Gedanken- & Spaziergänge im Park: Demokratie, Bildung und Klima

„Nun ist Timmy, der Wal, endlich gestorben und von der quälenden menschlichen Fürsorge erlöst“, sagte Gerd zur Begrüßung, „und ich bin gespannt, ob der Umweltminister von Meck-Pomm Till Backhaus seine Idee nun wahr macht und dem Wal auf Poel ein Denkmal setzen lässt.“ „Ob sich mit dem Wal die Wahl im Herbst gewinnen lässt, wage ich zu bezweifeln. Da muss sich die SPD schon mehr einfallen lassen, vor allem aber die SPD im Bund, denn in Mecklenburg steht sie noch recht gut da.“

 

Doch der Beelzebub in Gestalt der AfD wächst und gedeiht dank der Politik der Koalition und wegen des Verbotes der Zusammenarbeit mit ihr. Da helfen auch keine Prophezeiungen, was alles Schlimmes passieren könnte, wenn die AfD regieren würde. Die CDU hat jetzt eine Broschüre herausgegeben, in der sie vor der AfD warnt. Darin wird der AfD völkisches Denken, sogar Judenfeindschaft und die Absicht, millionenfach Menschen aus Deutschland deportieren zu wollen, vorgeworfen. Gerd hat darin gelesen und fragt sich, wer das wohl verfasst hat.

 

Dem Stil nach könnte es die Redaktion von Correctiv oder die Genossin Reichinnek gewesen sein. Es wirkt ein bisschen lächerlich, wie all die so verschiedenen anderen Parteien sich scheinbar ängstlich aneinander klammern vor dem Schreckgespenst AfD. Ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz: Kurz nach der Landtagswahl, bei der die AfD ihren Stimmanteil fast verdoppelt hatte und nun 24 von den 105 Abgeordneten stellt – das sind rund 22 Prozent – trat nicht etwa der neu gewählte Landtag zusammen, sondern erst noch einmal der alte und beschloss eine Änderung der Landesverfassung. Künftig müssen 25 Prozent der Abgeordneten für die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses stimmen statt wie bisher 20 Prozent.

 

Dafür stimmten CDU, SPD und die Grünen, die AfD dagegen. Andere Parteien sind nicht im Landtag vertreten. So können sie künftig verhindern, dass die AfD zu bestimmten Problemen einen Untersuchungsausschuss einsetzen kann, da sie mit ihren 22 Prozent das 25 Prozent-Quorum nicht erreicht! „Warum fürchten die Parteien eigentlich einen Untersuchungsausschuss?“, meinte Gerd.

 

„Ein Untersuchungsausschuss dient doch der Wahrheitsfindung bei zweifelhaften Beschlüssen. Und wenn die AfD einen beantragt, dann heißt das noch lange nicht, dass der Ausschuss den Wünschen dieser Partei folgt. Ist das jetzt Demokratie oder schon Unsere Demokratie?“ „Ich mag diesen Ausdruck „unsere Demokratie“ überhaupt nicht.“, erwiderte ich. „Denn wenn es „unsere Demokratie“ gibt, dann müsste es auch „eure Demokratie“ geben. In meinen Augen kann es nur eine oder keine Demokratie geben.“ „Sehr idealistisch gedacht“, lachte Gerd, „es gab in Europa mal Volksdemokratien und die waren das Gegenteil von Demokratie.“

 

Organismen-Demokratie

 

„Ich will dir noch ein hübsches Beispiel erzählen“, setzte Gerd fort, „wie eine demokratische Partei mit der Demokratie zutiefst unzufrieden ist: Vor etwa zwei Wochen stellte die siebenköpfige Fraktion der Grünen im sächsischen Landtag den Antrag, dass kleine Metzgereien geringere Gebühren für Fleischbeschauer zahlen sollten, um gegenüber den Großschlächtereien finanziell bestehen zu können.

 

In der Diskussion waren die CDU und SPD klar dagegen. Doch bei der Abstimmung wurde der Antrag angenommen – weil die AfD und das BSW dafür stimmten! Da waren die sieben Abgeordneten der Grünen aber gar nicht froh, sondern zeigten sich bestürzt. „Eine solche Mehrheit schmerzt uns als demokratische Fraktion zutiefst“, äußerte die Fraktionsvorsitzende. Siehst du, das ist „unsere Demokratie“. Ein normaler Demokrat hätte sich gefreut, einen vernünftigen Vorschlag erfolgreich durch die Abstimmung zu bringen.“ „Wirklich verrückt“, bemerkte ich dazu. „Oh, das ist noch gar nichts“, erwiderte Gerd. „Es gibt in Berlin und anderen Städten einen Verein, der sich „Organismen-Demokratie“ nennt.

 

Der bildet ein Parlament für alle Lebewesen. In dem gibt es verschiedene Fraktionen, z. B. die Fraktion der Würmer, die der Bakterien, Einzeller und Viren, die der Weichtiere, die der Gehölze usw. Die einzelnen Tierarten, wie z. B. Kohlmeisen oder Regenbogenwürmer, werden durch menschliche Abgeordnete vertreten. Kannst ja mal im Internet unter „Organismendemokratie“ nachschauen. Ich meine, das ist vielleicht eine lustige Freizeitbeschäftigung. Das wirklich Verrückte dabei ist aber, dass dieses „Parlament“ mit über 100.000 Euro von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wird.“ „Da fällt mir wieder Friedrich Nietzsche ein“, sagt ich und zitierte: „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“

 

Zu viele Kommissionen

 

„Mal was anderes, aber vielleicht passt das doch dazu“, setzte ich fort, „die EU stuft künftig die Plasteblumentöpfe als Verpackung ein. Damit gehen dann Anmeldepflichten und Kosten für Rücknahmesysteme für Verkaufsverpackungen einher. Wieder ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand. Was mich wundert: um was für Kleinigkeiten die EU sich kümmert.

 

Haben die nichts Wichtigeres zu tun?“ „Nein“, antwortet Gerd, „das passt dazu. Die haben zu viele Kommissionen. Die entsprechen den Ministerien bei uns. Deutschland hat davon 16, Frankreich 18 und die USA sogar nur 15. Die EU aber hat stolze 27 Kommissionen, sprich Ministerien.“ „Warum so viele?“ „Weil jedes Mitgliedsland Anspruch auf einen Kommissar mit seiner Kommission hat.

 

So wächst die Zahl der Kommissare mit jedem neuen Mitglied. Da die Sachbereiche kaum mehr werden, werden sie weiter aufgeteilt, damit jedes Land einen hat. Und so ein EU-Kommissar will natürlich nicht allein mit Sekretärin im Büro sitzen, sondern braucht einen Stab. Es gibt in der EU 60.000 Beamte, davon allein in Brüssel 30.000! Und die wollen beweisen, dass sie notwendig sind.“ „Es gibt jetzt schon neun offizielle EU-Beitrittskandidaten. Das bedeutet, dass es dann 36 Kommissare geben wird. Wenn das so weiter geht, wird es vielleicht mal einen EU-Kommissar für Milchverpackungen oder so was geben!“        

 

„Was ich schlimmer finde“, unterbrach Gerd mich, „sind die Bildungsberichte, die kürzlich von der Unicef zum Kindeswohl veröffentlicht wurden. Da wurde u. a. die Kenntnisse der 15-jährigen in Lesen und Rechnen geprüft. Dabei zeigte sich, dass in Deutschland lediglich 60 Prozent der Jugendlichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik erreichen. Damit liegt Deutschland auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Bildungsdaten! Irland, Slowenien und Süd-Korea belegen die ersten die drei Plätze.

 

Das finde ich nicht nur blamabel, sondern eine düstere Aussicht. Tablets im Unterricht ersetzen kein Schreiben. Dazu passt auch, dass vor kürzlich zu lesen war, dass Niedersachsen das schriftliche Dividieren in den Grundschulen abschaffen will. Man kann doch die Normen nicht nach den Schwächsten ausrichten. Dann ginge es fortlaufend bergab.“ „Es gab viele eigentümliche Experimente, die mit den Schülern veranstaltet wurden, wie z.B.  das Schreiben nach Gehör – da gab es dann gar keine Rechtschreibfehler mehr, weil Rechtschreibung erst später bewertet wurde. Das hat sich aber als Irrweg erwiesen. Hoffe ich jedenfalls.“

 

„Ich glaube nicht, dass unser altes Schulsystem so falsch war. Denk nur mal an die Jahre nach 1945, als wir eingeschult wurden: Die Klassen waren viel größer, immer wieder kamen viel ältere Schüler dazu, die aus Ostpreußen ein, zwei, selten auch mehr Jahre unterwegs auf der Flucht waren und in der Zeit überhaupt keinen Unterricht hatten. Und dennoch, sie haben es geschafft mit Disziplin, die in diesen Jahren wichtig war. Was man aber jetzt manchmal diesbezüglich von manchen Schulen hört, wäre zu unseren Zeiten undenkbar gewesen!“ „Alte Männer erzählen immer, dass früher alles besser gewesen wäre“, unterbrach ich ihn. „Jetzt brauchst du nur noch „alte weiße Männer“ zu sagen, dann bist du ideologisch voll auf Linie“, beschwerte er sich.

 

Erfundene Extremszenarien

 

Nach kurzer Pause sagte er: „Es gibt auch Erfreuliches. Du weißt doch, dass der Weltklimarat (IPCC) immer neue Schreckensvisionen verkündet, was die irreversible Erderhitzung bis 2100 betrifft. Die Neueste heißt RCP 8.5 und wurde 2011 von einem Team des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse verfasst und war die Schlimmste. Es wurde vom IPCC als zentrales „Worst-Case-Szenario“ in den Sachstandsbericht 2014 übernommen. Die Prognose ging von einer Verdreifachung der CO2-Emissionen und einem Temperaturanstieg von bis zu 5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 aus.

 

Jetzt aber haben 44 Wissenschaftler des IPCC dieses Szenario als falsch bezeichnet, da es auf falschen Grundannahmen beruht und daher zu falschen Ergebnissen kommt. Sie stellten fest, dass die Durchschnittstemperatur von der Phase 1850 bis 1900 zu der Durchschnittstemperatur der Jahre 2000 bis 2010 sich lediglich um 1,2 Grad erhöht habe. Die Voraussetzungen der Extremszenarien seien „frei erfunden“ gewesen.“ „Dazu kommt noch, was meist immer verschwiegen wird, dass so um 1850 herum eine kleine Eiszeit nach ca. 400 Jahren endete.“ „Stimmt“, sagte Gerd. „Einer, der das aber nicht zur Kenntnis genommen hat, ist Karl Lauterbach. Er forderte kürzlich, dass die WHO wegen der „Erderhitzung“ einen weltweiten Notstand ausrufen müsse, denn jährlich gäbe es durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe allein in Europa 600.000 Todesfälle, dazu kämen 60.000 Hitzetote.“ „Gott weiß, woher er diese Zahlen hat“, sagte ich und verabschiedete mich.

Paul F. Gaudi

 

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Erschienen ist inzwischen Teil III. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 7

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