Vom Nettsein bis zur Selbstaufgabe

Es gibt Menschen, die sind unfassbar angenehm. Sie sind freundlich, hilfsbereit, verständnisvoll, flexibel, rücksichtsvoll und gefühlt immer bereit, noch schnell irgendetwas mitzutragen, zu übernehmen oder möglich zu machen. Sie sagen Sätze wie: „Ach, kein Problem.” Oder: „Ist schon okay.” Oder den Endgegner aller Selbstverleugnung: „Mir ist das eigentlich egal.” Ist es oft nicht. Denn hinter diesem besonders sozialen, umgänglichen und unkomplizierten Auftreten steckt nicht selten etwas, das auf den ersten Blick sympathisch wirkt, auf den zweiten aber ziemlich anstrengend ist: People Pleasing. Also das tiefe Bedürfnis, es anderen recht zu machen, Konflikte zu vermeiden, bloß nicht anzuecken und möglichst von allen als angenehm empfunden zu werden.

 

Das klingt erst einmal gar nicht dramatisch. Schließlich ist Nettsein kein Kapitalverbrechen. Das Problem beginnt dort, wo Freundlichkeit nicht mehr frei ist, sondern zur Überlebensstrategie wird. Dann sagt man Ja, obwohl man Nein meint. Dann lacht man über Witze, die nicht lustig sind. Dann entschuldigt man sich für Bedürfnisse, für Grenzen, manchmal schon fast fürs eigene Vorhandensein. Und dann wundert man sich irgendwann, warum man erschöpft, gereizt, innerlich leer oder seltsam unsichtbar geworden ist. Denn wer permanent versucht, für andere angenehm zu sein, verliert oft den Kontakt zu einer wichtigen Frage: Was will ich eigentlich? People Pleasing ist nicht einfach nur „zu nett sein”. Es ist die Angst, dass Ehrlichkeit einen Preis hat. Dass ein Nein zu Ablehnung führt. Dass ein eigener Standpunkt Beziehungen gefährdet. Dass man nur dann sicher ist, wenn man gemocht wird.

 

Viele dieser Muster entstehen nicht aus Schwäche, sondern aus Anpassung. Vielleicht hat jemand früh gelernt, dass Harmonie sicherer ist als Widerspruch. Dass man lieber lieb und pflegeleicht sein sollte. Dass Zuneigung wackelt, sobald man unbequem wird. Dann entwickelt sich mit der Zeit ein sehr feines Gespür für andere.

 

Man merkt sofort, wenn sich die Stimmung verändert. Man passt sich schnell an. Und irgendwann wird daraus ein Automatismus. Nicht mehr: „Ich möchte freundlich sein.” Sondern: „Ich darf niemanden enttäuschen.” Das Problem ist nur: Wer immer nur darauf achtet, wie es allen anderen geht, überhört irgendwann die eigene innere Stimme komplett. Man merkt zwar noch genau, wer genervt ist, wer Bestätigung braucht oder wer gerade komisch geguckt hat. Aber die eigenen Bedürfnisse? Die kommen oft nur noch als diffuses Unwohlsein durch, als Müdigkeit, als Gereiztheit, als Rückzug. Oder als dieser seltsame innere Satz: „Irgendwie wird mir gerade alles zu viel.”

 

Kein Wunder. Wer ständig emotional auf Empfang für andere ist, sendet irgendwann selbst gar nichts mehr. Besonders tückisch ist dabei, dass People Pleasing von außen häufig gelobt wird. Man gilt als empathisch, teamfähig, unkompliziert. Nur innerlich zahlt man dafür einen hohen Preis. Denn Harmonie, die auf Selbstverrat basiert, fühlt sich nur oberflächlich friedlich an. In Wirklichkeit macht sie auf Dauer müde. Unser Nervensystem liebt Sicherheit. Und für viele Menschen war Anpassung irgendwann einmal Sicherheit. Wer keinen Ärger macht, wird weniger kritisiert. Wer sich anpasst, bleibt verbunden. Wer niemandem widerspricht, riskiert weniger Ablehnung.

 

Das Gehirn speichert solche Erfahrungen nicht als philosophische Erkenntnis, sondern als Handlungsanweisung: Unauffällig sein = sicher. Grenzen setzen = riskant. Eigene Bedürfnisse zeigen = lieber vorsichtig. Das heißt nicht, dass Menschen mit People-Pleasing-Mustern schwach sind. Oft sind sie extrem leistungsfähig, sozial feinfühlig und belastbar. Sie haben nur gelernt, ihre Antennen ständig nach außen zu richten. Und genau das ist auf Dauer erschöpfend. Denn irgendwann kippt Nettsein in Verbiegung. Dann hilft man nicht mehr aus freier Entscheidung, sondern aus Schuldgefühl. Dann sagt man nicht mehr Ja aus Großzügigkeit, sondern aus Angst. Und dann kommt meistens noch etwas dazu: stiller Frust. Also lächelt man weiter, macht weiter, schluckt weiter — und wundert sich, warum man innerlich immer dünnhäutiger wird.

 

People Pleasing macht nämlich nicht nur erschöpft. Es kann auch heimlich wütend machen. Nicht auf die anderen. Sondern auf sich selbst, weil man schon wieder nicht ehrlich war. Die gute Nachricht ist: Man muss dafür nicht von heute auf morgen zum schonungslos direkten Wahrheits-Orkan werden. Niemand muss plötzlich beim Familienkaffee aufstehen und verkünden, was er seit 17 Jahren wirklich über Tante Birgits Kartoffelsalat denkt.

 

Veränderung darf kleiner anfangen. Ein erster wichtiger Schritt ist, überhaupt zu bemerken, wann man gerade nicht aus echter Freundlichkeit handelt, sondern aus Angst vor Ablehnung. Zum Beispiel mit einer simplen Frage: Würde ich das gerade auch tun, wenn ich wüsste, dass die andere Person nicht enttäuscht wäre? Wenn die ehrliche Antwort Nein lautet, ist das oft ein guter Hinweis.

 

Eine zweite hilfreiche Frage ist: Was befürchte ich eigentlich, wenn ich jetzt ehrlich bin? Dass der andere mich blöd findet? Dass Spannung entsteht? Allein diese Frage bringt oft erstaunlich viel ans Licht. Denn plötzlich geht es nicht mehr um eine kleine Alltagssituation, sondern um ein altes inneres Programm. Und dann kommt der wichtigste Teil: Nicht sofort alles umkrempeln, sondern kleine neue Erfahrungen sammeln. Statt ein riesiges Grenzen-setzen-Seminar im eigenen Wohnzimmer zu eröffnen, reicht oft ein Mini-Schritt. Zum Beispiel: „Ich muss kurz überlegen.” Oder: „Heute schaffe ich das nicht.” Oder: „Da habe ich eine andere Meinung.” Oder der fortgeschrittene Klassiker: „Nein, das passt für mich nicht.”

 

Mehr braucht es am Anfang oft gar nicht. Keine Rechtfertigungsoper in drei Akten. Ein klarer Satz reicht. Natürlich fühlt sich das am Anfang unangenehm an. Wer lange gelernt hat, dass Anpassung sicher ist, erlebt Ehrlichkeit nicht sofort als befreiend, sondern oft zunächst als leicht lebensgefährlich. Nicht objektiv. Aber innerlich.

 

Das Herz klopft, der Bauch zieht sich zusammen, man denkt: Oh Gott, jetzt bin ich bestimmt unhöflich. Dabei hat man oft nur zum ersten Mal einen ganz normalen Satz gesagt. Genau da beginnt Veränderung. Nicht in dem Moment, in dem es sich sofort gut anfühlt. Sondern in dem Moment, in dem man merkt: Es war unangenehm — und ich habe es trotzdem überlebt. Das ist psychologisch ein Riesenschritt. Denn so lernt das System nach und nach: Ein Nein führt nicht automatisch zum Beziehungsabbruch. Nicht jeder ist verletzt, nur weil ich eine Grenze habe. Ich darf ehrlich sein und trotzdem verbunden bleiben.

 

Manchmal zeigt eine enttäuschte Reaktion nur, dass andere sich an die Version von uns gewöhnt haben, die immer alles möglich gemacht hat. Nicht jeder freut sich, wenn man plötzlich gesunde Grenzen entwickelt. Vor allem die nicht, die von den ungesunden profitiert haben. People Pleasing aufzulösen bedeutet nicht, unfreundlich zu werden. Es bedeutet, Freundlichkeit und Ehrlichkeit wieder zusammenzubringen. Nicht mehr nett auf eigene Kosten. Sondern klar, menschlich und echt. Denn wirkliche Nähe entsteht nicht dort, wo immer alles glattgebügelt wird, sondern dort, wo Menschen spürbar werden: Mit Meinung, mit Grenzen, mit Ecken, mit einem Nein, das nicht gegen den anderen gerichtet ist, sondern für sich selbst. Vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Gedanken: Du bist nicht schwieriger, wenn du aufhörst, dich ständig anzupassen. Du wirst nur sichtbarer. Und das ist für manche ungewohnt. Für dich selbst übrigens oft auch. Aber Sichtbarkeit ist nicht das Problem. Sie ist oft der Anfang von etwas sehr Gesundem. Denn auf Dauer ist es keine echte Harmonie, wenn nur einer sich dauernd verbiegt. Und es ist auch keine echte Freundlichkeit, wenn sie aus Angst entsteht. Irgendwann darf aus dem ständigen „Was brauchen die anderen gerade?” wieder öfter die Frage werden: „Was brauche ich eigentlich?“ Nicht immer. Nicht nur. Aber endlich auch.

 

In der nächsten Kolumne geht es um ein Gefühl, das fast jeder kennt und kaum jemand wirklich versteht: Scham. Warum sie uns so schnell verstummen lässt, warum sie stärker ist als bloße Unsicherheit — und wie man sich aus ihrem Griff lösen kann, ohne sich eine neue Persönlichkeit kaufen zu müssen.

 

Von Herzen, Dein Dennis Pfeiffer

 

Dennis Pfeiffer ist Heilpraktiker für Psychotherapie, Hypnose-Therapeut, NLP-Master, Mesmerismus-Praktiker und angehender Master in kognitiver Verhaltenstherapie. Er begleitet Menschen dabei, aus dem Kopf zurück ins Leben zu kommen – mit moderner Psychotherapie, Hypnose, Energie- und Bewusstseinsarbeit sowie körperorientierten Methoden wie Qi Gong. Sein Ansatz verbindet neurowissenschaftliche Erkenntnisse, hypnotische Tiefenarbeit und energetische Präsenzarbeit – für reale, spürbare und nachhaltige Veränderung im Alltag.

 

Praxis im Gesundheitszentrum Swaton

Förderstedter Straße 30 · Magdeburg

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Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 24

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