Die Milliarden aus der Wüste
Ein bemerkenswertes Buch gibt Auskunft darüber, wie das Königreich Saudi-Arabien den Weltsport gezielt zur geopolitischen Einflussnahme nutzt. | Von Rudi Bartlitz
Im handballverrückten Magdeburg war die Verwunderung schon ziemlich groß, als vor gut zwei Jahrzehnten plötzlich die Meldung hochploppte, der SCM würde demnächst zur inoffiziellen Klub-Weltmeisterschaft („Super Globe“) in die Golfregion aufbrechen. Nach Katar. Wohin? Wird dort überhaupt Handball gespielt, lautete hierzulande manch ketzerische Frage. Ein wenig anders sah das dann schon aus, als sich Jahre später das Reiseziel der Sachsen-Anhalter änderte: Diesmal ging es nach Saudi-Arabien. Dammam und Dschidda richteten zwischen 2019 und 2023 das Turnier aus. Und Sportinteressierte wussten die neuen Austragungsorte schon recht gut einzuordnen: Sie waren Bestandteile der Mega-Sportoffensive, die die Wüsten-Monarchie mit ihren Öl-Milliarden seit einigen Jahren intensiv betreibt.
Dass Handball dabei freilich nur eines von vielen Spielfeldern war, versteht sich von selbst. Und nicht einmal das wichtigste. Insbesondere im Fußball, Motorsport, Boxen, bei eSports und im Golf kaufte sich das asiatische Land binnen weniger Jahre mit horrenden Investitionen an die Spitze des Weltsports. Und die Welt sah staunend dabei zu. Konnte die unfassbaren Summen, die dabei im Spiel waren, kaum begreifen. Das Wort vom Sportswashing – also der Versuch, das Ansehen eines Landes durch Sportveranstaltungen und deren positive Reputation zu verbessern – machte schnell die Runde.
Unter dem Titel „Sport.Macht.Milliarden.“ brachte der Münchner Stiebner-Verlag jetzt ein Buch auf den Markt, das die sportpolitische Einflussnahme des autoritär geführten Königreichs an zahllosen Beispielen illustriert. Autor ist der renommierte britische Journalist und „Spiegel“-Bestsellerautor James Montague. Für die mit zahlreichen Reportagen angereicherte Publikation recherchierte er in Saudi-Arabien, Europa und den USA.
„Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich Saudi-Arabien aus einem kulturell so gut wie komplett isolierten Land zur dominierenden Kraft der Sportwelt entwickelt“, schreibt Montague. „Das saudische Geld hat alles verwandelt, was damit in Berührung gekommen war.“ Übergeordnetes Ziel sei es, das Land ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Und die Weichen für die Zukunft zu stellen, für eine Zeit, in der die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft zwangsläufig zurückgehen werden. Dafür setzt man auf Diversifizierung der Wirtschaft, auf Tourismus und eben den Aufbau eines gigantischen Sport-Imperiums. Dazu stehen, verwaltet vom Staatsfonds PIF, langfristig hunderte Milliarden zur Verfügung. Der Fonds sei inzwischen, heißt es, auch durch Übertragung von Anteilen des staatseigenen Aramco-Ölkonzerns, auf knapp eine Billion US-Dollar aufgebläht.
Eines geht aus den auf über 280 Seiten aufgelisteten Beispielen über den Einsatz finanzieller Mittel unmissverständlich hervor: Die staatlichen Ausgaben für den Sport konzentrieren sich zuallererst auf den Profi-Bereich. Von Geldern, die in den Amateursport fließen, ist nirgends die Rede.
Der Autor verweist darauf, dass Saudi-Arabien im Sport-Business so etwas wie ein Spätstarter ist. Bereits Mitte der 2000er Jahre sei die Golfregion zum „neuen finanziellen Zentrum der Sportwelt aufgestiegen“. Das benachbarte Katar richtete 2022 als Austragungsort das Fußball-Weltchampionat aus. Auch für den Weltfußballverband ein lohnendes Geschäft. Einen Rekordgewinn von 7,5 Milliarden Dollar fuhr die Fifa seinerzeit ein. Wie Katar hatten ebenso die benachbarten Emirate und Bahrain Milliarden investiert, vor allem in Fußball, aber auch in Radsport, Formel 1, Golf. Und eben, wie einst Katar, in Handball. Nur nebenbei bemerkt (das steht nicht bei Montague): In Saudi-Arabien ist zumindest der Handball-Hype offenbar nach einigen Jahren abgeflaut; ob aus sportlichen oder anderen Gründen bleibt offen. Die Klub-WM jedenfalls, die der SCM dreimal gewann, wird seit 2024 in Ägypten ausgetragen.
Sozusagen das Prunkstück aller bisherigen Sport-Aktivitäten des Königreichs ist die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2034 an den Staat im Mittleren Osten. Es ist, wie Montague nachweist, vor allem der Triumph zweier Männer: Fifa-Präsident Gianni Infantino und Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman. Erster, weil er seine Allmacht im Verband nutzte, um die WM quasi konkurrenzlos dem arabischen Land zuzuschanzen. MBS, wie bin Salman weithin genannt wird, wiederum ist seit 2015 laut Montague „von einem Unbekannten zu einem der bedeutendsten und umstrittensten politischen Akteure des 21. Jahrhunderts aufgestiegen“. In dieses Bild passt, dass Saudi-Arabien sich über seinen Staatsfonds nun auch als Sponsor an der WM 26 beteiligt.
Von MBS, der nahezu unumschränkt herrscht, stammt die Idee für das sogenannte Projekt „Vision 2030“. Mit ihm will der 40-Jährige, der zur Dynastie der Saud gehört und väterlicherseits ein Enkel des Staatsgründers Ibn Saud ist, neue Wege in der Wirtschaft gehen, das Land öffnen und gesellschaftliche Reformen anstoßen. Die Kompetenzen der verhassten Religionspolizei wurden eingeschränkt, die zuvor 40 Jahre geschlossenen Kinos durften wieder öffnen, Frauen durften Ausweispapiere beantragen und zumindest theoretisch ohne Erlaubnis eines männlichen Verwandten verreisen. Und erstmals waren bei Fußballspielen Frauen im Stadion zugelassen. Während bin Salman „einerseits die Öffnung des Landes vorantrieb“, so Montague, „war er andererseits für barbarische Untaten verantwortlich“. So die Ermordung des regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul.
Immer wieder kommt Montague in seinem Buch auf den englischen Fußballklub Newcastle United zu sprechen. Der Erstligist, für den einst Legenden wie Kevin Keegan und Alan Shearer stürmten und dessen Trikot heute der deutsche Nationalspieler Nick Woltemade trägt, befindet sich seit 2021 fest in saudischer Hand. Für 300 Millionen britische Pfund wechselte der bis dahin ziemlich erfolglose Verein aus dem Nordosten Englands vom Milliardär Mike Ashley, einem in Newcastle äußerst ungeliebten britischen Sportartikel-Magnaten, zum PIF-Fonds. Bedenken, die in der englischen Liga zunächst wegen der Übernahme herrschten, wurde beiseitegelegt. Denn schon zuvor hatten sich die Emirate bei Manchester City und Katar bei Paris Saint-Germain eingekauft. Da wollten die Saudis natürlich nicht nachstehen.
Aber auch in der heimischen Profiliga, der SPL, ging es jetzt richtig zur Sache. Mit Milliarden US-Dollar hatte man einige der größten Stars in die Saudi Pro League gelockt, heißt es in der Publikation. Als Aushängeschild diente dabei der vom Klub Al-Nassr verpflichtete portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Dieser Deal sprengte alle bis dahin bekannten Dimensionen. Geschätzte 250 Millionen US-Dollar soll er, einschließlich Werberechten, dort verdienen. Der Brasilianer Neymar war ebenfalls der Verlockung erlegen, konnte wegen einer schweren Verletzung allerdings nur wenige Partien für Al-Hilal bestreiten. Auch Lionel Messi hätte fast bei Al-Hilal unterschrieben, nachdem ihm die schier größenwahnsinnige Summe von 400 Millionen Dollar geboten worden waren. Pro Saison!
Galten die USA seit ewigen Zeiten als, wie Montague es bezeichnet, Gravitationszentrum des Boxsports, wo Geld und Macht zusammenkamen, verloren sie diese Rolle in den zurückliegenden Jahren eindeutig an Saudi-Arabien. Mit „Eifersucht und Gier“ schützten sie in den USA einst ihre Reiche, so heißt es in dem Buch, bis der Sport „nur noch ein Schatten seiner einstigen Selbst war“. Zu Vereinigungskämpfen der Weltmeister der verschiedenen Verbände sei es kaum noch gekommen: „Bis Saudi-Arabien einstieg.“ Für den Fight der beiden Superstars Tyson Fury und Oleksandr Usyk in Riad, dem größten Faustkampf-Ereignis seit einem Vierteljahrhundert, legten die Gastgeber laut dem Autor mindestens 120 Millionen Dollar auf den Tisch. Für die beiden Kontrahenten die höchste Kampfbörse ihrer Karriere.
Hinter den Kulissen zog ein ehemaliger Leibwächter des Kronprinzen die Fäden: Turki Al-Sheikh. Inzwischen aufgestiegen zum Chef der staatlichen General Entertainment Authority, war die Förderung des Profiboxens zu seiner persönlichen Nummer eins geworden. Sämtliche Protagonisten des Boxsports, merkt Montague an, wurden bei ihm vorstellig, „um ihm ihre Treue zu versichern“. Selbst die beiden führenden Promoter des weltweiten Profi-Zirkusses, Eddie Hearn und Frank Warren, buhlten plötzlich um die Gunst des Saudis. Der nach Einschätzung Montagues schon nach „wenigen Monaten zur einflussreichsten Person des Boxsports“ geworden ist.
Seit 2018 erstmals ein WM-Titelkampf in Saudi-Arabien veranstaltet wurde (in Dschidda das Finale der damaligen World Boxing Super Serie des Verbandes WBA), geben sich die Größen des Weltboxen dort von nun an regelmäßig die Klinke in die Hand, egal, ob sie nun Fury oder Usyk hießen. Mit der für 500 Millionen Dollar errichteten Kingdom Arena in Riad wurde auch für das Boxen ein, nach saudischen Maßstäben, geeigneter Ort geschaffen. Aber Al-Sheiks Ehrgeiz ist, wie Montague feststellt, längst nicht gestillt. Schon 2024 verkündete er den auf den ersten Blick wahnwitzig anmutenden Plan, eine Box-Superliga in Saudi-Arabien installieren zu wollen. Dort sollen die besten Faustkämpfer der Welt gegeneinander antreten, „ganz ohne die teilweise bürokratischen Regularien, die den Sport ansonsten bestimmen und finanziert durch einen Scheck über zwei Milliarden US-Dollar vom Public Investment Fund.“ Noch regt sich Widerstand. Sollte es den Saudis allerdings gelingen, wird im Buch ein Insider zitiert, den Geldzufluss über zehn Jahre durchzuhalten, „dürfte es den Boxsport für immer verändern“.
Wo die Gelder derart sprudeln, darf Golf freilich nicht fehlen. „Im Oktober 2021 brach in der gesitteten Welt des Golfsports der Bürgerkrieg aus“; heißt es in der Publikation dazu. Die bis dahin in den USA alles beherrschende PGA-Tour wurde von einer brandneuen Organisation herausgefordert: der LIV Golf. Einer Tour, initiiert und – vor allem – finanziert vom saudischen Staatsfonds. Obwohl einige prominente Spieler sich der Rebellen-Tour anschlossen, regte sich erbitterter Widerstand gegen sie. Vor allem in den USA. Es sah lange so aus, als würde LIV auf lange Sicht überraschend den Kürzeren ziehen, ehe es zu einer Art Waffenstillstand zwischen beiden Seiten kam. Egal, um welche Sportart es auch immer geht, eines ist Montague wichtig festzustellen: „Mit jedem Mega-Event, mit jedem Sponsoringdeal, mit jeder Übernahme eines Klubs oder einer ganzen Sportart verstummte die Aufregung um die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien ein wenig mehr.“
Wer zudem noch erfahren will, wie es im Inneren des saudischen Sports zugeht und wie sich möglicherweise die Zukunft dieser in der Geschichte wohl einmaligen Sport-Offensive gestaltet, der findet beim Autor jede Menge Antworten. Manchmal sind es – geht man nur von den vermittelten Fakten aus – für den mit der Materie nicht allzu sehr Vertrauten fast schon zu viele. Aber: Es gäbe gewiss schlimmere Anmerkungen vorzubringen zu einem insgesamt überaus instruktiven Buch, das der Verlag als ein „Meisterwerk des investigativen Journalismus“ beschreibt. Gedacht für alle, „die sich mit Politik und dessen Machtgefügen auseinandersetzen wollen“.
Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 26-27
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