Römers Reich: Gen Z: Betteln ums Büro

Es ist eine verkehrte Welt. Jahrelang haben wir uns angehört, die sogenannte Generation Z sei ein Haufen arbeitsscheuer Yoga-Tee-Trinker, die bei dem Wort „Überstunden“ sofort einen Burnout-Coach konsultieren. Und jetzt das: Die Jungen wollen ins Büro! Sie kratzen geradezu an den verschlossenen Glastüren der verwaisten Firmenzentralen, hungrig nach sozialem Kontakt und jemandem, der ihnen erklärt, wie der verdammte Kopierer funktioniert. Doch die heiligen Hallen der Produktivität sind leer. Warum? Weil die mittleren Jahrgänge – die 30- bis 50-Jährigen – sich in ihren Vorort-Festungen verbarrikadiert haben und das Homeoffice verteidigen wie gallische Dörfer das Geheimnis des Zaubertranks.

 

Man muss sich das Drama auf der Zunge zergehen lassen. Da kommt der hochmotivierte „Junior Consultant“, frisch von der Uni, bereit, die Welt zu erobern. Früher durfte er erst einmal drei Jahre lang Excel-Tabellen bunt ausmalen. Ein behüteter Einstieg in den Wahnsinn der Arbeitswelt. Doch dann kam die Künstliche Intelligenz. ChatGPT erledigt das „Aufhübschen“ heute in Sekunden. Der Junior steht plötzlich vor der Aufgabe, komplexe Software-Architekturen zu verstehen. Er fängt „eine Ebene höher an“. Dumm nur, dass die Luft da oben verdammt dünn ist.

 

Was braucht der junge Mensch in dieser Not? Einen weisen Senior, der ihm über die Schulter schaut und den Kontext erklärt. Doch wo ist der Senior? Er sitzt in Jogginghose in Buxtehude, freut sich über den gesparten Pendelweg und hilft dem Nachwuchs bei den Hausaufgaben. Dass da draußen ein Junior verzweifelt versucht, den Sinn des Projekts zu ergründen, tangiert ihn nur peripher. Von sich aus ruft der Senior nicht an. Er ist schließlich nicht „intrinsisch motiviert“, wie es in der wunderbaren Sprache der Personalabteilungen heißt. Übersetzt: Er hat schlichtweg keine Lust. Und so stehen die Unternehmen vor einem Dilemma. Die Jungen betteln um Präsenzpflicht, weil sie ohne den Flurfunk und das direkte Abgucken bei den Alten aufgeschmissen sind. Sie trauen sich nicht, den Senior über Teams anzurufen – ein unangekündigter Anruf gilt schließlich als Mikroaggression. Die Erfahrenen hingegen weigern sich standhaft, ihre Komfortzone zwischen Kaffeemaschine und Gartenzwerg zu verlassen.

 

Die Lösung der Konzerne? Der gute alte Befehl von oben. Bosch, BASF und Konsorten beordern ihre Schäfchen zurück an die Schreibtische. Das Geschrei in den Vororten dürfte ohrenbetäubend sein. Doch vielleicht ist das genau das, was die deutsche Wirtschaft jetzt braucht: Ein bisschen weniger Wohlfühloase und ein bisschen mehr echte, analoge Reibung an der Kaffeemaschine. Denn am Ende lernt man die wichtigsten Lektionen des Berufslebens nicht von einer KI und auch nicht im Teams-Call. Man lernt sie, wenn der Senior-Kollege genervt die Augen rollt und knurrt: „Jetzt pass mal auf, so machen wir das hier.“ Willkommen in der Realität, liebe Gen Z. Und willkommen zurück, liebe Homeoffice-Eremiten. Der Schonwaschgang ist vorbei.

Axel Römer

Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 3

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