Sachsen-Anhalt altert in einem rasanten Tempo. Bis 2040 wird die Zahl der Erwerbstätigen im Land um mehr als zehn Prozent schrumpfen. Fast 13 Prozent aller Beschäftigten sind heute bereits über 60 Jahre alt – ein bundesweiter Spitzenwert. Die Babyboomer verabschieden sich in den Ruhestand, oft vorzeitig oder in Teilzeit. Gleichzeitig ist die nachrückende Generation kleiner und fordert häufiger eine bessere Work-Life-Balance abseits der 40-Stunden-Woche.
Trotz dieser unübersehbaren tektonischen Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt bleibt die politische Rhetorik erstaunlich konstant. Da wird mehr Sicherheit versprochen, eine lückenlose Gesundheitsversorgung auf dem Land, kleinere Schulklassen und eine schnelle Verwaltung. Es wird suggeriert: Wählt uns, und wir lösen eure Probleme. Doch diese vertraute Sichtweise – dass es da jemanden gibt, der mit einem Beschluss jedes Problem aus der Welt schafft – kollidiert zunehmend mit einer harten Realität: Es fehlt schlichtweg das Personal, um diese Versprechen einzulösen. Und dennoch streuen Wahlprogramme Sand in die Augen des Wahlvolks.
Die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, was der Staat leisten sollte. Die Frage lautet: Welche täglichen Leistungen und Dienstleistungen – sei es in der Pflege, bei der Polizei, in Schulen oder im Handwerk – können überhaupt noch erbracht werden? Wenn in der Verwaltung, im Baugewerbe und im Einzelhandel in Sachsen-Anhalt jeweils rund 20.000 Stellen wegbrechen, bedeutet das konkret: Straßen werden langsamer gebaut, Bauanträge bleiben liegen, Öffnungszeiten schrumpfen. Im Gesundheitssektor drohen noch gravierendere Engpässe, wenn die Boomer nicht nur als Arbeitskräfte ausfallen, sondern verstärkt pflegebedürftig werden.
Wir müssen uns von der Illusion der staatlichen Allmacht verabschieden. Die Politik muss aufhören, Sand in die Augen zu streuen. Statt unerfüllbarer Heilsversprechen braucht es einen ehrlichen Diskurs über Prioritäten. Was ist uns am wichtigsten? Wo müssen wir Abstriche machen?
Doch auch die Gesellschaft selbst muss umdenken. Die Erwartungshaltung, dass der Staat für jedes Problem eine fertige Lösung bereithält, ist ein Relikt vergangener Jahrzehnte. Ehrenamtliches Engagement, nachbarschaftliche Netzwerke und bürgerschaftliche Eigenverantwortung werden künftig keine ergänzenden Optionen mehr sein, sondern tragende Säulen der Daseinsvorsorge. Wer heute noch auf den Staat als allzuständigen Problemlöser vertraut, wird morgen bitter enttäuscht werden.
Zudem führt kein Weg an unpopulären Wahrheiten vorbei: Ohne Digitalisierung und vor allem ohne Zuwanderung ausländischer Fachkräfte wird der Kollaps nicht abzuwenden sein. Schon heute stabilisieren ausländische Beschäftigte – deren Zahl in Sachsen-Anhalt von 20.000 auf über 75.000 gestiegen ist – das System maßgeblich.
Sachsen-Anhalt ist das Labor, in dem sich die Zukunft Deutschlands im Zeitraffer abspielt. Es ist höchste Zeit, dass die Politik ihr Handeln und ihre Versprechen radikal an die Realität anpasst. Nur mit Ehrlichkeit lässt sich das Vertrauen erhalten, das nötig ist, um die kommenden Einschnitte gemeinsam zu tragen.