Ich spreche Deutsch: Deskriptiv oder normativ?
Schon wieder solche Fremdwörter, und das auf einer Seite, die sich „Ich spreche Deutsch“ nennt. Gehen wir doch, liebe Leserinnen und Leser, davon aus, dass heutzutage jede Frau und jeder Mann Englisch spricht. Davon können Sie sich doch ganz einfach überzeugen, wenn Sie die Programme im Fernsehen schauen, wenn Sie sich Werbeprospekte ansehen, wenn Sie Zeitungsartikel lesen, oder wenn Sie Schlagermusik hören wollen, und so weiter und so fort. Englisch ist also überall! Das ist modern, das zeigt, wie hoch gebildet man ist, dass man mit der Zeit geht. Also Deutsch brauchen wir nicht mehr!
Weil ja nun alle Englisch sprechen, brauchen wir das Wort „deskriptiv“ auch nicht weiter zu erläutern. Denn das dazu gehörige Substantiv (Dingwort) im Englischen ist „description“. Alles klar? Sollte es unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, doch noch jemand geben, der nähere Auskünfte zu „description“ wünscht, dann, bitte schön, hier ist eine Erläuterung: „description“ heißt auf Deutsch „Beschreibung“. Das zugehörige Verb ist im Englischen „to describe“.
Und was ist „normativ“? Auf jeden Fall hängt es mit „Norm“ zusammen. „Norm“ bedeutet: „so soll es sein“, „so wird es gefordert“. Ältere Leserinnen und Leser erinnern sich vielleicht noch an den 17. Juni 1953. Da gab es unter den Werktätigen der DDR Empörung und Aufstand, weil die Staats- und Parteiführung die Arbeitsnormen drastisch erhöht hatte. Es sollte eben mehr in der verfügbaren Arbeitszeit geleistet werden. (Parallelen zur Jetztzeit: mehr arbeiten – siehe das aktuelle politische Geschehen in der Bundesrepublik.) „normativ“ heißt also: „maßgeblich“, „verbindlich“, „so muss es sein“, „so ist die Norm“, „das ist einzuhalten“. „Normativ“ gibt es auch als Substantiv: „Die rot-grüne Regierung plante während ihrer Zeit neue Normative für Heizungsanlagen.“
Gut, was aber hat das alles mit unserer Kolumne „Ich spreche Deutsch“ zu tun? Blicken wir zurück in die Geschichte. Bis in die Zeit des Mittelalters war in den Landen, die heute das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland darstellen, die lateinische Sprache vorherrschend, zumindest in den Kreisen der Kirche und der Gelehrten. Die Mehrzahl der Menschen sprach natürlich Deutsch, wobei viele von ihnen nicht lesen und schreiben konnten. Es waren der Buchdruck mit beweglichen Lettern (Buchstaben aus Metall, die wiederverwendet werden konnten), erfunden und entwickelt durch Johann Gutenberg um 1450, und die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther ins Deutsche nach 1520, die die Sprache Deutsch mehr in das allgemeine Blickfeld rückten.
Es begannen erste Bestrebungen, die deutsche Sprache mit der lateinischen Sprache zu vergleichen. Offensichtlich rühren aus dieser Zeit auch die Bezeichnungen der grammatischen Erscheinungen her, die wir als „Substantiv“, „Adjektiv“, „Adverb“, „Prädikat“, „Konjunktion“ usw. im Schulunterricht bei der Vermittlung von grammatischen Kenntnissen gehört haben und eigentlich noch kennen sollten. In der ersten Phase, als Sprachgelehrte der damaligen Zeit Deutsch und Lateinisch zu vergleichen begannen, können wir noch von ‚deskriptiv‘ sprechen, das heißt, die Gelehrten nahmen sich vor, erstmal eine Bestandsaufnahme zur deutschen Sprache zu machen. Sie fingen an, zuerst auf der Basis der lateinischen Sprache, festzustellen, ob auch für das Deutsche eine gewisse Ordnung existiert und worin die Unterschiede zwischen beiden Sprachen liegen. Relativ einfach ist dies natürlich bei der Lexik, also dem Wortschatz. Wesentlich schwieriger ist es aber, die Grammatik zu beschreiben.
„Grammatik“ – was ist das überhaupt? Im Prinzip bedeutet Grammatik, wie wir Wörter nebeneinandersetzen, mit dem Ziel, dass aus dieser Nebeneinandersetzung sinnvolle und für andere Menschen verständliche Sätze entstehen. Und da sind die mit einer solchen Materie befassten Menschen – nennen wir sie „Gelehrte“ oder „Sprachgelehrte“ –, wie gerade im vorausgehenden Abschnitt schon gesagt, zuerst deskriptiv herangegangen. Denn eines ist klar: Eine Sprache, insbesondere das Deutsche mit Millionen von Nutzern, kann nur auf dem beruhen, was schon vorhanden ist. Es soll und kann ja nicht etwas völlig Neues geschöpft werden. Es sind die vorhandenen Strukturen des Wortschatzes und eben auch der Grammatik zu berücksichtigen.
Und dabei gab es auch Bestrebungen, eine Einheitlichkeit im Sprachgebrauch zu erzielen, aber im Deutschland, das damals im Wesentlichen aus kleinen Staaten und Fürstentümern bestand, waren Bemühungen dieser Art kaum von Erfolg gekrönt. 1871, nach dem Deutsch-Französischen Krieg, als das Deutsche Reich mit einem Kaiser an der Spitze neu gegründet wurde, stellte Konrad Duden, der als Gymnasiallehrer tätig war, fest, dass sich die Rechtschreibung in den einzelnen Ländern und Fürstentümern hauptsächlich danach richtete, wie die den Herrschern unterstehenden Schreibstuben schrieben. Also von Einheitlichkeit keine Spur. Doch die jetzt neu zu schaffenden Gesetze und Vorschriften, die das Leben in den bisher isoliert regierten Ländern beherrschten, mussten in einer einheitlichen Sprachregelung verfasst werden. Hier nun können wir von „normativ“ sprechen. Es wird den Behörden und Ämtern vorgeschrieben, wie sie untereinander und auch mit den Bürgern zu kommunizieren haben.
Zwar ist eine Schule keine Behörde, auch die strenge preußische Schule war es nicht. Aber mit den Lehrbüchern zum Lernen der deutschen Sprache war den Lehrern ein normatives Element vorgegeben, und das hatten sie zu beachten. Viele der oben erwähnten lateinischen Ausdrücke der Grammatik (Subjekt, Substantiv, Konjunktion, Adjektiv usw.) wurden für die Zwecke der Volksschule eingedeutscht. Aber der normative Charakter des Deutschunterrichts blieb erhalten. Wenn es auch Zweifel an dem Erfolg des Lernens geben mag, so ist das aber auch mit darauf zurückzuführen, dass die deutsche Sprache, insbesondere die Grammatik und Rechtschreibung, äußerst schwierig ist und bei näherer Betrachtung doch nicht immer Logik aufweist.
Dies waren also Betrachtungen hauptsächlich zur Geschichte. Wie sieht es nun heute aus? Wie steht es mit der „normativen“ Funktion dessen, was wir in der Schule und in weiterer Ausbildung gelernt haben bzw. gelernt haben sollten? Der Unterschied zwischen der Wirklichkeit – also der Wirklichkeit, wie jetzt geschrieben wird – und dem „Normativen“ scheint immer größer zu werden. Immer weniger scheinen Regeln zu gelten. Natürlich hat die deutsche Rechtschreibung viele Tücken. Zählen wir die wesentlichsten auf: Klein- oder Großschreibung, Getrennt- oder Zusammenschreibung, Zeichensetzung (wobei hiermit eigentlich nur die Verwendung des Kommas gemeint ist), Gebrauch des Bindestriches, Gebrauch der Zeitformen der Verben (Gegenwart, Vergangenheitsformen Imperfekt, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II).
Ziel unserer Deutsch-Kolumne ist es auch, immer wieder auftretende Unterschiede zwischen dem, wie es jetzt ist, und dem, wie es sein sollte oder häufig auch in der Vergangenheit war, festzustellen und möglichst zu beschreiben. In Anlehnung an die Geschichte von vor mehreren Hunderten von Jahren könnte man nun meinen: Da setzen sich eben heutige Sprachgelehrte hin und beschäftigen sich mit dem Jetzt-Zustand. Sie würden dann „deskriptiv“ tätig sein. Und nach geraumer Zeit werden die Ergebnisse ihrer Beschreibungen als „normativ“ erklärt. (Zum Teil geschieht so etwas auch schon im Duden – sehen Sie, wie viele Formen der Rechtschreibung nebeneinander geduldet werden.) Aber kann sich denn so etwas für die gesamte deutsche Sprache eignen? Verweisen wir auf die sogenannte Rechtschreibreform, die vor rund 25 Jahren über die Bühne ging. Besser wäre es wohl gewesen, sie hätte nicht stattgefunden.
Die CDU hat in ihr Wahlprogramm geschrieben: „In Sachsen-Anhalt gelten die Regeln der deutschen Rechtschreibung.“ Das heißt: Halten wir uns an das, was normativ ist!
Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.
Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 20
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