Warum das Bildungssystem ein tragikomischer Unfall ist

Unser Bildungssystem belohnt eine bestimmte Art zu denken, zu sitzen und zu schweigen. Wer das nicht beherrscht, fällt durchs Raster. Außerdem: Mädchen und Jungen sitzen zwar im selben Jahrgang, aber entwicklungsbiologisch in verschiedenen Welten.

Einmal im Jahr vollzieht sich ein kleines nationales Ritual: Die Zeugnisse werden ausgeteilt. Jubel, Schulterzucken, Tränen – alles dabei. Wer dabei genauer hinschaut, entdeckt ein Muster, das sich mit der Verlässlichkeit eines Schweizer Uhrwerks wiederholt: Die Mädchen strahlen, die Jungen schauen betreten auf ihre Schuhe. Zufall? Schicksal? Genetisches Pech? Keines von alledem – es ist schlicht das System.

 

Denn die Frage ist nicht, ob Jungen schlechter sind. Die Frage ist, womit die Schule eigentlich Leistung misst – und wen sie dabei strukturell aus dem Rennen wirft. Das Bildungssystem hat nämlich eine ausgeprägte Vorliebe für eine ganz bestimmte Sorte Talent: das papierkompatible. Wer seine Gedanken in wohlgeformte Sätze gießen, ruhig auf einem Stuhl sitzen und Aufgaben in der vorgesehenen Zeit lösen kann, ist hier goldrichtig. Alle anderen dürfen sich hinten anstellen. Räumliches Vorstellungsvermögen? Nicht prüfbar, also nicht relevant. Technisches Geschick? Schön und gut, aber bitte erst nach dem Abitur. Wer in der Lage ist, ein Gerät auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, ohne Anleitung und mit bloßen Händen, wird im Klassenzimmer nicht mit Applaus bedacht. Er wird gefragt, warum sein Aufsatz so kurz ist. Das Bildungssystem hat ein Messinstrument entwickelt, das vor allem eines kann: sich selbst bestätigen.

 

Besonders pikant wird die Sache, wenn man den Blick auf die Herkunft richtet. Wer mit einem gut sortierten Bücherschrank, einem ruhigen Arbeitszimmer und dem elterlichen Vokabular für Selbstoptimierung aufgewachsen ist, findet sich in der Schule sofort zurecht – das Milieu hat ihn bereits vorbereitet. Wer hingegen mit anderen Stärken ins Leben gestartet ist, muss erst lernen, was die Schule überhaupt von ihm will. Und dann lernen, es zu wollen. Unruhe im Unterricht wird dabei je nach Familienname unterschiedlich interpretiert: Beim einen gilt sie als Zeichen von Kreativität und Unterforderung, beim anderen als Beleg für mangelnde Eignung. Gleichbehandlung sieht anders aus.

 

Die Pointe dieser Geschichte ist, dass die Gesellschaft dieselben Menschen, denen sie jahrelang signalisiert hat, ihre Fähigkeiten seien bestenfalls ein nettes Hobby, später verzweifelt sucht. Wer soll denn die Brücken bauen, die Leitungen verlegen, die Maschinen am Laufen halten? Ach so – die, die in der Schule nicht so gut waren. Willkommen in der Realität, die das Bildungssystem konsequent ignoriert.

 

Das Diktat des Geburtsdatums

 

Doch nun zum eigentlichen Meisterstück institutioneller Absurdität – einer Frage, die sich kaum jemand zu stellen wagt, weil die Antwort so offensichtlich unbequem ist: Warum sitzen gleichaltrige Mädchen und Jungen eigentlich gemeinsam in einem Klassenzimmer, obwohl sie sich entwicklungsbiologisch in völlig unterschiedlichen Welten befinden? Man stelle sich eine typische siebte oder achte Klasse vor. Auf der einen Seite des Raumes sitzen 13-jährige Mädchen, die längst begonnen haben, die Welt in ihrer ganzen sozialen Komplexität zu navigieren: Sie führen mehrere Freundschaften parallel, lesen emotionale Zwischentöne wie andere Leute Straßenschilder und verfügen über eine Impulskontrolle, die manchem Erwachsenen zur Ehre gereichen würde. Auf der anderen Seite sitzen 13-jährige Jungen, deren neurobiologische Entwicklung – das ist keine Beleidigung, sondern Biologie – schlicht noch nicht an demselben Punkt angekommen ist. Ihr Frontallappen, zuständig für Planung, Selbstregulation und das Unterdrücken des Impulses, den Radiergummi quer durch den Raum zu schießen, befindet sich noch im Aufbau.

 

Was tut das Bildungssystem mit diesem Entwicklungsunterschied? Es ignoriert ihn vollständig. Es setzt beide Gruppen denselben Anforderungen aus, bewertet sie nach denselben Kriterien und wundert sich dann, warum die Ergebnisse so systematisch auseinanderfallen. Das Geburtsjahr ist der einzige Maßstab, der zählt und natürlich der Anspruch auf gleichberechtigte Bildungschancen. Und dann sollen sich diese unter eigentlich ungerechten Bedingungen erfüllen? Ein Trugschluss. Nicht der Entwicklungsstand, nicht die individuelle Reife, nicht die Art des Denkens – das Geburtsjahr. Logistisch praktisch, pädagogisch ein Treppenwitz.

 

Denn genau jene Fähigkeiten, die Mädchen in dieser Lebensphase statistisch früher ausbilden – ruhiges Sitzen, sprachliche Ausdrucksstärke, Aufmerksamkeit, soziale Anpassung – sind exakt die Fähigkeiten, die das Schulsystem als Intelligenz und Leistungsbereitschaft wertet. Jungen hingegen hecheln einem Entwicklungsstand hinterher, den sie schlicht noch nicht erreicht haben können, und bekommen dafür schlechte Noten. Das ist keine Strafe für Faulheit. Das ist eine Strafe für das Pech, in einer bestimmten Entwicklungsphase zu stecken – einer Phase, die das System weder kennt noch anerkennt. Man könnte es auch so formulieren: Wir schicken Katze und Hund in einen Wettbewerb im Baumklettern, stellen fest, dass der Hund schlechter abschneidet, und schreiben in sein Zeugnis: „Mangelnde Motivation.“ Und dann wundern wir uns, warum er bellt.

 

Das Bildungssystem benachteiligt teilweise Jungen, weil sie Jungen sind, und es bevorzugt Mädchen, weil sie Mädchen sind. Es fördert eine bestimmte Art zu denken, zu sitzen, zu sprechen und zu sein – und bestraft alle, die das noch nicht können oder nie so sein werden. Vielleicht wäre es an der Zeit, das Raster zu überdenken, bevor wir noch eine Generation durch dieses hindurchfallen lassen. Spätestens, wenn der Wasserhahn des Direktors tropft und kein Handwerker in Sicht ist, dürfte die Erkenntnis kommen – nur leider zu spät.

 

Thomas Wischnewski

Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 10

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