Die freiwillige Leibeigenschaft

Wie wir den Technofeudalismus erschaffen haben. Eine Betrachtung von Thomas Wischnewski

Die Bilder von der Amtseinführung Donald Trumps im Januar 2025 waren von starker Symbolkraft: Um den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten scharte sich ein regelrechter Hofstaat von Technologie-Milliardären. Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Sundar Pichai und Elon Musk in der ersten Reihe – ein Who’s Who der digitalen Machtelite. Für Beobachter wie den französischen Ökonomen Cédric Durand oder den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis war dies mehr als nur ein politisches Schaulaufen. Es war die visuelle Bestätigung ihrer düsteren Diagnose: Der Kapitalismus, wie wir ihn kannten, ist tot. Wir leben im Zeitalter des Technofeudalismus. In diesem neuen System sind es nicht mehr Fabriken oder Maschinen, die Macht und Reichtum generieren, sondern „Cloud-Kapital“ – die Kontrolle über die digitale Infrastruktur, durch die unser gesamtes Leben fließt. Wie mittelalterliche Feudalherren schöpfen Konzerne wie Amazon, Apple, Google und Meta eine Art digitale Bodenpacht (Rente) ab, anstatt im klassischen Sinne produktiv zu konkurrieren. Wer auf dem Marktplatz von Apple oder Amazon handeln will, muss Tribut zahlen.

 

Doch bei aller berechtigten Kritik an der beispiellosen Machtkonzentration der Big-Tech-Konzerne greift die Erzählung von den bösen Lehnsherren und den wehrlosen Opfern zu kurz. Wenn wir heute von „Cloud-Leibeigenen” sprechen, müssen wir uns einer unbequemen Wahrheit stellen: Wir sind nicht nur Opfer dieses Systems. Wir sind seine Architekten, seine freiwilligen Erfüllungsgehilfen und seine treibende Kraft.

 

Die Bequemlichkeitsfalle

 

Der historische Feudalismus basierte auf physischem Zwang und militärischer Gewalt. Der Technofeudalismus hingegen basiert auf einem viel mächtigeren Prinzip: purer Bequemlichkeit. Die Kommunikationswissenschaftlerin Emily West argumentiert in ihrem Buch Buy Now, dass Unternehmen wie Amazon die Bequemlichkeit („Convenience“) geradezu als Marke etabliert haben. Amazon hat den Konsumenten beigebracht, nicht mehr darüber nachzudenken, wie ein Produkt von A nach B kommt. Was zählt, ist nur der Klick und das Paket vor der Haustür am nächsten Tag. Diese „Bequemlichkeitsfalle” hat dazu geführt, dass wir die beispiellose Überwachung unseres Alltags als unvermeidlichen Preis für reibungslose Dienstleistungen akzeptieren. Die Nutzer sind, so West, „resigniert“ – sie sehen die Datenüberwachung als unausweichlichen Naturzustand an.

 

Wer hat im stressigen Alltag schon die Zeit, Cookie-Banner akribisch durchzulesen, alternative Open-Source-Software zu installieren oder dezentrale Netzwerke aufzubauen? Der Fußballverein organisiert sich über WhatsApp, die Schulklasse der Kinder ebenfalls. Der Arzttermin wird via Doctolib gebucht, und bezahlt wird per PayPal oder Apple Pay. Wer sich dem verweigert, zahlt einen hohen sozialen und zeitlichen Preis. Die datensaugenden Dienste sind mittlerweile so tief verankert, dass es einem Vollzeitjob gleichkommt, sie zu umgehen.

 

Die unbezahlten Cloud-Arbeiter

 

Noch deutlicher wird unsere aktive Rolle als Systemerhalter auf den Social-Media-Plattformen. Etwa 95 Prozent aller Internetnutzer weltweit sind in sozialen Netzwerken aktiv; in Deutschland verbringen die Menschen im Schnitt 1 Stunde und 41 Minuten täglich auf diesen Plattformen. In dieser Zeit sind wir keine bloßen Konsumenten. Wir sind unbezahlte Arbeiter. Die Autorin und Marketingberaterin Alexandra Polunin vergleicht unsere Aktivitäten auf Plattformen wie Instagram oder TikTok mit unbezahlter Care-Arbeit. Wir produzieren ununterbrochen Inhalte, stylen uns für das perfekte Foto, kuratieren unseren Alltag, kommentieren und liken. „Unsere unbezahlte Content-Produktion stabilisiert die problematischen Geschäftsmodelle großer Plattformen“, stellt Polunin fest. Dabei bedienen sich die Tech-Giganten desselben Narrativs, das lange Zeit genutzt wurde, um unbezahlte Hausarbeit von Frauen zu rechtfertigen: „Du machst es doch freiwillig und hast Spaß daran“. Tatsächlich investieren wir massiv Zeit, Energie und „Mental Load“ in die Pflege unserer digitalen Existenzen. Wir liefern der Maschine exakt jene Daten und Verhaltensmuster (den „Behavioral Surplus“, wie es die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff nennt), die sie benötigt, um ihre Monopolstellung auszubauen und Werbemilliarden zu generieren.

 

Der selbstgeschmiedete Käfig

 

Durch diese freiwillige und hochgradig emotionale Investition in die Plattformen schaffen wir unsere eigenen Gefängnisse. Die Ökonomie spricht hier von Netzwerkeffekten und Lock-in-Effekten. Je mehr Freunde auf WhatsApp sind, desto nutzloser wird die datenschutzfreundliche Alternative Signal oder Threema für den Einzelnen. Je mehr Fotos, Erinnerungen und berufliche Kontakte wir in das Meta-Universum oder auf LinkedIn eingespeist haben, desto höher sind die emotionalen und sozialen Wechselkosten. Wir ketten uns selbst an unsere Lehnsherren.

 

Besonders drastisch zeigt sich dies im Finanzsektor. Während Europa verzweifelt versucht, mit Initiativen wie „Wero” oder dem digitalen Euro eine eigene, unabhängige Zahlungsinfrastruktur aufzubauen, zücken Millionen Konsumenten an der Kasse völlig selbstverständlich ihr iPhone für Apple Pay oder bezahlen den Online-Einkauf mit PayPal. Die Abhängigkeit Europas von US-amerikanischen Zahlungsdienstleistern ist nicht nur das Ergebnis aggressiver Unternehmensstrategien, sondern auch die Konsequenz millionenfacher, bequemer Alltagsentscheidungen.

 

Rückeroberung der Autonomie

 

Die Metapher des Technofeudalismus ist brillant, weil sie die beklemmende Machtkonzentration der Gegenwart in ein greifbares historisches Bild übersetzt. Doch sie birgt eine Gefahr: Sie degradiert uns zu ohnmächtigen Bauern, die dem Willen der Könige im Silicon Valley schutzlos ausgeliefert sind.

 

Tatsächlich ist das System fragiler, als es scheint, denn es benötigt unsere ständige, aktive Mitwirkung. Wenn wir den digitalen Feudalismus überwinden wollen, reicht es nicht, nach der Politik in Brüssel oder Washington zu rufen, die mit Regulierungen wie dem Digital Markets Act versucht, die Monopole einzuhegen.

 

Wir müssen anfangen, unsere eigene Bequemlichkeit zu hinterfragen. Es geht darum, Social Media als das zu erkennen, was es ist: unbezahlte Arbeit für milliardenschwere Konzerne. Es geht darum, bewusst Reibung im Alltag in Kauf zu nehmen – sei es durch die Nutzung alternativer Bezahlsysteme, den Verzicht auf den Amazon-Prime-Button oder das bewusste Löschen von Accounts. Solange wir die Rolle der willigen „Cloud-Leibeigenen” mit einem Lächeln auf den Lippen spielen, wird sich das System nicht ändern. Der Käfig mag von Big Tech gebaut worden sein – aber den Schlüssel haben wir selbst in der Hand.

Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 14

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