Standpunkt Breiter Weg: Schieflage am Arbeitsmarkt

Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind ein Alarmsignal, das in Berlin niemand mehr überhören darf: Die deutsche Wirtschaft verliert rasant an Substanz, während der öffentliche Sektor ungebremst wächst. Diese gegenläufige Entwicklung ist nicht nur eine statistische Randnotiz, sondern offenbart eine strukturelle Schieflage, die den Wohlstand unseres Landes massiv gefährdet. Seit 2019, dem Beginn der anhaltenden Wirtschaftsschwäche, ist die Zahl der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe um mehr als 650.000 gesunken. Das sind jene Industriebereiche wie der Fahrzeugbau, der Maschinenbau und die Chemie, die jahrzehntelang das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildeten und als globale Wachstumstreiber fungierten. Im gleichen Zeitraum wuchs der öffentliche Sektor um atemberaubende 1,3 Millionen Stellen. Dieser Aufbau, der vorwiegend aus Steuern und Sozialbeiträgen finanziert wird, überlagert den Negativtrend in der Privatwirtschaft und verschleiert das wahre Ausmaß der Krise.

 

Es ist eine geradezu paradoxe Situation: Die Industrie, die den Wohlstand erwirtschaftet, aus dem der Staat sich finanziert, schrumpft. Gleichzeitig bläht sich der staatliche und halbstaatliche Apparat immer weiter auf. Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass diese Gleichung auf Dauer nicht aufgehen kann. Wer soll die stetig wachsenden Ausgaben für Gesundheit, Soziales und Erziehung finanzieren, wenn die wertschöpfende Basis der Wirtschaft wegbricht?

 

Die Konsequenzen dieser Fehlentwicklung zeigen sich bereits in aller Deutlichkeit bei den Finanzen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die wachsenden Ausgaben für Arbeitslosigkeit fressen riesige Löcher in die Kassen. Schon 2025 musste der Bund mit einem Darlehen von 2,35 Milliarden Euro einspringen. Für das laufende Jahr sind vier Milliarden Euro eingeplant, doch das Defizit der BA von 4,1 Milliarden Euro allein bis April straft diese optimistische Kalkulation Lügen. Es drohen entweder steigende Beitragssätze oder weitere milliardenschwere Zuschüsse aus dem Steuersäckel – eine zusätzliche Belastung für die ohnehin krisengebeutelte Privatwirtschaft.

 

Die Politik muss diese fatale Entwicklung endlich stoppen. Es reicht nicht aus, den Arbeitsplatzabbau in der Industrie mit einem Schulterzucken als unvermeidlichen Strukturwandel abzutun, während der Staat als scheinbar unerschöpflicher Arbeitgeber einspringt. Ein aufgeblähter öffentlicher Sektor schafft keinen neuen Wohlstand, er verteilt ihn nur um. Was Deutschland braucht, ist eine konsequente Wirtschaftspolitik, die die Rahmenbedingungen für die Industrie wieder attraktiv macht. Das bedeutet: Bürokratieabbau, wettbewerbsfähige Energiepreise und steuerliche Entlastungen für Unternehmen, die investieren und Arbeitsplätze schaffen. Gleichzeitig muss der Staat den Personalaufbau bremsen. Gibt es kein Umschwenken, wird die Abwärtsspirale aus sinkender Wirtschaftskraft, steigenden Sozialausgaben und einer immer höheren Steuer- und Abgabenlast nicht mehr umkehrbar sein. Eine Wirtschaft, die schrumpft, kann sich keinen Staat leisten, der weiter wächst.

Thomas Wischnewski

Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 2

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