Was macht die Macht des Geldes?
Ohne starke Finanzen ist im internationalen Handball kaum mehr ein Blumentopf zu gewinnen.
Von Rudi Bartlitz
Nachdem sich der Pulverdampf, der ein Wochenende lang über der Finalrunde der Handball-Champions-League schwebte, ein wenig gelegt hat, lassen sich einige Bilder etwas klarer erkennen. So auch die Sache mit den lieben Finanzen. Ein in Köln auf Traversen und in Hintergrundgesprächen oft und gern strapaziertes Thema.
Geld schießt keine Tore, lautet eine aus dem Fußball stammende alte Chimäre, die seit Jahr und Tag von Puristen des Sports gebetsmühlenartig durchs Dorf getrieben wird. Oh doch!, hält die andere Seite vehement dagegen. Und wie es Tore schießt! Ohne die erforderlichen Scheine (oder eben die durch Sponsoring, Werbung und Preisgelder ordentlich gefüllten Bankkonten) sei ein Durchbruch nach ganz oben einfach nicht möglich. National nicht, und international schon gar nicht.
Auf den ersten Blick schien sich also das, was die „Geld-schießt-Tore-These“ behauptet, in der Domstadt zu bewahrheiten. Keiner der vier Finalisten – weder Gewinner FC Barcelona, noch Aarhus Handbold, noch die beiden deutschen Klubs Füchse Berlin und der SC Magdeburg – ist im Armenhaus des europäischen Handballs zu Hause. Ein Blick auf die Finalrunden-Teilnehmer des letzten Jahrzehnts bestätigt diese Tendenz nachdrücklich. Allein sieben Mal ging der Cup an kapitalkräftige Vereine aus Deutschland (SC Magdeburg 2x, THW Kiel) und Spanien (FC Barcelona 4x). Allesamt ausgestattet mit einem Etat jenseits der zehn Millionen Euro. Was im Handball, im Gegensatz zum Fußball, eine Menge Geld ist.
Man braucht also Geld heutzutage. Viel Geld sogar. Wer im internationalen Tophandball mithalten oder sogar etwas gewinnen will, benötigt dafür starke, teils sogar außergewöhnliche Spieler. Das Portal „Handball World“ fasst es so zusammen: „Wer Geld hat, hat bessere Voraussetzungen. Mehr Breite. Mehr Qualität. Mehr Möglichkeiten.“ Aber Geld allein baue noch keine Mannschaft. Natürlich, Geld könne Namen, Erfahrung und Schlagkraft kaufen. Aber es kauft nicht automatisch Know-how und Struktur. „Nicht automatisch Hierarchie. Nicht automatisch Rollenverständnis. Nicht automatisch Widerstandsfähigkeit. Und schon gar nicht automatisch diesen Moment, in dem aus vielen guten Handballern ein verschworener Haufen wird.“
Andererseits: Man mag noch so viel Money einsetzen und bekommt, wenn es dumm läuft, relativ wenig dafür raus. Vereine wie Paris und Veszprem können ein Lied davon singen. Denn die besten Mannschaften Europas bilden sich heraus, wenn Spieler, Trainer und Klub wissen, wofür sie stehen. Die Behauptung, Geld schieße quasi von allein Tore und garantiere den Gewinn prestigeträchtiger Titel im Selbstlauf, stimmt also nicht so ganz. Gern werden da Vereine wie eben Paris St. Germain, One Veszprem oder Industria Kielce genannt. Obwohl die Geldpumpe dort zuweilen auf Hochtouren lief (oder noch immer läuft) – ein Champions-League-Triumph sprang nur einmal heraus – für die Polen 2016. Nehmen wir noch einmal Paris. PSG hatte Weltstars, hatte große Namen, große Etats, große Trainer. Und trotzdem fehlt bis heute der Champions-League-Titel. Der Klub war oft nah dran. Gewonnen haben sie die Königsklasse aber nie.
Wie es ohne großzügiges Mäzenatentum, beispielsweise aus dem Nahen Osten, gehen kann, das beweist seit Jahren der SC Magdeburg. Selbst wenn die beiden jüngsten Trips nach Köln (DHB-Pokal und Champions League) nicht den gewünschten Erfolg bescherten, eher einer Reise nach Lummerland glichen. Um nicht missverstanden zu werden: Auch Magdeburg hat Geld. Insider sagten: Mit einem (freilich unbestätigten) Etat nahe der 15 Millionen Euro sollen die Grün-Roten sogar den einstigen Krösus THW Kiel überholt haben. Denn Magdeburg hat Stars wie Gisli Kristjansson, Magnus Saugstrup, Felix Claar oder Omar Ingi Magnusson. Und die wollen bezahlt werden. Sie mögen noch so patente Sportsleute sein, für ein verbessertes Taschengeld laufen auch sie nicht auf.
Aber Magdeburg, das ist eben mehr als Geld. Magdeburg hat eine Idee. „Eine Spielweise“, so „Handball World“, die „nicht jeden Sommer neu erfunden wird, sondern weiterentwickelt. Einen Trainer, der diesen Klub kennt. Eine Mannschaft, die ihren Handball nicht nur spielt, sondern lebt.“ An der Elbe wurde etwas aufgebaut, das selten geworden ist: Kontinuität mit Entwicklung. Ex-SCM-Legende Stefan Kretzschmar in seiner Saisonanalyse 2025/26: „Dieses Team ist in dieser Dekade das Maß aller Dinge, das es auch künftig zu schlagen gilt.“
Aber Köln unterstrich noch etwas anderes: Handball, der Deutschen zweitliebstes Kind im Teamsport, hat sich auf Vereinsebene prächtig entwickelt. Das betrifft nicht nur die Erfolge in Champions League und Europa League. Das betrifft auch das Geld. Seit 2021 haben sich nach Angaben der „Frankfurter Allgemeinen“ die Etats in erster und zweiter Liga verdoppelt! Die Arenen sind proppenvoll, die Sponsoren-Front zeigt sich trotz der Wirtschaftskrise treu und stabil.
Dennoch ist, auch das wurde zu Füßen des Doms sichtbar, nicht alles eitel Sonnenschein. Der Reiz der Bundesliga, so noch einmal die „FAZ“, schafft Probleme für die Wettbewerbsintegrität. Anders gesagt, oder anders gefragt: Wie lange können ausländische Top-Klubs noch mithalten? Zumal: Wenn der Vogelzug internationaler Stars Richtung Deutschland weiter anhält. Wenn Spieler wie Aymeric Minne nach Flensburg, Dika Mem nach Berlin, Domen Makuc nach Kiel und vielleicht bald auch Thibaut Briet nach Magdeburg kommen, schwächt das die jeweils abgebenden französischen und spanischen Vereine weiter. Während Bundesligaspieler (Ausnahme: Juri Knorr nach Aarhus) nur selten ins Ausland gehen. Warum auch? Kaum etwas ist heute finanziell und hinsichtlich des Spektakels so attraktiv wie die Bundesliga.
Nr. 306 vom 24. Juni 2026, Seite 26
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