Ich spreche Deutsch: Toilettengeschichten

Beim Besuch eines der Schlösser an der Loire in Frankreich, das jetzt als Museum besichtigt werden kann, wurden wir auch in ein kleines ‚cabinet‘ geführt. Ein wirklich kleiner Raum, ohne Fenster. In der Mitte stand eine Art großer breiter Stuhl, in dessen Sitzfläche eine kreisrunde Öffnung von rund 50 Zentimeter Durchmesser ausgesägt war. Unter der Öffnung stand ein großer runder Behälter. Der Zweck war klar erkennbar: Es handelte sich um das, was wir bei uns landläufig als Plumpsklo bezeichnen. Der Museumsführer erklärte, dass dieses cabinet hauptsächlich den Bedürfnissen des gnädigen Herrn diente. Und er fügte hinzu, dass der Herr bei einem solchen Geschäft nicht allein war. Begleitet wurde er von einem ‚porte-coton‘. Nicht verständlich, was das bedeutet. Ja, so die Erklärung, das war der Diener, der die Baumwolle trug. Papier war zu den damaligen Zeiten sicherlich zu kostbar, zu teuer, um es für hinterlistige Zwecke zu verwenden. Und noch etwas erstaunt uns heute: Das Dienstpersonal betrachtete es als Ehre, bei solcher Art Geschäften als porte-coton zu fungieren!

 

Für die sprachlich interessierten Leserinnen und Leser unserer Kompakt-Zeitung ein paar Erläuterungen: ‚porter‘ heißt im Deutschen ‚tragen‘. ‚coton‘ ist ‚Baumwolle‘, im Englischen ‚cotton‘ geschrieben. Den Wortstamm ‚port‘-‚ mit der Grundbedeutung ‚tragen‘ finden wir in vielen Wörtern, die wir als deutsch empfinden: transportieren, Export, Import, Reporter, Portemonnaie, Briefporto. Diesen Ursprung haben aber nicht ‚Portal‘, ‘Portier‘, Pförtner‘. Hierfür ist das lateinische Wort ‚porta‘ die Basis, mit der Bedeutung ‚Tür‘,  ,Tor‘.

 

Bleiben wir in Frankreich. Zum Ausgang des Mittelalters, so im 16. Jahrhundert, hatten es die französischen Könige erreicht, ihre zentrale Macht im Lande gegenüber den konkurrierenden Fürsten zu etablieren, die entweder besiegt oder durch Zugeständnisse zufriedengestellt waren. Die Könige konnten nun absolut, das heißt ohne Einschränkungen, herrschen. Als Verkörperung des Absolutismus gilt Ludwig der XIV., der „Sonnenkönig“. Er sagte von sich selbst: „Der Staat, das bin ich.“ (L’État, c’est moi.). Sein Vater, Ludwig XIII., starb, als der 1638 geborene Ludwig XIV. fünf Jahre alt war. Seine Mutter führte mit dem Minister Mazarin die Staatsgeschäfte, bis der Sonnenkönig den Thron bestieg. Prunk und Verschwendungssucht schienen sein Leben zu bestimmen, dazu fast ständig Kriege mit Nachbarstaaten. Nicht ganz so königlich sah es um seine Gesundheit aus. Ständiger Mundgeruch (die Süßspeisen bei der Zelebrierung der Essensprozessionen lassen grüßen!) veranlassten seine Ärzte, ihm die Abschaffung seiner Zähne anzuraten. So wurden ihm alle Zähne – und dies ohne Betäubungsmittel – herausgebrochen. Dabei wurde aber sein Gaumen verletzt, wodurch die Nasenhöhle in Verbindung zum Mund kam. Bei jedem Trinken und Essen tropfte es dann auch aus der Nase, ganz zu schweigen von den mitunter wochenlang in diesen Hohlräumen verbleibenden Speiseresten. Zur Frage, wie oft der König sich einem reinigenden Bad zur Körperpflege hingegeben hat, wird es so angegeben: zwei oder drei Mal – in seinem ganzen Leben! Ja, wie haben denn die Menschen damals ihre Körperpflege betrieben?

 

Wir verlassen mal ganz kurz Frankreich und fragen Sie, liebe Leserinnen und Leser: Kennen Sie noch das alte deutsche Kinderlied „Ein Männlein steht im Walde …“? „Männlein“ – das ist die Verkleinerungsform von ‚Mann‘. Verkleinerungsform, Verniedlichung – mit dem Fremdwort ‚Diminutiv‘ in der Grammatik. ‚die Tür‘ – das Türchen; ‚Hans‘ – Hänschen; ‚Haus‘ – Häuschen. Auch „Fräulein“ ist ein Diminutiv, abgeleitet von ‚Frau‘. Im Französischen gibt es auch solche Verkleinerungsformen, häufig mit der Silbe ‚-ette‘. Der weibliche Vorname ‚Jeanne‘ wird zu ‚Jeanette‘. ‚la maison‘ – das Haus, ‚maisonnette‘ (das Häuschen) können Sie bei Angeboten von Häusermaklern als zweigeschossige Wohnungen in Mehrfamilienhäusern finden. Und in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts strömten in Paris Hunderte von Näherinnen und Schneiderinnen als „midinetten“ mittags (le midi = Mittag) zu den Imbissboutiquen.

 

Wie das gemeine Volk früher gelebt hat, darüber wird nichts berichtet. Es existierte nur als Bauern, Handwerker und einfache Soldaten. Es ist nicht bekannt, ob dieses gemeine Volk auch so eine Angst vor dem Wasser hatte. Denn Wasser, vor allem warmes, galt in den adligen Kreisen als krankheitserregend, und verwiesen wurde auf die Zeiten der Pest. Der Kontakt von Wasser mit der Haut des Menschen musste also vermieden werden. Aber es war bekannt, dass Alkohol eine desinfizierende Wirkung hat. Somit wurden Gemische von Alkohol und Wasser empfohlen. Wir können uns nun vorstellen, dass die gnädige Frau in ihrer Kammer saß, wahrscheinlich noch unterstützt von ihrer Zofe, und vor sich hatte sie auf dem Tisch mit Spiegel eine Reihe von kleinen Gefäßen mit einem Wasser-Alkohol-Gemisch und mit Schminkstoffen, zum Teil noch mit wohlriechenden Essenzen (Rose, Lavendel u. ä.) versetzt. Hinzu kamen zahlreiche Tüchelchen und Läppchen, die in diese Gefäße getunkt wurden, und mit diesen Läppchen wurden dann Gesichts- und eventuell auch noch andere Körperteile abgerieben oder abgetupft. ‚Tüchelchen‘, ‚Läppchen‘ – darum geht es uns hier. ‚la toile‘ ist das französiche Wort für ‚Gewebe‘, ‚Leinwand‘, ‚Leinen‘, ‚Stoff‘. Nun kommen wir auf das Diminutiv zurück: ‚-ette‘. Diese Tüchelchen und Läppchen waren wirklich nicht groß, deshalb wurde diese Silbe an ‚toile‘ angesetzt. Ergebnis: ‚toile‘ + ‚ette‘ = toilette. Wir schreiben es jetzt mal mit großem Anfangsbuchstaben: ‚Toilette‘. Genau, Toilette. Und tatsächlich finden wir hier den Ursprung des Wortes für unsere heutigen sanitären Einrichtungen! Natürlich ist es noch ein weiter, mehrere Jahrhunderte dauernder Weg bis dahin. Dieses Wort ‚toilette‘ beschränkte sich mit der Zeit nicht nur auf diese Tüchelchen und Läppchen, auch der Tisch, auf dem die Utensilien Platz hatten, wurde so genannt. Dann der gesamte Raum. Und ‚Madame est à sa toilette‘ (Madame ist bei ihrer Toilette), wenn sie sich für das Erscheinen in der Öffentlichkeit vorbereitete. Selbst die Kleidung wurde so benannt: ‚Tous étaient en grande toilette‘ (alle waren in großer Toilette, d. h. in Galakleidung). So Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als auch die technischen Voraussetzungen (fließendes Wasser, Spülkasten usw.) geschaffen waren, gelangte das Wort ‚Toilette’ allmählich in den allgemeinen Sprachgebrauch für die Orte, an denen man seine körperlichen Bedürfnisse befriedigen kann. 

 

Um das Schloss von Versailles beneidete so manches europäisches Fürstenhaus die Franzosen. Ursprünglich war es eher ein einfaches Jagdschloss von Ludwig dem XIII., dem Vater des Sonnenkönigs. Zum Prunkschloss ausgebaut wurde es unter der Regentschaft von Ludwig dem XIV. Vorgesehen waren darin auch ‚cabinets‘ mit zum Teil kostbar gestalteten Stühlen, deren Sitze hochklappbar waren. Solche Möbel waren für die königliche Familie und die auch im Schloss wohnenden Adelsfamilien (bei diesem Wohnsitz im Schloss waren sie besser unter der Kontrolle des Königs) vorgesehen. Insgesamt jedoch, besonders in der Anfangsphase der Gebäudeanlagen, mangelte es an Latrinen, insbesondere wenn man bedenkt, dass mit Dienst-, Küchen- und Stallpersonal, Handwerkern, Besuchern rund 5000 Menschen sich im Schloss aufhielten. Da ist es nicht verwunderlich, wenn Ecken, Vorhänge und Gärten – trotz Verboten – auch für andere Zwecke genutzt wurden.

 

Unter Napoleon hatten französische Truppen das Rheinland besetzt. Ältere Leserinnen und Leser erinnern sich vielleicht noch – lange zurück zu DDR-Zeiten – an einen kurzen Werbefilm im Westfernsehen. In der Stadt Köln hatte der französische Stadtkommandant den Befehl gegeben, dass alle Häuser nummeriert werden. Im Werbefilm wird dann ein Haus mit der Nummer ‚4711‘ gekennzeichnet. Gerade hierin befand sich eine Manufaktur, die ein Gemisch aus Wasser und Alkohol herstellte. 4711 – Eau de Toilette – Eau de Cologne – Kölnisch Wasser, im Prinzip alles Synonyme für diese erfrischende Flüssigkeit, jetzt werbewirksam vermarktet und schon jahrhundertelang im Gebrauch bei denen, die es sich leisten konnten.  

 

Noch ein Nachwort zum Sonnenkönig Ludwig XIV. Es erstaunt uns, dass er ein Alter von fast 76 Jahren erreichte, bis er 1715 starb. Für die damalige Zeit stellt er damit eine Ausnahme dar. Ob dazu das tägliche mehrmalige Wechseln seiner Wäsche, die kalorienreiche und relativ vielseitige Ernährung (selbst kleine Vögel waren auf dem Speiseplan), seine Prunksucht und sein Drang nach Expansion durch Krieg beigetragen haben – es ist schwer, darauf erschöpfende Antworten zu geben.  Im Jahre 1789 zeigte das Volk jedoch, dass es nicht mehr gewillt war, Prunk, Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und Hungersnöte hinzunehmen.

Dieter Mengwasser

Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

 

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.

Nr. 305 vom 10. Juni 2026, Seite 32

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