Im deutschen Sport werden gern Märchen erzählt. Ja, es wird regelrecht von ihnen geschwärmt. Ganz vorn reihen sich da die Balltreter ein. Und so schien 2026 wie gemacht für Hoffnungen auf ein neues Fußball-Sommermärchen. Träume, die allerdings von vornherein auf Sand gebaut waren. Ganz oben bei den Hinderungsgründen rangiert da natürlich der Hauptaustragungsort, die USA. Dass allerdings auch das eigene schwarz-rot-goldene Team zu den großen Spielverderbern zählte, schmerzt viel mehr.
Es sei, sagen Kritiker, ein Abbild unserer Gesellschaft, was da jenseits des großen Teiches zu besichtigen war. Die Haltung und der Auftritt der deutschen Spieler stehen, könnte gesagt werden, irgendwie symptomatisch für den Zustand eines ganzen Landes. Wir sind höchstens noch zweitklassig, nicht nur im Fußball: Unsere Wirtschaft erlebt eine Abwärtsspirale, wie wir sie schon lange nicht hatten. Meldungen über Pleiten und fortschreitende Deindustrialisierung machen fast im Tagestakt die Runde. Alle sind satt. Auf das WM-Team bezogen: Die Work-Life-Balance erschien im Kader, Trainer Julian Nagelsmann einbezogen, wichtiger als Trainingskonzeptionen. Im Camp gab es gleich mehrere „Familientage“. Samt Verwandtentross. Bei einer WM! Eigentlich unfassbar.
Der verheerend Kanzler-Post an die Mannschaft nach dem Paraguay-Debakel („Wir sind stolz auf Euch“) passt angesichts der allgemeinen Gemengelage ins Bild wie die berühmte Faust aufs Auge. Merz lebe offenbar in einer Parallelwelt, ätzte die Opposition.
Nein, Deutschland ist, wie der „Spiegel“ anmerkte, zu einem „Fußballzwerg geschrumpft“. Nichts ist es mehr mit dem Weltruf einer großen Fußballnation. Es war einmal. Sie wurde, bleiben wir im Märchenduktus, regelrecht entzaubert. Das einstige Siegel „Made in Germany“ hat seinen Wert verloren. Die heutigen Ergebnisse künden vielmehr vom fortwährenden Scheitern einer Nationalmannschaft („Sport Bild“: „Eine Mogelpackung“), die inzwischen, nach dem dritten frühen WM-Aus in Serie, für eigentlich nicht viel mehr als faulen Fußballzauber steht. Wir wollen, aber können nicht. Deutschland erlebt in Boston eine der bittersten Stunden seiner Fußball-Geschichte.
Es sei endgültig Schluss mit der Illusion, man befinde sich auf dem Weg zurück Richtung Weltspitze, konstatiert die „FAZ“. Vielmehr entferne man sich von ihr. „Wer andere Nationen in der Vorrunde (ver)zaubern sah, dem muss das deutsche Spiel eher wie ein misslungener Taschenspielertrick erscheinen. Sie täuschten dabei weniger die Zuschauer und auch nicht die Gegner, sondern vor allem sich selbst. Ein paar wenige Zauberer reichen nicht für erfolgreiche Vorführungen über fünf WM-Wochen.“ Dass der WM-Flop zudem eine Katastrophe für die Bundesliga bedeutet, ist ein zusätzliches Thema mit enormer Sprengkraft.
Die Aufzählung der Negativa könnte fortgeführt werden. Eine Turniermannschaft? Es war einmal. Bevor sich Deutschland von WM-Spiel zu WM-Spiel steigern konnte, war das Turnier schon vorbei. Die einstige Kernkompetenz, die körperliche Überlegenheit? Es war einmal. Die Spieler der Elfenbeinküste, aus Ecuador und Paraguay setzten sich auch dank physischer Stärke gegen die deutschen Scheinriesen durch. In allen (!) vier Partien hatten die Deutschen schlechtere Zweikampfwerte. An der Spitze ein blendender Trainer, wie Beckenbauer einst, oder (mit Abstrichen) auch Löw? Es war einmal. Nagelsmann wurde von allen Seiten, einschließlich der Medien, lange Zeit überschätzt. TV-Legende Marcel Reif zum Nagelsmannschen Fußball: „Beim besten Willen, da war kein System erkennbar.“ Und die Nervenstärke beim Elfmeterschießen? Es war einmal. Erstmals verloren die Deutschen bei einer WM in ihrer Spezialdisziplin, weil gleich drei Spieler verschossen.
Wer nun meint, im weltweiten Wettstreit der Leibesübungen dürfe eine Entwicklung wie die der Deutschen eben nicht nur am Fußball festgemacht werden: der irrt gewaltig. Die Trift nach unten ist hierzulande auch beim olympischen Sport unübersehbar, mit Händen zu greifen. Deutschland landet bei den Olympischen Spielen vor zwei Jahren in Paris mit nur 33 Medaillen auf Platz 10 und erzielt damit das schlechteste Ergebnis seit der Wiedervereinigung. Im Vergleich zu früheren Leistungen zeigt sich ein dramatischer Rückgang. Experten fordern bessere Sportförderung, um im internationalen Vergleich wieder konkurrenzfähig zu werden. Kritik kommt von den Athleten, die die finanziellen Kürzungen im deutschen Sport anprangern. Während Länder wie China und Frankreich (und selbst kleine Staaten wie die Niederlande) massiv in ihre Sportstrukturen investieren, bleibt Deutschland weit zurück. Die Hoffnungen, eine neue Olympia-Bewerbung könnte neuen Schwung bringen, erscheinen zumindest sehr vage.
Wenn man so will, und durch die Magdeburger Brille gesehen, sind es bei den populären Team-Sportarten tatsächlich die Handballer, die weltweit die deutsche Stange hochhalten. Nicht nur wegen der beiden Silbermedaillen der Nationalmannschaft zuletzt bei Olympia und EM. Mehr noch in den internationalen Klubwettbewerben, wo die Top-Bundesligisten mehr oder weniger den Trend bestimmen. Allein, für helle Strahlen am deutschen Sport-Horizont wird das nicht ausreichen.