Zeigt her eure Schuh
Der Kenianer Sabastian Sawe lief als erster Mensch einen Marathon unter zwei Stunden – in der Leichtathletik ist eine Schallmauer durchbrochen worden. Sind dafür neue Laufwerkzeuge verantwortlich? | Von Rudi Bartlitz
Spikes, ein Königreich für neue schnelle Spikes. So könnte ein Stoßgebet lauten, das die Szene der Leichtathleten in diesen Tagen gen Himmel sendet. Insbesondere die Langstreckler. Denn seit Sabastian Sawe Ende April in London den Marathon-Weltrekord knackte und dabei die Zwei-Stunden Schallmauer einstürzen ließ, dreht sich (nahezu) alles um den Wunderschuh des Kenianers.
Der 29-Jährige gewann bei dem prestigeträchtigen Rennen in 1:59:30 Stunden und blieb damit als erster Mensch in einem offiziellen Wettkampf unter der magischen Zwei-Stunden-Marke. Eine Laufzeit, die, wie die „Frankfurter Allgemeine“ schrieb, „in ihrer Bedeutung für den Laufsport mit der Mondlandung verglichen wird.“
Sawe war 65 Sekunden schneller als sein Landsmann Kelvin Kiptum, der 2023 in Chicago 2:00:35 Stunden lief. Sawe stieß in eine neue Dimension vor und schrieb mit seiner Zeit Sport-Geschichte, wenngleich vor ihm bereits der zweimalige Olympiasieger und Ex-Weltrekordler Eliud Kipchoge einen Marathon unter zwei Stunden absolviert hatte. Der Kenianer schaffte die klassische Strecke 2019 in Wien in 1:59:40 Stunden. Dieser Lauf war allerdings nicht öffentlich und fand unter Laborbedingungen mit wechselnden Tempomachern statt.
Doch nun zum Schuh. Nicht dem des Manitu, sondern dem des Marathons. Sawes Weltrekord ist ein weiterer Beleg dafür, wie sehr sich die Maßstäbe mit den neuen „Superschuhen“ verschoben haben. Seit Carbonplatten und reaktive Schäume die Mittelsohle dominieren, folgt jedem neuen Rekord eine Debatte über Material, über Grenzverschiebungen – und darüber, was die rein „menschliche Leistung“ in diesem Sport noch bedeutet.
Für den Laufschuh-Hersteller, ein Unternehmen aus Herzogenaurach, hätte es, wahrlich im Wortsinn, nicht besser laufen können. Sowohl Sawe als auch der London-Zweitplatzierte Yomif Kejelcha (der ebenfalls unter zwei Stunden blieb) und die Frauen-Siegerin Tigst Assefa aus Äthiopien – alle drei trugen sogenannte „Superschuhe“ von Adidas, in denen längst alle Rekorde auf der Langstrecke aufgestellt werden.
Die Idee hinter dieser Technologie: Die Athleten sollen weniger Energie verlieren und sie so um einige Sekunden pro Kilometer schneller machen. Carbonschuhe führen aber auch zu kritischen Fragen: Entscheidet im Marathon auf diesem Niveau künftig das Material? Wie lassen sich Rekorde vergleichen, wenn die Schuhe deutliche Leistungssteigerungen auslösen? Und ist der Sport regulatorisch in der Lage, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten?
Experten verweisen jedoch ebenso darauf, dass die schnelleren Zeiten auch an der allgemeinen Professionalisierung im Marathon liegen können: spezielle Ernährung, die Athleten werden besser betreut, umsorgt und bezahlt und können sich dadurch stärker auf ihren Sport fokussieren.
Franz Constantin Fuss, Professor für Biomechanik an der Uni Bayreuth, erklärt das Sawe-Phänomen in der „FAZ“ so: „Carbonlaufschuhe folgen einem Sandwich-Prinzip. Es gibt eine untere und eine obere Schaumplatte sowie getrennte Segmente für Ferse und Vorfuß, dazwischen kommt eine Carbonsohle. Wenn es beim Laufen zur Verbiegung kommt, kann die Sohle Energie speichern und sie im Moment des Abstoßens wieder zurückgeben.“ Heißt: Der Schaumstoff wird zusammengedrückt und dehnt sich wieder aus. Gespeicherte Energie wird freigesetzt. Zusätzlich wirkt die gekrümmte Carbonplatte wie ein Hebel, der den Fuß und damit den Läufer nach vorne katapultiert. Die Sohle ist zudem an der Ferse bis zu sechs Millimeter höher als im Vorderteil, so dass der Läufer besser nach vorn getragen wird.
Ein weiterer Faktor ist das Gewicht der Schuhe. Es hat natürlich einen großen Einfluss auf die Laufperformance. Mit 97 Gramm ist das Adidas-Modell, das Sawe bei seinem Weltrekord trug, kaum halb so schwer wie viele gängige „Superschuhe“ anderer Hersteller, die häufig deutlich mehr als 150 Gramm wiegen.
Ein weiteres Stichwort: Doping. Verzerren „Superschuhe“ unerlaubt die Ergebnisse? Fuss: „Ich halte den Ausdruck Doping für falsch. Doping dient dazu, Leistung illegal zu steigern. Mit Technologie lässt sie sich nicht verbessern, weil der Athlet seine Energie selbst produziert. Carbonsohlen können nicht mehr Energie erzeugen, als der Athlet hineingibt.“
Dass der Laufsport inzwischen auch zu einem Kampf der Schuhindustrie (vor allem: Nike versus adidas) geworden ist, wäre ein eigenes Thema und bedarf wohl angesichts von Millionen ehrgeiziger Hobby-Läufer (und somit potenziellen Kunden) keiner zusätzlichen Erwähnung. Hobby-Athleten bietet sich theoretisch die Chance, mit Carbonschuhen ihre Zeiten zu verbessern, wenn sie das Geld dafür haben. Die meisten dieser Modelle kosten zwischen 250 und 500 Euro und sollten in der Regel nach 300 bis 500 Kilometern ausgetauscht werden, da der Schaumstoff seine Federung verliert. Ein teurer Spaß also.
Als die Kompakt-Redaktion mit Eckhard Lesse, Magdeburgs bestem Marathon-Läufer aller Zeiten (Vize-Europameister 1974 / Bestzeit 2:12:02 h), über Sawe sprach, zeigte sich der heute 77-Jährige gar nicht einmal allzu überrascht von den neuen Rennmaschinen. Er lacht: „Dass die zwei Stunden einmal fallen, das haben wir schon vor 50 Jahren geahnt.“ Der Fortschritt der Technik lasse sich eben nicht aufhalten. Wenngleich, wie der Ex-SCM-Präsident hinzufügte, „die Zeiten von einst dadurch ein wenig verfälscht werden“. Mit den neuen Modellen könne nämlich die Flugphase bei den Laufschritten „um bis zu 25 Zentimeter verlängert werden“, erläuterte er. Seinem eigenem Laufstil wären die Wunder-Schuhe übrigens sogar entgegengekommen. Gerade für ihn als sogenannten Vorfuß-Läufer, so hat gebürtige Ballenstedter mit einem befreundeten Trainingswissenschaftler durchgerechnet, hätte sich die Schrittlänge um einiges verlängern lassen. „Eine Zeit um 2:05 Stunden“, fügte er verschmitzt lächelnd hinzu, „wäre da eventuell sogar drin gewesen“.
Nr. 304 vom 27. Mai 2026, Seite 25
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