötzlich logisch. Dann ist da nicht nur eine nervige Stimme, sondern ein alter Wächter, der verhindern will, dass du wieder etwas Schmerzhaftes erlebst. Das bedeutet nicht, dass du ihm weiter das Steuer überlassen musst. Aber es hilft, nicht sofort in Selbsthass zu kippen. Aus „Warum bin ich so?“ wird dann eher: „Ah, mein System versucht gerade, mich vor etwas zu schützen.“ Und das ist eine sehr andere innere Haltung.
Der freundliche Begleiter
Hier ein ganz praktisches Beispiel. Jemand macht auf der Arbeit einen kleinen Fehler und bekommt eine Rückmeldung. Der innere Kritiker springt sofort an: „Super. Jetzt denken bestimmt alle, dass du unfähig bist. Du musst dich mehr zusammenreißen. Wie kann man nur so dumm sein?“ Die alte Reaktion wäre vielleicht, innerlich zusammenzusacken, sich zu schämen oder doppelt so viel zu leisten, um das eigene Gefühl von Wert wiederherzustellen. Die neue Reaktion könnte lauten: kurz durchatmen, den inneren Kommentar bemerken und sich sagen: „Ich mag den Ton gerade nicht. Ich habe einen Fehler gemacht, nicht mein ganzes Leben zerstört. Ich höre mir die Rückmeldung an und korrigiere, was zu korrigieren ist.“ Das ist kein positives Denken mit Glitzer. Das ist emotionale Führung.
Ein kleines Werkzeug für den Alltag ist deshalb diese Dreierfrage: Was sage ich mir gerade? Würde ich so mit einem Menschen sprechen, den ich liebe? Und was wäre ein Satz, der ehrlich ist, aber mir tatsächlich hilft? Wer das ein paar Tage lang bewusst übt, merkt oft sehr schnell, wie automatisch und gnadenlos der innere Kritiker bisher mitgelaufen ist. Nicht, um einen zu quälen, sondern weil er sich längst als Normalzustand verkleidet hat.
Und noch etwas ist wichtig: Den inneren Kritiker loszuwerden, ist selten das Ziel. Meistens geht es eher darum, dass er nicht mehr der Geschäftsführer im Kopf ist. Er darf vielleicht noch im Gebäude sein. Aber er muss nicht jede Entscheidung treffen, jedes Gefühl kommentieren und jede Unsicherheit zum Staatsakt erklären. Mit der Zeit kann aus dieser lauten, strafenden Stimme etwas anderes werden: eine nüchterne, erwachsene, freundliche innere Begleitung. Jemand, der sagt: „Ja, das war nicht ideal. Und trotzdem bist du okay. Was ist jetzt der nächste sinnvolle Schritt?“
Vielleicht ist genau das eine der heilsamsten Veränderungen überhaupt: nicht perfekt mit sich zu sein, sondern verlässlich. Nicht nur dann okay mit sich zu sein, wenn alles klappt, sondern auch dann, wenn man stolpert. Denn Menschen wachsen nicht am besten unter Dauerbeschuss. Sie wachsen dort, wo Ehrlichkeit und Freundlichkeit zusammenkommen. Der innere Kritiker behauptet gern, ohne ihn würde alles aus dem Ruder laufen. Die Erfahrung zeigt meistens das Gegenteil: Wer lernt, fair mit sich zu sprechen, wird oft nicht fauler, sondern mutiger. Nicht nachlässiger, sondern klarer. Nicht schwächer, sondern stabiler.
Du musst also nicht jedes Mal glauben, was diese Stimme sagt. Du darfst lernen, ihr zuzuhören, ohne ihr recht zu geben. Und du darfst nach und nach eine neue Stimme kultivieren. Eine, die dich nicht klein hält, sondern trägt. Nicht weichgespült. Nicht unrealistisch. Sondern klar, menschlich und hilfreich. Man könnte auch sagen: nicht dein innerer Richter, sondern endlich dein innerer Verbündeter.
In der nächsten Kolumne geht es um ein Gefühl, das fast jeder kennt und kaum jemand wirklich versteht: Scham. Warum sie uns so schnell verstummen lässt, warum sie stärker ist als bloße Unsicherheit — und wie man sich aus ihrem Griff lösen kann, ohne sich eine neue Persönlichkeit kaufen zu müssen.
Von Herzen, Dein Dennis Pfeiffer
Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 28
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