Gedanken- & Spaziergänge im Park: Kriegsende? Faschismus? Wahrheit?
„Nun dauert der russisch-ukrainische Krieg schon länger als der I. Weltkrieg! Wer hätte das gedacht“, sagte ich. „Putin schon gar nicht“, antwortete Gerd. „Wie nannte er das damals? Eine militärische Operation. Klingt nicht nach Krieg, sondern wie ein kleiner Eingriff von kurzer Dauer. Ich erinnere mich, dass damals eine Karikatur im Internet zu finden war. Da beugt sich der gealterte Hitler zu einem kleinen Putin herunter, tätschelt ihm die Wange und sagt: „Das mit dem Blitzkrieg üben wir noch ein bisschen!“ Das Motiv entstammte wohl einer Wochenschau im April 1945, als Hitler im Hof der Reichskanzlei einem Kindersoldaten eine Auszeichnung überreicht und ihm dabei die Wange tätschelt. Eine treffende Karikatur.“ „Stimmt! Mit dieser Widerstandskraft der Ukraine hatte Putin nie gerechnet. Und die Bilanz? Über eine Million tote oder verwundete Russen und ca. 600.000 Ukrainer. Dabei muss man bedenken, dass die Kämpfe in den ostukrainischen Bezirken schon seit 2014 stattfanden. Ich könnte mir vorstellen, dass sowohl Selenskyj als auch Putin durchaus ein Kriegsende herbeisehnen. Aber wie? Der Charakter des Krieges hat sich in den letzten Jahren krass verändert, wie ihn die Welt bisher noch nicht erlebt hat. Keine großen Infanterieangriffe mehr, keine Panzerschlachten, sondern die Angriffe mit Drohnen und Raketen bis tief ins Hinterland des Gegners, um die Infrastruktur so massiv wie möglich zu zerstören. Ich bin überzeugt, dass der russische Generalstab und Putin an diese Möglichkeit in ihrem Kriegsplan überhaupt nicht gedacht hatten. Das war völlig neu und wurde auf der russischen Militärakademie wahrscheinlich nicht gelehrt.“
„Da magst du recht haben. Aber wie wäre ein Frieden erreichbar, wenn beide den Krieg beenden wollten?“ „Für Selenskyj ist es einfacher als für Putin. Selenskyj wünscht sich sicher einige territoriale Veränderungen, die mit Einschränkungen dem früheren ukrainischen Staatsgebiet ähneln. Nach Kriegsende würde er als standhafter Politiker dastehen, der der Invasion getrotzt und die Unabhängigkeit der Ukraine verteidigt hat. Doch für Putin sähe die Situation anders aus: Statt wie versprochen, die Ukraine schnell besiegt und sie zu einem Satellitenstaat, wenn nicht sogar zu einem Bestandteil Russlands gemacht zu haben, stünde er dann ohne erreichte Ziele da. Stattdessen Millionen Tote und verwundete Russen und eine durch Drohnenangriffe schwer geschädigte Wirtschaftsstruktur! Von dem außenpolitischen Schaden für seine Person, die bis 2014 in ganz Europa und den USA angesehen war, ganz abgesehen. Dazu noch die wirtschaftliche Situation Russlands mit den diversen Sanktionen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er bei einem Friedensschluss in Russland gefeiert würde. Im Gegenteil: er stünde als Versager da und seine Kritiker bekämen Aufwind. Ich zweifle daran, dass er seinen Posten als Staatsoberhaupt dann halten könnte. Wenn, dann nur mit einer sehr strengen diktatorischen Meinungs- und Kritikunterdrückung á la Stalin.“ „Aber selbst wenn er zurücktreten oder gestürzt würde, könnte es sein, dass der Nachfolger vielleicht noch schlimmer und militärisch aggressiver wäre“, vermutete ich.
„Ich weiß nicht, ob unsere europäischen Politiker, inklusive Frau von der Leyen darüber nachdenken. Die EU ist offensichtlich mehr auf Konfrontation als auf Verhandlungen mit Russland orientiert und beginnt sogar Vorverhandlungen für einen EU-Beitritt der Ukraine. Das wird die Befürchtungen Putins vor einer Umklammerung Russlands durch die EU, deren Mitglieder größtenteils der NATO angehören, noch verstärken. Eine der wenigen Stimmen der Vernunft im EU-Präsidium scheint António Costa (Präsident des Europäischen Rates) zu sein, der gegen den Widerstand seiner Kollegen den Kanal zu Moskau aufrechterhalten will.“
Gegner oder Feinde
Je näher der Wahltag in Sachsen-Anhalt kommt, desto schärfer wird der Ton. Das ist meist so. Doch trotz der Brandmauer – oder vielleicht gerade wegen ihr? – vergrößert die AfD ihren Stimmenanteil und den Vorsprung zur CDU, deren Stimmen in den Umfragen abgenommen haben. „Anscheinend haben die Politiker, die die Brandmauer verfechten, nichts daraus gelernt“, sagte ich. „Denn statt ihre Wahlkampfstrategie zu ändern, fordern manche, sie zu intensivieren. Wenn ich einen Sponsor finden würde, würde ich allen Abgeordneten das 1983 erschienene Buch von Paul Watzlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“ übersenden. Ein Rezept zum Unglücklichsein ist, immer nach dem Grundsatz „mehr desselben“ zu handeln. Das geht so: Jemand wendet eine Methode an, die ihn aber nicht zu seinem Ziel bringt, eher sogar davon entfernt. Nach dem Scheitern schließt er nicht daraus, dass sein Vorgehen falsch war, sondern, dass er die Methode nicht genug benutzt hätte und er sie verstärken müsse. Geht auch das schief, so kommt er trotzdem wieder zu der gleichen Schlussfolgerung: ich muss noch mehr desselben tun! Und so geht es weiter bergab. Das Verhalten mancher Parteien und Politiker scheint nach diesem Rezept zu erfolgen.“
Gerd nickte: „Wenn es einmal anders ist, so wie am 11. Juni in Halberstadt auf einer Podiumsdiskussion, bei der Kandidaten aller Landtagsparteien teilnahmen, geht ein großes Geschrei los! Da hielten Heuer (CDU) und Siegmund (AfD) im Eifer der Diskussion beide mit einer Hand ein gemeinsames Mikrofon und Heuers andere Hand lag auf Siegmunds Schulter. Als in den nächsten Tagen ein entsprechendes Foto erschien, war die Empörung besonders bei Linken und Grünen groß. Banaszak (Grüne) sagte: Das zeigt, wie eng die Beziehung zwischen dem CDU-Fraktionschef und dem AfD-Spitzenkandidaten bereits ist, da ist keine Distanz mehr erkennbar. Wir brauchen keine weiteren Brandmauerdebatten, sondern eine lösungsorientierte Sachpolitik.“ Tatsächlich war in der Vergangenheit manchmal davon zu lesen, dass Abgeordnete anderer Parteien nicht mit AfD-Abgeordneten reden, sich nicht mit ihnen an einen Tisch setzen, ihnen nicht die Hand geben, ja sie nicht einmal begrüßen. Mit anderen Worten, sie behandeln sie nicht als politische Gegner, sondern wie Feinde, wie Aussätzige! Gerd kennt einen CDU-Abgeordneten, der ihm das aus eigener Erfahrung bestätigte. Zwischen den Begriffen Gegner und Feind besteht ein beträchtlicher Unterschied!
„Das erinnert mich an schlimmste Zeiten in Deutschland. Nämlich an das Verhalten einfacher Bürger gegenüber Juden in der Nazizeit.“ „Vorsicht mein Lieber“, sagte ich zu Gerd, „nicht, dass du den Holocaust verharmlost!“ „Hör auf zu spinnen! Mir geht es hier nicht um das große Menschheitsverbrechen der Nazis, daran gibt es nichts zu deuteln. Mir geht es um alltägliches Verhalten einfacher Deutscher, die Juden nicht mehr grüßten, ihnen aus dem Weg gingen, bei ihnen nicht einkauften usw. Eine Geschichte aus meiner Kindheit: ich bin aufgewachsen in Schönebeck in der Bahnhofstraße. Meine Mutter hatte zwei Freundinnen, die rechts und links in den Nebenhäusern wohnten und sich meist wöchentlich zum Kaffeetrinken trafen. Die eine hieß Thea und war mit einem jüdischen Arzt, Dr. Sonnenfeld, verheiratet, der natürlich Berufsverbot hatte. Angeblich geschah ihm deshalb nichts weiter, weil Thea über ein paar Ecken irgendwie mit Göring verwandt war, so die Erzählung meiner Mutter.
Der Mann der dritten Freundin war Finanzbeamter und in der SA! Dennoch verkehrten sie freundschaftlich miteinander, aber sie waren sicher keine Antifaschistinnen. Wenn ich als Kind akut erkrankte, ging meine Mutter mit mir, aber erst wenn die Dunkelheit angebrochen war, zu ihrer Freundin Thea und konsultierte den Dr. Sonnenfeld. Nach dem Krieg zog er sehr bald nach Magdeburg und wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Warum erzähle ich dir das? Weil ich die innere Kontaktsperre, die manche Menschen dem politischen Gegner, den sie als Feind betrachten, gegenüber haben, als eine faschistische Haltung betrachte. Es ist die vorurteilsbehaftete Verweigerung, den anderen Menschen kennenzulernen und sich mit ihm ernsthaft auseinanderzusetzen. Nach der inneren Maxime: Du bist schlecht und ich bin besser als du! Stattdessen bezeichnen gerade die, die so handeln, den anderen als den Faschisten!
Das erste Beispiel davon in der Politik nahm ich etwa vor sechs Jahren bewusst wahr, als im Bundestag der Grünen-Politiker Andreas Audretsch auf eine sachliche Frage eines AfD-Abgeordneten antwortete: „Ich rede nicht mit Rechtsextremisten, auch nicht im Bundestag.“ So einfach kann man es sich machen, wenn man keine vernünftige Antwort weiß.“ Ich nickte und sagte: „Der neue Vorsitzende der Linken, Pantisano, schwingt schon die Faschismuskeule gegen die CDU in seiner Parteitagsrede. Das lässt nichts Gutes erahnen. Die Linke und Attac plant massive Blockaden gegen den AfD-Parteitag in Erfurt Anfang Juli. Da hilft es nicht, dass der Thüringer Innenminister warnend sagt, dass das nur der AfD nützen würde. Da hat er sicher recht.“
„Wir kennen das aus der Geschichte“, sagte Gerd. „Putin begründete seinen Ukrainekrieg damit, dass er die Ukraine vom Faschismus befreien wolle und die Mauer in Berlin wurde von der SED als antifaschistischer Schutzwall deklariert. Beides also mit einer Lüge begründet. So wird auch die AfD von Links, Grün und auch von der SPD immer wieder als faschistisch bezeichnet, obwohl eigentlich jeder weiß, dass die AfDler keine Nazis sind, vielleicht bis auf einige Ausnahmen. Aber solche Radikalen gibt es im linken und im grünen Lager auch. Jeder Gewaltakt gilt als gerechtfertigt und als gut, wenn er vorgeblich gegen den Faschismus gerichtet sei. Diese Methode wird in Deutschland häufig angewendet mit steigender Tendenz. Das ist beängstigend.“
Paul F. Gaudi
Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100), Teil III (Nr. 101 bis 155). Teil IV kann nun im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.
Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 7
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