Wenn das Gute schlecht wird

Über die historische Dialektik von Heilsversprechen und gesellschaftlicher Realität

Von Thomas Wischnewski

Die Menschheitsgeschichte lässt sich als eine fortwährende Abfolge von Bewegungen lesen, die mit dem Anspruch antreten, das „Gute“, die „Wahrheit“ oder die „gerechte Gesellschaft“ endgültig zu verwirklichen. Von den frühen monotheistischen Religionen über die Aufklärung und den Historischen Materialismus bis hin zu den zeitgenössischen Diskursen um Identitätspolitik und Genderwissenschaft eint diese Strömungen ein fundamentaler Impuls: der Durst nach einer besseren Welt. Doch die historische Analyse offenbart eine tragische Dialektik. Jede Proklamation des Guten erzeugt in ihrer gesellschaftlichen Umsetzung neue Widersprüche, neue Ausgrenzungen und nicht selten neue Formen der Gewalt. Die Menschheit verstrickt sich in einem Kreislauf aus Heilsversprechen und Enttäuschung.

 

Eine tiefe philosophische Erklärung für diese Tragik liefert Martin Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit” (1927) mit dem Konzept der Geworfenheit. Jede Generation wird in eine bereits bestehende Welt geworfen, in eine bestimmte historische Faktizität. Aus diesen vorgefundenen, als mangelhaft empfundenen Verhältnissen heraus entwirft sie ihr Ideal des Besseren (Entwurf). Doch weil sie stets aus ihrem eigenen, begrenzten Horizont heraus agiert, bleibt sie strukturell blind für den Gesamtzusammenhang. Sie kann nicht erkennen, dass ihr eigener Entwurf der Befreiung unweigerlich die Keime für neue Widersprüche und Unterdrückungsmechanismen in sich trägt.

 

Die Illusion der Kontrolle

 

Bevor wir die einzelnen historischen Bewegungen betrachten, drängt sich eine fundamentale Frage auf: Warum sind diese großen Heilserzählungen für den Menschen durch alle Epochen hindurch derart attraktiv? Warum tritt der nüchterne Pragmatismus, der kleine, fehleranfällige Schritte der Verbesserung anstrebt, immer wieder in den Hintergrund? Und warum weigert sich der Mensch so hartnäckig, das Schicksalhafte – die unausweichliche Tragik und das Leid als Teil der menschlichen Existenz – zu akzeptieren?

 

Die Antwort liegt tief in der psychologischen und evolutionären Verfasstheit unserer Spezies. Der Kulturanthropologe Ernest Becker lieferte in seinem Pulitzer-Preis-gekrönten Werk „The Denial of Death” (1973) eine der tiefgreifendsten Erklärungen: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst ist. Dieses Bewusstsein erzeugt eine potenziell lähmende existenzielle Angst („Terror“). Um nicht daran zu zerbrechen, konstruiert der Mensch „Unsterblichkeitsprojekte“ (Immortality Projects) – kulturelle, religiöse oder politische Ideologien, die ihm das Gefühl geben, Teil von etwas Größerem, Ewigem und absolut Wahrem zu sein. Die Hingabe an das proklamierte „Gute“ ist somit primär eine psychologische Abwehrstrategie gegen die Ohnmacht des Todes. Diese Erkenntnis wurde später in der empirischen Psychologie als „Terror Management Theory“ vielfach belegt: Je stärker Menschen an ihre Sterblichkeit und Ohnmacht erinnert werden, desto radikaler klammern sie sich an absolute Weltanschauungen und desto aggressiver reagieren sie auf Abweichler.

 

Das erklärt auch, warum das Pragmatische und Schicksalhafte in Krisenzeiten so unattraktiv wird. Pragmatismus bedeutet, Ambiguität und Ungewissheit auszuhalten. Das Schicksal zu akzeptieren, bedeutet anzuerkennen, dass wir die Welt nicht vollständig kontrollieren können und dass Leid oft keinen tieferen Sinn hat. Das ist psychologisch extrem anstrengend. Heilserzählungen hingegen bieten eine unwiderstehliche Kontrollillusion und ein radikales Sinnversprechen: Plötzlich ist das Leid nicht mehr sinnlos, sondern das Resultat eines identifizierbaren Bösen (der Ungläubigen, der Kapitalisten, des Patriarchats). Jedes existenzielle Schicksal wird so zu einem lösbaren politischen oder technischen Problem umgedeutet.

 

Der Psychoanalytiker Erich Fromm nannte diesen Mechanismus in „Die Furcht vor der Freiheit” (1941) die „Flucht vor der Freiheit“. Die offene Gesellschaft verlangt dem Individuum ab, die Verantwortung für sich selbst zu tragen und die Sinnlosigkeit des Universums auszuhalten. Diese Last der Freiheit ist oft so erdrückend, dass Menschen bereitwillig in den Autoritarismus großer Heilsversprechen flüchten. Dort finden sie jene psychologische Sicherheit, die ihnen die moderne Welt verwehrt: klare Feindbilder, moralische Eindeutigkeit und die tröstliche Wärme der Ingroup (Gruppenidentität), die sie vor der Kälte des Zweifels schützt. Die Verführungskraft des Guten liegt also nicht in seiner rationalen Plausibilität, sondern in seiner Funktion als existenzielles Betäubungsmittel gegen die Angst vor dem Unkontrollierbaren.

 

Die Geburt der Intoleranz

 

Der Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus, den der Philosoph Karl Jaspers als zentrales Element der „Achsenzeit“ (ca. 800–200 v. Chr.) beschrieb, markierte eine fundamentale Zäsur im menschlichen Denken. Der Monotheismus führte eine völlig neue Unterscheidung in die Welt ein: die „mosaische Unterscheidung“ zwischen der wahren Religion und dem falschen Glauben, zwischen dem einen Gott und den Götzen.  Diese Unterscheidung brachte einen immensen zivilisatorischen Fortschritt mit sich. Sie etablierte die Idee einer universellen Gerechtigkeit, die für alle Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit gelten sollte. Die Vorstellung, dass alle Menschen vor einem einzigen Schöpfergott gleich sind, legte den geistigen Grundstein für spätere Konzepte der Menschenrechte und der sozialen Gerechtigkeit.

 

Doch genau in diesem Universalismus und dem Anspruch auf absolute Wahrheit lag der Keim für neue gesellschaftliche Widersprüche. Wie der Ägyptologe Jan Assmann in seiner Analyse des Monotheismus herausarbeitet, erfordert die mosaische Unterscheidung eine radikale Entscheidung, die notwendig die Ausgrenzung des „Anderen“ (der Heiden, Ungläubigen oder Ketzer) impliziert. Der Glaube an den einen, wahren Gott verlangte „Eifer“ (qana im Hebräischen, Dschihad im Arabischen) und führte zu einer religiösen Motivation von Gewalt, die in polytheistischen Gesellschaften in dieser Form unbekannt war.  Im Christentum und im Islam zeigte sich diese Dialektik in aller Härte. Das Christentum, das als Religion der Nächstenliebe und der Vergebung antrat, entwickelte in seiner Institutionalisierung als Staatsreligion Instrumente der Unterdrückung. Die Kreuzzüge, die Inquisition und die Hexenverbrennungen waren keine bloßen Betriebsunfälle, sondern Ausdruck eines Systems, das im Namen der absoluten Wahrheit abweichende Überzeugungen mit Gewalt ausmerzte. Ähnlich verhielt es sich im Islam, der mit dem Anspruch antrat, eine vollkommen gerechte gesellschaftliche Ordnung (Umma) zu stiften. Die ungeteilte göttliche Wahrheit führte auch im Islam zu gewaltsamen Konflikten, Unterdrückung von Minderheiten und zu Kriegen gegen „Ungläubige“.

 

Das gereinigte Evangelium

 

Wenn der Monotheismus die Unterscheidung zwischen dem wahren und dem falschen Gott in die Welt brachte, so vollzog die Reformation des 16. Jahrhunderts diese Unterscheidung innerhalb des Christentums selbst. Martin Luther, der am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel veröffentlichte, proklamierte die Rückkehr zum reinen, unverfälschten Evangelium gegen die Korruption und den Dogmatismus der römischen Kirche. Das Gute war hier die sola scriptura – die alleinige Autorität der Heiligen Schrift – und die sola fide – die Rechtfertigung allein aus dem Glauben, ohne die Vermittlung einer priesterlichen Institution. Der Mensch sollte unmittelbar, ohne käufliche Gnadenmittel, vor seinem Gott stehen können.

 

Die Reformation erschütterte nicht nur das religiöse, sondern das gesamte politische und soziale Gefüge Europas. Sie gab dem einfachen Volk eine Sprache für seine Unterdrückung. Die deutschen Bauern, die in Luthers Botschaft von der christlichen Freiheit eine Legitimation für ihre sozialen Forderungen sahen, erhoben sich im Deutschen Bauernkrieg von 1524 bis 1526. Doch hier offenbarte sich die erste bittere Dialektik: Luther selbst, der Befreier, wandte sich mit der Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern” (1525) gegen die Aufständischen und forderte die Fürsten auf, sie niederzuschlagen. Der Reformator, der die Freiheit des Christenmenschen gepredigt hatte, wurde zum Verbündeten der weltlichen Obrigkeit gegen die soziale Revolution, die seine eigene Theologie mitentfacht hatte.

 

Noch verheerender war die konfessionelle Spaltung Europas, die die Reformation erzeugte. Aus dem Versuch, die eine wahre Kirche wiederherzustellen, entstanden nicht eine, sondern viele konkurrierende Konfessionen: Lutheraner, Reformierte (Calvinisten), Zwinglianer, Täufer und schließlich die anglikanische Kirche. Jede dieser Strömungen beanspruchte für sich, das Evangelium in seiner Reinheit zu vertreten, und jede verfolgte die anderen als Häretiker. Die Folge war ein Jahrhundert der Religionskriege, das in der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) gipfelte. Die Bevölkerung des Heiligen Römischen Reiches schrumpfte in der Zeit von schätzungsweise 16 bis 17 Millionen auf rund zehn Millionen Menschen. Ganze Landstriche wurden entvölkert, Städte wie Magdeburg 1631 fast vollständig zerstört.

 

Darüber hinaus reproduzierte die Reformation in ihren eigenen Institutionen jene Dogmatik und Intoleranz, gegen die sie ursprünglich angetreten war. Calvin errichtete in Genf ein theokratisches Regime, das Andersdenkende verfolgte – der Theologe Michael Servet wurde 1553 auf Calvins Betreiben hin als Ketzer verbrannt. Die lutherischen Landeskirchen entwickelten ihre eigene Orthodoxie und Bürokratie, die kaum weniger erdrückend war als die römische. Das Prinzip cuius regio, eius religio (Augsburger Religionsfriede 1555), das den Konfessionsfrieden sichern sollte, zwang die Untertanen, den Glauben ihres Fürsten anzunehmen – und tauschte damit die Tyrannei Roms gegen die Tyrannei des lokalen Landesherrn.

 

Der Westfälische Frieden von 1648 brachte schließlich nicht den Triumph einer Konfession, sondern die erschöpfte Akzeptanz der Pluralität. Er war, wie der Historiker Axel Gotthard formuliert, kein Sieg der Toleranz aus Überzeugung, sondern eine „friedensstiftende Verrechtlichung“ der religiösen Koexistenz aus schlichter Kriegsmüdigkeit. Paradoxerweise legte die Reformation, indem sie die Einheit der Christenheit zerstörte und Europa in blutige Konfessionskriege stürzte, damit ungewollt den Grundstein für die spätere Trennung von Kirche und Staat und für das moderne Konzept der Religionsfreiheit.

 

Das scheinbare Licht der Vernunft

 

Mit der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert emanzipierte sich das europäische Denken von der religiösen Dogmatik. Die neue Proklamation des Guten war nun nicht mehr göttlich legitimiert, sondern basierte auf der menschlichen Vernunft. Die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Liberté, Égalité, Fraternité) versprachen die Befreiung des Menschen aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant).

 

Doch auch dieses Heilsversprechen offenbarte bald seine dunkle Seite. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno analysierten in ihrem epochalen Werk „Dialektik der Aufklärung” (1947), wie die aufklärerische Vernunft, die antrat, um Mythen zu zerstören und den Menschen zu befreien, selbst in einen neuen Mythos und in Barbarei umschlug. Die instrumentelle Vernunft, die alles messbar und beherrschbar machen wollte, führte zur totalen Herrschaft über die Natur und letztlich über den Menschen selbst.

 

Historisch zeigte sich dieser Widerspruch bereits in der Französischen Revolution. Der Versuch, die absolute Tugend und Freiheit politisch durchzusetzen, mündete unter Maximilien de Robespierre direkt in die Schreckensherrschaft. Robespierre rechtfertigte den massenhaften Einsatz der Guillotine zynisch mit den Worten: „Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; er ist also ein Ausfluss der Tugend“. Wer sich der „richtigen“ Vernunft widersetzte, wurde als Feind der Freiheit vernichtet.

 

Auf globaler Ebene manifestierte sich der Widerspruch der Aufklärung im europäischen Kolonialismus. Während die Aufklärer in den europäischen Metropolen über universelle Menschenrechte philosophierten, rechtfertigten ihre Nationen die Unterwerfung, Ausbeutung und Versklavung von Millionen Menschen in Übersee. Der Kolonialismus wurde zynischerweise oft als „zivilisatorische Mission“ legitimiert – man wollte den „Wilden“ das Licht der Vernunft bringen. Postkoloniale Denker wie Achille Mbembe betonen heute, dass Aufklärung und Rassismus historisch untrennbar miteinander verwoben waren. Der Universalismus der Aufklärung galt faktisch nur für weiße, europäische Männer.

 

Die klassenlose Gesellschaft

 

Im 19. Jahrhundert formulierte Karl Marx mit dem Historischen Materialismus eine neue, wissenschaftlich fundierte Heilsgeschichte. Das Böse war nun die kapitalistische Ausbeutung, das Gute die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus. Karl Marx und Friedrich Engels proklamierten, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen sei, die zwangsläufig in der Diktatur des Proletariats und schließlich in einer Gesellschaft enden müsse, in der jeder nach seinen Fähigkeiten arbeitet und nach seinen Bedürfnissen konsumiert. Diese säkularisierte Heilsgeschichte (wie der Philosoph Karl Löwith den Marxismus interpretierte) übte eine immense Faszination aus, da sie eine rationale, geradezu gesetzmäßige Erlösung von Armut und Ungerechtigkeit versprach. Doch die Versuche, diese Utopie im 20. Jahrhundert realpolitisch umzusetzen, endeten in beispiellosen Katastrophen.

 

Anstatt zur Befreiung des Menschen zu führen, gebar der real existierende Sozialismus totalitäre Regime. In der Sowjetunion unter Josef Stalin führte der Versuch, die Gesellschaft radikal nach ideologischen Vorgaben umzubauen, zu Zwangskollektivierungen, künstlich erzeugten Hungersnöten (Holodomor), Schauprozessen und dem System des Gulag, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Wer der Errichtung der perfekten Gesellschaft im Weg stand – seien es „Kulaken“, „bürgerliche Abweichler“ oder „Konterrevolutionäre“ –, musste im Namen des höheren Ziels liquidiert werden.

 

Hannah Arendt analysierte in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”, wie moderne Ideologien, wenn sie den Anspruch auf absolute, historische Wahrheit erheben, zwangsläufig im Terror enden. Der Totalitarismus zerstört die menschliche Pluralität und Spontaneität, um die Gesellschaft in das starre Korsett einer ideologischen Fiktion zu zwingen. Der französische Philosoph Albert Camus brachte dieses Dilemma in „Der Mensch in der Revolte“ auf den Punkt: Jede Revolution, die absolute Gerechtigkeit anstrebt, legitimiert letztlich den staatlichen Mord.

 

Die Verkrustung der Moderne

 

Eigentlich waren die Institutionen der westlichen Nachkriegsordnung – die liberale Demokratie, die Europäische Union, der moderne Verwaltungsstaat – als Gegenentwurf zu den totalitären Heilsversprechen gedacht. Sie sollten nicht die absolute Wahrheit durchsetzen, sondern als pragmatische Mechanismen für gesellschaftlichen Ausgleich, Kompromiss und stetige Erneuerung dienen. Doch auch hier offenbart sich die Dialektik der Geschichte: Institutionen, die für Ausgleich und Moderne geschaffen wurden, neigen dazu, im Laufe der Zeit zu verkrusten und selbst destruktiv zu wirken.

 

Dieses Phänomen, das in der aktuellen Verfasstheit der deutschen und europäischen Gesellschaft deutlich sichtbar wird, beschrieb der Ökonom Mancur Olson als „institutionelle Sklerose“. Olson argumentierte, dass sich in stabilen Demokratien über die Jahrzehnte immer mehr mächtige Interessengruppen, Lobbys und bürokratische Strukturen etablieren. Diese Gruppen blockieren notwendige Reformen, um ihre eigenen Pfründe zu sichern, was letztlich zu wirtschaftlicher Stagnation und gesellschaftlicher Handlungsunfähigkeit führt. Ergänzt wird dies durch das „eherne Gesetz der Oligarchie“ des Soziologen Robert Michels, wonach selbst demokratisch verfasste Parteien und Organisationen unweigerlich basisferne, elitäre Herrschaftsstrukturen herausbilden.

 

In Deutschland und der EU manifestiert sich diese Verkrustung in einer überbordenden, geradezu kafkaesken Bürokratie, die Innovationen erstickt und den Alltag der Bürger gängelt. Die Europäische Union, einst als Friedens- und Wohlstandsprojekt gefeiert, leidet unter einem chronischen Demokratiedefizit und einer tiefen Legitimitätskrise. Die traditionellen Volksparteien haben ihre Bindungskraft verloren; das Parteiensystem fragmentiert sich, und die politische Mitte erodiert.

 

Besonders brisant wird diese institutionelle Erstarrung durch eine ideologische Verschiebung: Die Demokratie wird zunehmend nicht mehr als fehleranfälliges, kritisierbares Verfahren (im Sinne Poppers) verstanden, sondern selbst zum Götzenbild sakralisiert. Wenn die Institutionen und die etablierte Politik die Demokratie „gottgleich“ verteidigen, wird sie von einer Methode der Konfliktlösung zu einer neuen „politischen Religion“. Die fatale Konsequenz: Fundamentale Kritik an der Verkrustung der Institutionen, an der Bürokratie oder an bestimmten politischen Entscheidungen wird nicht mehr als notwendiger demokratischer Diskurs begriffen, sondern als „Angriff auf die Demokratie“ gebrandmarkt.

 

Wer die Sakralität der Institutionen infrage stellt, wird exkommuniziert. Auch hier zeigt sich das Leitmotiv: Die Gesellschaft fesselt sich freiwillig an ihre eigenen verkrusteten Institutionen und verwechselt die bürokratischen Ketten des Status quo mit der Sicherung der Freiheit. Diese moralische Überhöhung des Status quo verhindert die notwendige Selbstkorrektur des Systems und treibt enttäuschte Bürger in die Arme von Parteien, die genau diese Erstarrung und moralische Arroganz der Eliten politisch instrumentalisieren. Die Verteidigung der Demokratie als unantastbares Heiligtum erzeugt paradoxerweise eine illiberale Ausgrenzungsdynamik, die das Fundament der offenen Gesellschaft untergräbt.

 

Identitäts- und Genderpolitik

 

Nach dem Zusammenbruch der großen politischen Utopien des 20. Jahrhunderts hat sich die Suche nach dem Guten in den westlichen Demokratien fragmentiert. An die Stelle des universellen Klassenkampfes sind Bewegungen getreten, die sich auf spezifische Identitäten, Marginalisierungserfahrungen und die Dekonstruktion von Normen konzentrieren – insbesondere die Identitätspolitik und die Genderwissenschaft.

 

Das proklamierte Gute dieser Bewegungen ist eine radikale Inklusion, die Anerkennung von Diversität und der Abbau von struktureller Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder ethnischer Herkunft. Diese Bewegungen haben zweifellos wichtige gesellschaftliche Fortschritte erzielt, indem sie auf blinde Flecken des klassischen Liberalismus aufmerksam machten und marginalisierten Gruppen eine Stimme gaben. Die Sensibilisierung für alltäglichen Rassismus, sexuelle Belästigung (wie in der #MeToo-Bewegung) und die Rechte queerer Menschen sind Errungenschaften dieses Diskurses.

 

Doch auch hier manifestiert sich die historische Dialektik: Die Proklamation der absoluten Inklusion erzeugt neue Exklusionen und gesellschaftliche Widersprüche. Kritiker aus unterschiedlichen politischen Lagern bemängeln, dass eine übersteigerte Identitätspolitik die Gesellschaft nicht eint, sondern in immer kleinere, sich gegenseitig misstrauisch beäugende Opfergruppen spaltet (Tribalisierung). Der Politikwissenschaftler Mark Lilla argumentiert, dass der Fokus auf partikulare Identitäten den Blick für das verbindende Gemeinwohl und gemeinsame ökonomische Interessen verstellt.

 

Zudem entwickelt die Durchsetzung des „Gerechten“ in diesen Diskursen oft autoritäre Züge. Der Anspruch auf absolute moralische Reinheit führt zu neuen Formen der Orthodoxie, zu Sprachregelungen („Political Correctness“) und Praktiken wie der „Cancel Culture“, bei der abweichende Meinungen nicht mehr diskutiert, sondern moralisch verurteilt und aus dem öffentlichen Diskurs verbannt werden. Die Befreiung von alten Normen droht in ein neues, rigides Normenkorsett umzuschlagen, in dem die Angst vor dem „falschen Wort“ die offene Debatte erstickt. Die Sehnsucht nach absoluter moralischer Reinheit und totaler Inklusion schmiedet so die nächste Kette – eine selbst gewählte Fessel der Sprach- und Gedankenkontrolle, getragen im stolzen Bewusstsein der eigenen Tugendhaftigkeit. Auch hier wirkt die Heideggersche Geworfenheit: Die Akteure entwerfen ihre Vision der radikalen Inklusion aus der berechtigten Kritik an historischen Ausgrenzungen. Sie erkennen jedoch nicht, dass ihr eigener Entwurf, der absolute sprachliche und moralische Reinheit fordert, den Gesamtzusammenhang einer pluralistischen, fehlbaren Gesellschaft zerreißt.

 

Die digitale Disruption

 

Die historische Dialektik von Heilsversprechen und gesellschaftlichem Widerspruch setzt sich im 21. Jahrhundert nahtlos fort – nun jedoch nicht mehr primär im Gewand von Religion oder politischer Ideologie, sondern als technologischer Utopismus. Das Silicon Valley hat die Rolle der neuen Heilsverkünder übernommen. Bereits in den 1960er Jahren prägte der Medientheoretiker Marshall McLuhan den Begriff des „globalen Dorfs“ (Global Village). Diese Vision wurde in den 1990er Jahren zur Gründungsideologie des Internets: Die digitale Vernetzung sollte geografische, soziale und kulturelle Grenzen überwinden, Hierarchien auflösen und eine globale, radikal demokratische Wissensgesellschaft erschaffen. Das proklamierte Gute war die absolute Konnektivität und der freie Informationsfluss.

 

Doch auch diese Utopie kippte in ihr Gegenteil. Anstatt eines harmonischen globalen Dorfs erzeugten die sozialen Medien eine beispiellose Fragmentierung der Öffentlichkeit. Angetrieben von den Algorithmen der großen Tech-Konzerne (Big Tech), deren Geschäftsmodell – von der Ökonomin Shoshana Zuboff als „Überwachungskapitalismus“ treffend analysiert – auf der Maximierung von Aufmerksamkeit basiert, entstanden Echokammern und Filterblasen. Emotionalisierende, polarisierende und extremistische Inhalte generieren das meiste Engagement und werden daher algorithmisch belohnt. Die Folge ist eine massive gesellschaftliche Spaltung, die Verbreitung von Desinformation. Die Technologie, die uns verbinden sollte, hat uns in verfeindete digitale Stämme zerlegt.

 

Gegenwärtig erleben wir mit dem Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) die nächste, noch radikalere Stufe dieser Dialektik. Die Protagonisten der KI-Entwicklung versprechen nichts Geringeres als die Lösung aller Menschheitsprobleme: vom Klimawandel über Krankheiten bis hin zur Überwindung des Todes (Transhumanismus). Der Historiker Yuval Noah Harari warnt jedoch eindringlich vor dieser neuen „techno-religiösen“ Utopie. Die Heilsversprechen der KI verschleiern eine nie dagewesene Machtkonzentration: Eine kleine Elite von Technologiekonzernen („digitale Oligarchie“) kontrolliert die Algorithmen, die zunehmend darüber entscheiden, was wir sehen, wie wir arbeiten und wie wir gesellschaftliche Ressourcen verteilen.

 

Die KI droht, die digitale Spaltung extrem zu verschärfen. Während eine schmale Schicht von Technologiebesitzern und hochqualifizierten Anwendern enorm profitiert, droht breiten Bevölkerungsschichten der ökonomische Bedeutungsverlust. Zudem ermöglicht generative KI die massenhafte, automatisierte Produktion von Desinformation (Deepfakes, Bot-Netzwerke), was die ohnehin fragile epistemische Basis der Demokratie weiter erodiert. Das Heilsversprechen der allwissenden Maschine gebiert den Widerspruch einer Gesellschaft, in der Wahrheit und Fiktion kaum noch unterscheidbar sind und menschliche Autonomie zunehmend an undurchschaubare Algorithmen delegiert wird. Das Silicon Valley entwirft die KI aus der Geworfenheit einer hyperkapitalistischen, auf Effizienz getrimmten Epoche. Der Glaube, Technologie könne menschliche Widersprüche auflösen, ist selbst der blinde Fleck dieses Entwurfs – er verkennt, dass Algorithmen die historischen und sozialen Brüche ihrer Programmierer nicht heilen, sondern in Code gießen und skalieren.

 

Die Gnosis der Moderne

 

Warum scheitern diese Bewegungen in ihrer reinen Form immer wieder? Eine tiefgreifende philosophische Antwort lieferte der Politikwissenschaftler Eric Voegelin. Er deutete moderne Ideologien als „politische Religionen“ und als eine Rückkehr der antiken Gnosis. Der Gnostiker verachtet die unvollkommene Welt und glaubt, über ein geheimes Wissen (eine Ideologie oder wissenschaftliche Theorie) zu verfügen, mit dem er die Gesellschaft radikal umbauen und das Paradies auf Erden erzwingen kann. Voegelin warnte eindringlich davor, das absolute Heil (das Eschaton) in der Politik verwirklichen zu wollen. Dieser Versuch der „Immanentisierung des Eschatons“ führt laut Voegelin zwangsläufig in den Totalitarismus, da die Realität und die menschliche Natur sich der utopischen Fiktion widersetzen und daher mit Gewalt passend gemacht werden müssen.

 

Die Geschichte lehrt uns, dass der Durst nach der besseren Gesellschaft ein unverzichtbarer Motor für sozialen Fortschritt ist. Ohne den Impuls, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, gäbe es keine Menschenrechte, keine Demokratie und keinen Sozialstaat. Doch die Tragik der Menschheitsgeschichte besteht darin, dass die Proklamation des absolut Guten und Gerechten fast unweigerlich in Unterdrückung umschlägt.

 

Die offene Gesellschaft, wie sie Karl Popper forderte, muss Utopien mit Skepsis begegnen. Sie lebt nicht von der Verheißung der perfekten Endlösung, sondern von der pragmatischen, fehleranfälligen und schrittweisen Verbesserung der realen Zustände. Die Menschheit wird die vollkommene Gesellschaft nie erreichen. Ihre größte zivilisatorische Leistung besteht vielleicht nicht darin, das absolute Gute zu proklamieren, sondern Institutionen zu schaffen, die es uns ermöglichen, unsere unvermeidlichen Widersprüche friedlich auszutragen und die Macht derer zu begrenzen, die behaupten, die einzige Wahrheit zu besitzen.

 

Doch gerade hier offenbart die Gegenwart ihre bitterste Pointe: Die Menschheit wirkt an ihrer eigenen algorithmischen Lenkung nicht etwa gezwungen mit – sie tut es freiwillig, kostenlos und mit Begeisterung. Milliarden Menschen liefern täglich ihre Aufmerksamkeit, ihre Daten, ihre Meinungen, ihre Ängste und ihre sozialen Bindungen an eine Handvoll Technologiekonzerne, die daraus Macht, Kapital und Kontrolle destillieren. Sie teilen, liken, posten und streiten – und produzieren dabei exakt jene Spaltung, Disruption und Fragmentierung, von der die digitale Oligarchie lebt. Wie in allen großen Heilserzählungen der Geschichte geschieht dies im festen Glauben, dass etwas Besseres entstehen werde: eine vernetztere Welt, eine gerechtere Öffentlichkeit, eine stärkere Gemeinschaft. Doch die Gegensätze nehmen zu, die Verständigung wird schwerer, und das Versprechen der Verbindung erweist sich als das effizienteste Instrument der Entzweiung, das die Geschichte je hervorgebracht hat. Der Mensch, der sich durch alle Epochen hindurch nach Erlösung sehnte, ist am Beginn des 21. Jahrhunderts zum unbezahlten Mitarbeiter seiner eigenen Entmündigung geworden – und hält dies, wie stets, für den Anfang einer besseren Welt. Gefangen in seiner Geworfenheit, entwirft er unermüdlich das Gute, ohne je den Schatten zu sehen, den sein eigenes Licht wirft.

Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 4-6

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