Folgt der Wissenschaft! Ein Mantra auf dem Prüfstand.

In politischen Debatten gilt der Verweis auf wissenschaftliche Studien als unanfechtbar. Doch die Hälfte aller sozialwissenschaftlichen Studien hält einer Überprüfung nicht stand, über 10.000 Fachartikel wurden allein 2023 zurückgezogen, und Klimamodelle können die reale Temperaturentwicklung nicht erklären. Wenn 90 Prozent aller Wissenschaftler, die jemals gelebt haben, heute leben und mehr publizieren als je zuvor, stellt sich die Frage: Ist die Wissenschaft, auf die sich Politik und Gesellschaft berufen, noch so verlässlich, wie sie vorgibt zu sein? | Von Thomas Wischnewski

Es ist der ultimative rhetorische Trumpf in politischen Debatten unserer Zeit: „Follow the Science!“ – Folgt der Wissenschaft! Ob in der Pandemiebekämpfung oder, ganz besonders prominent, in der Klimadebatte: Die Forderung, politische Entscheidungen bedingungslos wissenschaftlichen Erkenntnissen unterzuordnen, ist allgegenwärtig. Aktivisten, Politiker und Leitmedien nutzen wissenschaftliche Studien als absolute Wahrheitsgaranten, um ihre Argumentationen zu untermauern und politische Gegner zu diskreditieren. Doch diese vermeintlich unangreifbare Argumentationsgrundlage bekommt zunehmend Risse. Denn was ist die Forderung „Follow the Science“ eigentlich noch wert, wenn die Wissenschaft selbst mit einem massiven Qualitätsproblem kämpft und sich scheinbare Gewissheiten im Nachhinein als Irrtümer entpuppen?

 

Die absolute Gewissheits-Illusion

 

Die moderne Wissenschaft steht vor einem fundamentalen Glaubwürdigkeitsproblem, das eng mit ihrem beispiellosen quantitativen Wachstum verknüpft ist. Der Wissenschaftshistoriker Derek de Solla Price prägte bereits 1961 den berühmten Satz: „80 bis 90 Prozent aller Wissenschaftler, die jemals gelebt haben, leben heute“. Diese Aussage hat bis heute Gültigkeit. Während es Mitte des 17. Jahrhunderts weltweit weniger als eine Million Wissenschaftler gab, wuchs diese Zahl bis 1950 auf etwa eine Million an. Danach begann eine beispiellose Informationsexplosion: Laut dem UNESCO Science Report wuchs der globale Forscherpool allein zwischen 2014 und 2018 dreimal schneller als die Weltbevölkerung und erreichte fast 9 Millionen Vollzeit-Forscher. Heute schätzt man die Zahl auf rund 10 Millionen weltweit. Parallel dazu steigt die Anzahl der jährlich veröffentlichten Forschungsarbeiten exponentiell an – im Jahr 2023 wurden weltweit etwa 3,3 Millionen wissenschaftliche Artikel publiziert. Doch diese gigantische Quantität geht zunehmend auf Kosten der Qualität.

 

Der Psychologieprofessor Brian Nosek, der das bisher größte Überprüfungsprojekt für wissenschaftliche Studien (SCORE) leitete, brachte kürzlich eine unbequeme Wahrheit ans Licht: Etwa die Hälfte der überprüften sozialwissenschaftlichen Studien fällt bei einer Replikation durch. Das bedeutet: Wenn andere Forscher versuchen, die Experimente unter gleichen Bedingungen zu wiederholen, kommen sie nicht zu denselben Ergebnissen. Auch in der Krebsforschung oder den Wirtschaftswissenschaften zeigen groß angelegte Überprüfungen, dass ein erschreckend hoher Anteil publizierter und oft hochzitierter Ergebnisse einer unabhängigen Kontrolle nicht standhält.

 

Gleichzeitig explodiert die Zahl der zurückgezogenen wissenschaftlichen Artikel. Im Jahr 2023 wurde mit über 10.000 „Retractions” ein neuer historischer Rekord aufgestellt. Getrieben durch den systemischen Druck, immer mehr publizieren zu müssen („Publish or Perish”), und das Aufblühen betrügerischer „Paper Mills” (Papierfabriken), hat sich das wissenschaftliche System von einem qualitätsgetriebenen Erkenntnisprozess zu einer quantitätsgetriebenen Publikationsindustrie entwickelt. Quantität schlägt Qualität – ein fatales Signal für eine Gesellschaft, die sich auf diese Ergebnisse verlassen soll.

 

Die Wissenschaftsgläubigkeit

 

Vor diesem Hintergrund erscheint die politische Instrumentalisierung von Wissenschaft in einem neuen, kritischen Licht. Wenn in gesellschaftlichen Debatten permanent mit Studien argumentiert wird, deren methodische Qualität und Reproduzierbarkeit in vielen Fällen fraglich ist, gerät der politische Diskurs auf ein wackeliges Fundament.

 

Doch das Problem reicht tiefer als nur bis zur Qualität einzelner Studien. Der Literaturwissenschaftler und ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, warnt eindringlich vor einer übermäßigen Wissenschaftsgläubigkeit, die er als „Szientismus” bezeichnet. Dieser Szientismus verkennt das eigentliche Wesen der Wissenschaft. Wissenschaftliches Wissen ist niemals absolut und endgültig, sondern prinzipiell revisionsoffen. Es ist ein ständiger Prozess des Überprüfens, Verwerfens und Neu-Erkennens. Wer „Follow the Science” ruft, tut jedoch oft so, als gäbe es die eine unumstößliche wissenschaftliche Wahrheit, aus der sich politische Handlungsanweisungen zwingend ableiten ließen.

 

Wenn der Mainstream irrt

 

Wie gefährlich diese Verengung des Diskurses ist, zeigte sich exemplarisch während der Corona-Pandemie. Wissenschaftliche Positionen, die von der „Mainstream-Argumentation” abwichen, wurden oft nicht fachlich debattiert, sondern moralisch diskreditiert – selbst, wenn sie sich später als berechtigt erwiesen.

 

Ein prägnantes Beispiel ist die Debatte um den Ursprung des Virus. Die These, SARS-CoV-2 könnte aus einem Labor in Wuhan entwichen sein (Lab-Leak-Theorie), wurde Anfang 2020 von führenden Wissenschaftlern in Fachjournalen wie The Lancet kategorisch als „Verschwörungstheorie” gebrandmarkt. Wer diese Möglichkeit auch nur in Betracht zog, wurde aus der seriösen Debatte ausgeschlossen. Jahre später stuften US-Behörden wie das Energieministerium und das FBI genau diese Theorie als die wahrscheinlichste Erklärung ein, und ein US-Kongressausschuss stellte fest, dass die anfängliche Unterdrückung der Lab-Leak-Hypothese „nicht auf Wissenschaft basierte”.

 

Auch bei den massiven Grundrechtseingriffen offenbarte sich eine erschreckende Diskrepanz zwischen politischem Handeln und wissenschaftlicher Evidenz. Noch 2019 hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Bericht zu Pandemie-Maßnahmen festgestellt, dass Kontaktverfolgung, Quarantäne von Kontaktpersonen und Grenzschließungen „unter keinen Umständen empfohlen” seien, da die Evidenzbasis zu schwach sei. Wenige Monate später wurden genau diese Maßnahmen weltweit als alternativlos („Follow the Science”) durchgesetzt.

 

Heute, mit dem Abstand einiger Jahre, ziehen Forscher eine ernüchternde Bilanz. Eine systematische Überprüfung im Fachjournal BMJ Open kam zu dem Schluss, dass die Evidenz für die Wirksamkeit nicht-pharmazeutischer Interventionen (wie Lockdowns) unzureichend sei, um politisch handlungsleitend zu sein. Die Princeton-Politikwissenschaftler Stephen Macedo und Frances Lee konstatieren in ihrem Buch In Covid’s Wake, dass viele Maßnahmen ohne ausreichende Evidenz und ohne Abwägung der massiven Kollateralschäden – etwa die verheerenden Lernrückstände bei Kindern durch Schulschließungen – durchgesetzt wurden.

 

Selbst bei der Impfkampagne wurde die Wissenschaft politisch überdehnt. Politiker und Gesundheitsbehörden suggerierten lange, die Impfung würde die Übertragung des Virus stoppen („Fremdschutz”). Tatsächlich war dies in den Zulassungsstudien von Herstellern wie Pfizer überhaupt nicht getestet worden – die Studien waren lediglich darauf ausgelegt, den Schutz vor schweren Krankheitsverläufen zu belegen.

 

Klimadebatte und Energiewende

 

Besonders deutlich wird die Problematik des „Follow the Science”-Mantras in der Klimadebatte. Bewegungen wie „Scientists for Future” oder „Scientist Rebellion” nutzen den wissenschaftlichen Konsens über die menschengemachte Erderwärmung, um konkrete politische Forderungen zu legitimieren. Doch wie Strohschneider treffend anmerkt: Der klimawissenschaftliche Konsens sagt wenig darüber aus, ob beispielsweise das Dorf Lützerath abgebaggert werden soll oder ob Kernenergie eine sinnvolle Brückentechnologie darstellt.

 

Zudem wird in der politischen Debatte oft unterschlagen, mit welch enormen Unsicherheiten die Klimaforschung selbst noch ringt. Ein zentrales Problem der aktuellen Generation von Klimamodellen (CMIP6) ist das sogenannte „Hot Model Problem”. Eine signifikante Anzahl dieser Modelle weist eine Klimasensitivität auf, die weit über dem als wahrscheinlich geltenden Bereich liegt – sie simulieren also eine viel stärkere Erwärmung, als physikalisch plausibel ist. Wenn politische Entscheidungsträger oder Impact-Studien diese „zu heißen” Modelle unkorrigiert übernehmen, werden die prognostizierten Folgen des Klimawandels systematisch überschätzt.

 

Gleichzeitig stoßen die Modelle an ihre Grenzen, wenn es darum geht, die reale Temperaturentwicklung zu erklären. Der extreme globale Temperaturanstieg in den Jahren 2023 und 2024 übertraf die Vorhersagen der Klimamodelle deutlich. Forscher rätseln bis heute über die genauen Ursachen dieser Anomalie, da bekannte Faktoren wie das El-Niño-Phänomen allein nicht ausreichen, um den Sprung zu erklären. Wie das Dartmouth College treffend zusammenfasst: „Klimamodelle können nicht erklären, was gerade mit der Erde passiert”.

 

Wenn aber die Modelle, auf denen weitreichende politische Entscheidungen basieren, mit derart großen Unsicherheiten behaftet sind, stellt sich unweigerlich die Frage: Ist die aktuelle Klimapolitik, insbesondere die deutsche Energiewende, nicht teilweise auf Sand gebaut?

 

Der Bundesrechnungshof fällte 2024 ein vernichtendes Urteil über die Umsetzung der Energiewende: Sie sei „nicht auf Kurs”, die sichere Stromversorgung sei gefährdet und der Strom zu teuer. Die Prüfer kritisierten insbesondere das „wirklichkeitsfremde Monitoring” der Bundesregierung, das lediglich Best-Case-Szenarien betrachte und alternative, negativere Entwicklungen ausblende. Während die Politik den Ausstieg aus Kernenergie und Kohle forciert, hinkt der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Stromnetze und der dringend benötigten Backup-Kraftwerke massiv hinterher. Die Kosten für diesen Umbau sind gigantisch – allein für den Netzausbau werden bis 2045 über 460 Milliarden Euro veranschlagt.

 

Hier zeigt sich die Gefahr einer Politik, die sich hinter vermeintlich eindeutigen wissenschaftlichen Zielen (Klimaneutralität) versteckt, dabei aber die technische, ökonomische und soziale Machbarkeit aus den Augen verliert.

 

Ratgeber, nicht Diktator

 

Die Forderung „Follow the Science” ist in ihrer Absolutheit nicht nur naiv, sie ist angesichts der realen Qualitätsprobleme und Unsicherheiten im Wissenschaftsbetrieb auch gefährlich. Wenn Studien nicht replizierbar sind, wenn abweichende Meinungen wie in der Pandemie vorschnell als unwissenschaftlich diffamiert werden und wenn Modelle mit massiven Unsicherheiten behaftet sind, verbietet sich jede blinde Wissenschaftsgläubigkeit.

 

Das bedeutet keineswegs, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren sollten – im Gegenteil. Wissenschaft liefert das beste und verlässlichste Wissen, das wir über die Welt haben. Aber sie kann und darf demokratische Entscheidungen nicht ersetzen. Wissenschaftliches Wissen legitimiert keine politischen Entscheidungen, und demokratische Mehrheiten begründen kein wissenschaftliches Wissen.

 

Anstatt „Follow the Science” als Totschlagargument zu nutzen, brauchen wir einen ehrlicheren Umgang mit den Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis. Wir müssen die Qualität von Studien kritischer hinterfragen, Unsicherheiten offen benennen und akzeptieren, dass am Ende des Tages die Politik die schwierige Aufgabe hat, widerstreitende Interessen auszubalancieren. Die Wissenschaft ist ein unverzichtbarer Ratgeber für die Demokratie – aber sie taugt nicht als ihr Diktator.

Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 4-5

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