Römers Reich: Kinder, bitte nicht stören!

Haben Sie es schon gehört? Wir sind jetzt „kinderfrei“. Nicht kinderlos! „Los“ klingt nach Verlust, nach dem traurigen Rest, der übrig bleibt, wenn man den Bus verpasst hat. Nein, wir sind „frei“. Frei wie in „schuldenfrei“ oder „sorgenfrei“. Kinder sind schließlich, wenn man den aktuellen Diskurs verfolgt, so etwas wie die Gluten-Intoleranz der modernen Lebensplanung: Man kann damit leben, aber ohne ist die Selbstverwirklichung einfach geschmeidiger. Es ist eine faszinierende sprachliche Evolution. Früher hatten Eltern „kinderfrei“, wenn die Großeltern den Nachwuchs für ein paar Stunden ins Kino entführten. Heute ist „kinderfrei“ ein Lifestyle-Statement. Es bedeutet: Ich habe mich bewusst gegen das kleine, laute Etwas entschieden, das meine Work-Life-Balance in eine Work-Cry-Balance verwandeln würde. Und wer könnte es uns verdenken? In einem Land, das Kinder behandelt, als wären sie eine ansteckende Krankheit, ist die Entscheidung gegen sie fast schon Notwehr.

 

Schauen wir uns mal in unserer alternden Republik um. Überall hängen unsichtbare „Bitte nicht stören“-Schilder. Wir haben kinderfreie Hotels (endlich in Ruhe den Aperol trinken!), kinderfreie Samstage im Schwimmbad (weil Arschbomben die meditative Aura der Ü60-Fraktion stören) und Ruhezonen im ICE, in denen das Atmen eines Säuglings als terroristischer Akt gegen die persönliche Entfaltung gewertet wird. Kinderlärm? Ein Frontalangriff auf die innere Mitte! Wir optimieren uns selbst zu Tode, und da stört so ein unberechenbares Element wie ein Kind den Algorithmus. Die Feuilletons sind voll von Texten, in denen uns erklärt wird, dass Mütter ohnehin unglücklicher sind und Eltern den schlechteren Sex haben. Ein glückliches Leben genügt sich selbst, heißt es. Und das stimmt! Wer braucht schon Kinder, wenn man stattdessen eine Monstera-Pflanze großziehen und ihr einen Instagram-Account einrichten kann? Die weint nicht, wenn man ihr das iPad wegnimmt.

 

Die Geburtenstatistik gibt den Trendsettern recht. Wir haben so wenige Kinder wie noch nie. Die Kitas hängen heute „Plätze frei“-Schilder ins Fenster. Bald werden die Grundschulen leerer, dann die Unis. Aber keine Sorge, die Reaktion der Gesellschaft ist berechenbar: „Wer soll unsere Rente zahlen?! Wer soll uns pflegen?!“ Ja, genau. Das ist das schlagende Argument für Nachwuchs. Nichts macht so viel Lust auf schlaflose Nächte wie der Gedanke: „Ach, in 60 Jahren wischt mir dieses Wesen vielleicht den Hintern ab.“ Wenn der Wert eines Kindes nur noch darin besteht, als demographischer Stoßdämpfer für die Rentner-Republik zu dienen, dann herzlichen Glückwunsch. Aber hey, freuen wir uns auf die Zukunft! Eine Zukunft ohne Jugendliche, die verrückte Dinge tun. Wir werden durch unsere Städte wandeln wie durch ein riesiges, perfekt temperiertes Sanatorium. Wenn wir dann mal eine Kindergartengruppe sehen, werden wir staunen, als hätten wir einen seltenen Paradiesvogel entdeckt. Bis dahin genießen wir die Ruhe. Pssst! Nicht so laut umblättern, Sie stören sonst meine Selbstoptimierungs-Siesta.

Axel Römer

Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 3

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