Erinnern Sie sich noch? Es fuhr ein Zug nach Nirgendwo …
Das geschah im Frühling vor fast 40 Jahren. Doch zuerst zur Vorgeschichte. In den 1950er Jahren sollten Männer im damaligen Westdeutschland mit dem Werbe-Slogan „Milch macht müde Männer munter“ zum verstärkten Milchtrinken angeregt werden. Die Werbung zielte darauf ab, dass die wachsende Marktwirtschaft viele wache Männer brauchte. Zu diesem Zweck schossen in dieser Zeit zahlreiche Milchbars aus dem Boden, die heute als ein Symbol für das Lebensgefühl der Nachkriegszeit im westlichen Teil Deutschlands gelten. Warum aber Milchtrinken müde Männer munter machen soll, bleibt bis heute ein Rätsel. Das Gegenteil ist nämlich der Fall, denn der hohe Gehalt der Aminosäure Tryptophan im Milcheiweiß fördert eher das Einschlafen nach dem Genuss eines Glases warmer Milch. Verstehen lässt sich das mit der Umwandlung von Tryptophan in das Schlafhormon Melatonin im Gehirn. Wenn stattdessen mit „Milch macht schwache Männer stark“ geworben worden wäre, kann es kein Fragezeichen geben. Denn die Milch ist die ergiebigste Quelle für das Kalzium, diesem wichtigen Baustein für die Bildung starker Knochen.
Themenwechsel. Zu Beginn der 1970er Jahre bescherte das Lied „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ dem Schlagersänger Christian Anders über Wochen viel Aufmerksamkeit.
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo
mit mir allein als Passagier.
Mit jeder Stunde, die vergeht,
führt er mich weiter weg von dir.
Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
den es noch gestern gar nicht gab.
Ich hab gedacht, du glaubst an mich,
und dass ich dich für immer hab. …
Dem Text nach ist es ein wehmütiges, beschwörendes Lied eines Mannes, der nicht verstehen kann, warum sich seine Liebesbeziehung zu einer Frau aufzulösen beginnt. Jahre später hat ein anderes Lied über die Fahrtrichtung eines Zuges, nämlich das von Udo Lindenberg interpretierte „Sonderzug nach Pankow“ den Hit von Christian Anders fast in Vergessenheit geraten lassen. Sie fragen sich jetzt, lieber Leser: Was hat denn nun die Milch mit einem nach Nirgendwo fahrenden Zug tun? Beide, die Milch und ein orientierungslos fahrender Zug sind durch ein katastrophales Ereignis miteinander verknüpft. Im Frühling von 1986 wurde die Welt durch den bislang folgenschwersten Reaktorunfall bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie im ukrainischen Tschernobyl aufgeschreckt. Im Zusammenhang damit wurde eine große Menge Radioaktivität, wie die des Cäsium-Isotops-137, in die Erdatmosphäre geschleudert. Durch Wind und Regen gelangte die ausgeworfene Radioaktivität auch auf die grünen Weiden Süddeutschlands. Aber der radioaktive Niederschlag auf den Halmen bremste nicht den Appetit der Kühe auf das saftige Gras. Folglich gelangte das Cäsium-137 in deren Mägen, und danach in die Milch. Dieses Cäsium-Isotop wird nach dem Rausschmiss eines Elektrons aus dem Atomkern (Beta-Strahlung) und zusätzlicher Röntgenstrahlung zu einem stabilen Barium-Isotop. Aber leider vermindert sich dadurch die Menge des radioaktiven Cäsiums erst nach 30 Jahren um die Hälfte. Da das Cäsium ein naher Verwandter des Kaliums ist, dem häufigsten Kation in den pflanzlichen und tierischen Zellen, wird es von diesen irrtümlich für Kalium gehalten und aufgenommen.
Milch, das ist bekanntlich eine Emulsion von kleinen Fetttröpfchen in Wasser, wodurch dieses uns milchig erscheint und nicht durchsichtig. Außerdem enthält die Milch Eiweiß, Kalzium und Milchzucker (Laktose). Und jetzt nähern wir uns „Des Pudels Kerns“. Justus von Liebig, wahrscheinlich der bekannteste deutsche Chemiker im 19. Jahrhundert, hat sich nicht nur als Aktivist des Düngens in der Landwirtschaft mit Mineralstoffen einen Namen gemacht. Er war auch mit dem Kreieren neuer Lebensmittel beschäftigt, wie dem seinen Namen tragenden Fleischextrakt. Zu seinen Erfindungen gehört auch das Milchpulver (1865), das später durch Henry Nestlé, dem Namensgeber des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers mit Sitz in der Schweiz, zur Marktreife entwickelt wurde. Für die Herstellung von 1 Kilogramm Milchpulver muss 6 bis 7 Litern Milch das Wasser entzogen werden. Das Endprodukt besteht danach aus 26 Prozent Fett, 25 Prozent Protein, 38 Prozent Milchzucker und 7 Prozent Milchsalzen. Eingesetzt wird das Milchpulver zur Erzeugung von Käse, Joghurt, Schokolade, Kaffeeweißer, und es ist auch der Grundrohstoff für die Instant-Babynahrung, wie dem von Milasan. Es wird aber auch von Sportlern zum Muskelaufbau genossen.
Nun wieder zurück zur radioaktiv kontaminierten Kuhmilch, die in Süddeutschland trotz des Fallouts durch Tschernobyl zu Milchpulver weiterverarbeitet wurde. Um Bedenken gegenüber dem Verzehr des strahlenden Milchpulvers zu zerstreuen, tauchte der damalige bayerische Umweltminister Alfred Dick vor laufenden Kameras seinen Finger in das Milchpulver, leckte daran und sprach: „Des tut mir nix.“ (Spiegel-Geschichte vom 26. April 2016). Jahre später verriet sein Pressesprecher allerdings, dass der Minister den Mittelfinger eingetaucht hat, aber den Zeigefinger abgeleckt hat. Das Milchpulver fand trotzdem keinen Absatz. So kam es zu einem Berg von diesem. Dann wurde die Idee geboren, Güterwagen als Zwischenlager mit dem Milchpulver zu beladen. Für die angehäuften 5.046 Tonnen Milchpulver wurden von der Bahn 242 Waggons für 3 Deutsche Mark pro Waggon pro Tag gemietet. Anfangs standen die Wagen auf Abstellgleisen in Rosenheim, was aber kein Dauerzustand sein konnte. Danach kaufte das Milchpulver das Umweltministerium und „schenkte“ es der Bundeswehr. Für den Zug mit den vielen Waggons begann eine beispiellose Odyssee durch die Bundesrepublik mit Endstation in Lingen. Schlussendlich wurde der größte Teil des Pulvers mit enormem Aufwand und der Hilfe von Ionen-Austauschern vom Cäsium-137 befreit. Die mit dem Cäsium beladenen Ionen-Austauscher fanden ihre letzte Ruhe im Salzstock von Gorleben. Und was geschah mit dem nun nicht mehr strahlenden Milchpulver? Das ist schon längst in den Mägen der Kühe verschwunden.
Prof. Dr. Peter Schönfeld
Nr. 305 vom 10. Juni 2026, Seite 31
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