Entscheidungen: Wenn Abwägen zur Ausrede wird
Es gibt Entscheidungen, die sehen von außen erstaunlich harmlos aus. Eine Nachricht beantworten. Einen Termin zusagen. Ein Angebot annehmen oder ablehnen. Einen Urlaub buchen. Eine Grenze setzen. Oder einfach nur sagen: „Ja, das will ich.“ Oder eben: „Nein, das passt für mich nicht.“ Klingt überschaubar. Bis man selbst davorsteht.
Dann wird aus einer normalen Entscheidung plötzlich eine innere Bundestagsdebatte mit Sondersitzung. Der Kopf eröffnet Ausschüsse, prüft Szenarien, lädt alle möglichen Zukunftsversionen ein und irgendwo hinten sitzt das Nervensystem mit hochgezogener Augenbraue und fragt: „Sind wir sicher? Wirklich sicher? Also so richtig sicher?“ Und weil wir selten wirklich sicher sind, fangen wir an zu kreisen. Wir wägen ab. Wir recherchieren. Wir fragen drei Menschen, lesen fünf Meinungen, schlafen noch einmal drüber, machen eine Pro-und-Contra-Liste und überlegen dann, ob wir vielleicht grundsätzlich der Typ Mensch sind, der Listen falsch benutzt. Willkommen im Entscheidungsnebel.
Natürlich ist Nachdenken nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Es ist sehr sinnvoll, nicht jede Lebensentscheidung mit der Reife eines übermüdeten Einkaufswagens zu treffen. Manche Dinge brauchen Zeit. Manche Fragen brauchen Informationen. Und manchmal ist ein klares „Ich entscheide das nicht heute“ tatsächlich erwachsen. Das Problem beginnt dort, wo Abwägen nicht mehr zur Klarheit führt, sondern zur Vermeidung wird. Denn viele Menschen denken nicht mehr nach, weil noch wichtige Informationen fehlen. Sie denken weiter nach, weil eine Entscheidung ein Gefühl auslösen würde, dem sie lieber ausweichen möchten. Vielleicht Angst. Vielleicht Schuld. Vielleicht die Sorge, jemanden zu enttäuschen. Vielleicht die Möglichkeit, einen Fehler zu machen. Vielleicht auch diesen sehr unangenehmen Moment, in dem eine Entscheidung sichtbar macht, wer man sein will und wer man nicht länger sein kann. Entscheidungen sind deshalb selten nur sachlich. Sie berühren Identität.
Wer Ja sagt, schließt andere Möglichkeiten aus. Wer Nein sagt, riskiert Spannung. Wer sich zeigt, kann bewertet werden. Wer einen neuen Weg wählt, verliert manchmal die alte Ausrede, dass ja noch alles offen ist. Das sieht im Alltag oft gar nicht dramatisch aus. Du stehst nicht auf einer Klippe mit wehender Jacke und Soundtrack. Du sitzt am Küchentisch und starrst auf eine WhatsApp-Nachricht. Du überlegst, ob du den Handwerkertermin endlich bestätigst. Du liest zum dritten Mal dieselbe Mail und weißt eigentlich längst, was du antworten willst. Oder du brauchst im Restaurant auffällig lange, um dich zwischen zwei Gerichten zu entscheiden, obwohl die größte Lebensgefahr vermutlich darin besteht, dass die Pommes beim Nachbarteller besser aussehen. Diese kleinen Szenen zeigen oft sehr ehrlich, wie wir mit Wahl umgehen. Denn wer schon bei harmlosen Entscheidungen innerlich in die Großrecherche geht, hat bei den wirklich wichtigen Fragen selten plötzlich ein komplett entspanntes System. Und genau da wird es spannend.
Das Nervensystem liebt offene Hintertüren. Solange nichts entschieden ist, ist nichts endgültig. Solange man prüft, muss man nicht handeln. Solange man abwägt, kann man sich selbst erzählen, man sei sehr reflektiert. Und manchmal stimmt das sogar.
Besonders tückisch ist, dass Unentschiedenheit oft klug klingt. Sie sagt nicht: „Ich habe Angst.“ Sie sagt: „Ich brauche nur mehr Klarheit.“ Sie sagt: „Ich will nichts überstürzen.“ Sie sagt: „Ich muss das erst sicher fühlen.“ Das klingt vernünftig. Nur: Es gibt Entscheidungen, die werden nicht durch mehr Denken klarer. Sie werden erst klarer, wenn man einen Schritt geht. Manche Türen erkennt man nicht vom Flur aus. Psychologisch ist das gut erklärbar. Unser Gehirn versucht, Unsicherheit zu reduzieren. Es möchte wissen, ob die Entscheidung richtig ist, bevor wir sie treffen. Leider funktioniert Leben selten so freundlich. Oft bekommen wir Gewissheit erst hinterher. Nicht davor. Das heißt nicht, dass man blind springen soll. Es heißt nur, dass absolute Sicherheit häufig eine Fantasie ist. Eine sehr verführerische, zugegeben. Dann gibt es da noch die alten Rollen. Die Angepasste entscheidet nicht, weil sie niemanden enttäuschen will. Der Perfektionist entscheidet nicht, weil die Wahl fehlerfrei sein muss. Die Verantwortliche entscheidet nicht, weil sie alle Folgen gleichzeitig mittragen möchte. Und der Träumer entscheidet nicht, weil die Möglichkeit im Kopf schöner bleibt als die Realität mit Terminen, Konsequenzen und Montagevormittagen. Jede dieser Rollen hat einmal versucht zu schützen.
Vielleicht war es früher sicherer, vorsichtig zu sein. Vielleicht wurden Fehler hart bewertet. Vielleicht war Harmonie wichtiger als Ehrlichkeit. Vielleicht hat man gelernt, dass die eigenen Wünsche zu viel, zu unbequem oder irgendwie unpassend sind. Dann fühlt sich eine klare Entscheidung nicht klar an. Sie fühlt sich riskant an. Nicht, weil sie objektiv gefährlich ist. Sondern weil sie innerlich eine alte Geschichte berührt. Deshalb hilft die Frage „Was ist richtig?“ oft nicht weiter. Sie ist zu groß, zu schwer, zu endgültig. Hilfreicher ist eine andere Frage: Welche Wahl wäre ehrlich? Nicht perfekt. Nicht garantiert folgenlos. Nicht von allen beklatscht. Sondern ehrlich.
Eine zweite Frage lautet: Wovor schützt mich mein Zögern gerade? Schützt es mich vor einem Fehler? Vor Ablehnung? Vor Sichtbarkeit? Vor Verantwortung? Vor dem Moment, in dem ich nicht mehr nur über Veränderung spreche, sondern tatsächlich anders handle? Allein diese Frage bringt oft erstaunlich viel ans Licht. Plötzlich merkt man: Ich suche gar nicht mehr nach Information. Ich suche nach emotionaler Freigabe. Und die kommt selten durch die zwanzigste Grübelschleife.
Ein praktischer Schritt ist die 70-Prozent-Regel. Wenn du genug Informationen hast, um die Richtung zu erkennen, aber noch nicht genug, um dich sicher zu fühlen, frage dich: Reichen 70 Prozent Klarheit für den nächsten Schritt? Nicht für dein ganzes Leben. Nicht für die endgültige Version deiner Persönlichkeit. Nur für den nächsten Schritt. Eine Nachricht. Ein Gespräch. Eine Probeentscheidung. Eine Grenze. Ein Satz. Denn viele Entscheidungen werden leichter, wenn man sie kleiner macht. Aus „Soll ich mein ganzes Leben verändern?“ wird: „Was wäre der nächste Schritt?“ Aus „Darf ich das wirklich wollen?“ wird: „Kann ich mir erlauben, diesen Wunsch ernst zu nehmen?“ Das ist kein Aufruf zur Impulsivität. Es ist ein Ausstieg aus der inneren Warteschleife. Manchmal braucht es auch einen Entscheidungstermin. Nicht als Druckmittel, sondern als Schutz vor endlosem Kreisen. Zum Beispiel: „Ich sammle bis Freitag die wichtigsten Informationen. Am Samstag entscheide ich den nächsten Schritt.” Danach wird nicht weiter gesucht. Danach wird gewählt.
Und wenn die Angst kommt? Dann ist das nicht automatisch ein Zeichen, dass die Entscheidung falsch ist. Angst kann auch bedeuten, dass etwas neu ist. Dass eine alte Rolle wackelt. Dass ein Teil von dir merkt: Wenn ich das jetzt entscheide, kann ich nicht mehr ganz dieselbe Geschichte weiterspielen. Genau dort beginnt Story Reset im Alltag. Nicht im großen dramatischen Lebensumbruch. Sondern in diesem kleinen Moment, in dem du merkst: Ich warte nicht auf Klarheit. Ich warte darauf, dass sich Mut bequem anfühlt. Tut er meistens nicht. Mut fühlt sich anfangs oft an wie Herzklopfen mit halbwegs guter Absicht. Mit jeder ehrlichen Entscheidung lernt dein System Neues. Dass ein Nein nicht automatisch Beziehung zerstört. Dass ein Ja nicht perfekt sein muss, um echt zu sein. Dass ein Schritt nicht dein ganzes Leben festnagelt. Manchmal entsteht Freiheit dadurch, dass man eine Möglichkeit wählt. Vielleicht ist das der eigentliche Wendepunkt: nicht mehr ewig vor der Tür stehen und hoffen, dass sie sich von selbst als richtige zu erkennen gibt. Sondern die Hand an die Klinke legen, atmen und sagen: „Das ist mein nächster Schritt.“ Nicht endgültig. Nicht perfekt. Aber gewählt. Manchmal ist genau das der Unterschied zwischen Grübeln und Führung.
Von Herzen, Dein Dennis Pfeiffer
In der nächsten Kolumne geht es um ein Gefühl, das gern auftaucht, sobald eine Entscheidung hinter uns liegt: Reue. Warum wir nach einer Wahl plötzlich anfangen, die andere Möglichkeit zu idealisieren – und wie man erkennt, ob Reue wirklich ein Hinweis ist oder nur der Versuch, wieder in die alte Sicherheit zurückzukehren.
Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 22
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